In Frieden und Freiheit

Im Gemeindehaus ist es dunkel, die Tür verschlossen. Zwei Plakate nennen den Grund für die Absage eines angekündigten Bibelabends zum Thema „Homosexualität“. Eine lebhafte Sechserrunde diskutiert das Thema trotzdem. ▪ Knitter

HALVER ▪ Die Evangelische Kirchengemeinde Halver hat den für Dienstag angesetzten Bibelabend, der sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen sollte, kurzfristig verschoben. AA-Autorin Christa Knitter mit einem ganz persönlichen Erlebnisbericht über eine Veranstaltung, die gar nicht stattgefunden hat.

„Eigentlich“, sage ich zu meinem Mann „möchte ich viel lieber mitdiskutieren, als über das Thema schreiben.“ Es ist Dienstagabend, 19.20 Uhr. Wir fahren die Marktstraße hoch, biegen in die Kirchstraße ein und halten auf dem Kirchplatz. In der Eingangstür zum Gemeindebüro stehen einige Personen. Ihre Körperhaltung signalisiert Ratlosigkeit. Ich steige aus dem Wagen, es nieselt: „Möchten Sie auch zu dem Bibelabend der Evangelischen Kirchengemeinde zum Thema Homosexualität?“ „Ja, aber im Gemeindehaus ist niemand und alles ist dunkel.“ Vielleicht ist der Veranstaltungsort verlegt worden. Ich schaue nach. An der gläsernen Eingangstür zum Gemeindehaus kleben zwei Plakate: „Wegen der Stimmungsmache im Allgemeinen Anzeiger haben wir den Bibelabend verschoben. Wir möchten die Bibel in Frieden und Freiheit lesen.“

Die Gäste aus Halver, Lüdenscheid, Altena und Oberbrügge staunen: „Wie soll man die Bibel denn sonst lesen? Das geht nur in Frieden und Freiheit.“ Doch dann wird allen bewusst: „Wir haben nun keine Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. So geht man mit Leuten doch nicht um.“ Kein Pfarrer, kein Presbyter empfängt die geladenen Gäste und sagt die Veranstaltung persönlich ab. „Das ist kein gutes Betragen“ sagt einer. Alle nicken. Ich auch.

Insider wissen über die Absage Bescheid. Doch ein junges Paar nähert sich, und als wir auf die Plakate weisen und stenogrammartig sagen: „Iss nich“, setzt es seinen Weg fort. Der Besucher aus Altena erinnert an den Ursprung der Halveraner Homo-Debatte und den Brief an Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, den vor rund einem Jahr auch die Pfarrer aus Halver und Oberbrügge unterschrieben haben: „Wenn man so zur Sache geht, muss man auch damit umgehen können, wenn einem ein rauer Wind ins Gesicht weht.“

Ein blonder Junge kommt, für den Abend mit einer dicken Bibel unter dem Arm aufs Feinste gerüstet, und ein Oberbrügger Promi ist vorgefahren. Unser wiederholtes „Iss nich“, garniert mit abermaligem Plakathinweis, lässt ihn den Kopf schütteln.

Ein älterer Herr, mittendrin in unserer diskutierfreudigen Sechserrunde, gibt sich überzeugt, dass zivilisierte Menschen gut miteinander reden können, doch sein eigentliches Anliegen wird an diesem Abend nicht befriedigt: „Mich interessiert nicht, was Menschen sagen, sondern was Gott sagt. Unter sein Wort würde ich mich beugen, auch wenn es mir schwer fiele.“ Ein Gast aus Lüdenscheid weist darauf hin, dass Jesus zu Homosexualität und auch zum vorehelichen Geschlechtsverkehr nichts gesagt habe. Man müsse da schon beim „Spitzenpersonal“ – eben Paulus – nachschauen. Dessen immer wieder zitiertes „Die Frau schweige in der Gemeinde“ sei in westlichen Breiten allerdings längst eine Lachnummer. So wäre denkbar, dass sich auch der Blick auf die Homosexualität allmählich wandele. Es wird Sympathie für die Erklärung der Landessynode aus dem Jahr 1996 gehegt, in der es unter anderem heißt: „Angesichts des biblischen Befundes kann geschlossen werden, dass homosexuelle ebenso wie heterosexuelle Partnerschaften an den Kriterien einer vom Liebesgebot her gestalteten Beziehung zu messen sind: an Freiwilligkeit, Ganzheitlichkeit, Verbindlichkeit, Dauer, Partnerschaftlichkeit und gegenseitiger Fürsorge.“

Wir stehen immer noch, vor Nieselregen und Wind geschützt, unter dem Eingang des Gemeindehauses. Einig wird man sich darüber, dass bei der Interpretation von Bibelzitaten Ort und Zeit, aber insbesondere das politische, gesellschaftliche und soziale Umfeld eine Rolle spielen.

Ich frage mal in die Runde: „Und wer hat die Deutungshoheit über die Auslegung der Bibel?“ Wir nicht, das ist mal klar. Der ältere Herr hätte aber trotzdem an diesem Abend gern eine Lebensrichtschnur mit nach Hause genommen: „Wenn ich nicht weiß, was richtig ist, wie kann ich dann das Richtige tun?“ Er ist, was die Homosexualität angeht, „für die konservative Pastorenmeinung.“ Dass keiner der Amtsträger da ist, gilt aber nicht nur ihm als „ziemlich feige“.

Nach 45 Minuten Diskussion sind wir uns nahe gekommen. Wir reichen uns zum Abschied die Hände, hoffen auf ein Wiedersehen, und ich sage: „Trennen wir uns in Frieden.“ Der junge Mann mit dem Wuschelkopf weist auf das Plakat. Er lacht: „Und lesen die Bibel in Freiheit ...“

Es nieselt immer noch. Aber irgendwie ein bisschen wärmer. ▪ Christa Knitter

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