Halvers Wehrleute stempeln keine Stundenzettel

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HALVER ▪ Für die Männer und Frauen der Freiwilligen Feuerwehr ist die Sache klar: Brennt es irgendwo im Stadtgebiet, geht’s für sie raus. Doch so einfach könnte das bald nicht mehr sein – zumindest dann, wenn sich einige Arbeitsrechtler in der Europäischen Union durchsetzen.

Die fordern eine maximale wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden – auch für Ehrenamtler. Ein Unding, meint Stadtbrandinspektor Stefan Czarkowski. Wenn der heimische Europaabgeordnete Peter Liese (CDU) auch in der vergangenen Woche noch betonte, diese Forderung sei kein „akutes Problem“, da er vom Scheitern der entsprechenden Verhandlungen zur neuen Arbeitszeitrichtlinie in Brüssel ohnehin ausgeht (wir berichten auf unserer Kreisseite). Aus der Luft gegriffen seien die Sorgen der Feuerwehren allerdings nicht – und so wehrt sich die Wehr mit Kräften gegen eine Novellierung, die sich aus ihrer Sicht negativ auf die Sicherheit der Bevölkerung auswirken würde.

„So etwas ist nicht tragbar und erst recht nicht umsetzbar“, sagt denn auch Stefan Czwarkowski. Als Chef von 170 aktiven Halveraner Wehrleuten weiß er um die beizeiten hohe Einsatzdichte, die in der Öffentlichkeit nur selten deutlich werde. Denn: Es gibt eben nicht nur die großen Brände, über die in den Folgetagen im AA berichtet wird. „Wir fahren auch zu Menschen in Notlagen hinter verschlossenen Türen oder haben Einsätze bei Suizidversuchen, die wir aus Rücksicht der Beteiligten nicht veröffentlichen“, sagt Czarkowski. Zuletzt habe die Wehr einen Adipositas-Patienten aufgrund seines Körpergewichts und -umfangs mit dem Hubrettungswagen aus seiner Wohnung verhelfen müssen.

Und so seien bis zu drei Einsätze pro Tag keine Seltenheit, so Czarkowski. Dann noch die maximale Arbeitszeit der einzelnen Helfer einzuhalten, sei schier unmöglich. Zumal die Wehrleitung auch noch den so genannten Personalausfallfaktor berücksichtigen muss. Der liegt in Halver bei vier – das heißt: Für einen Einsatz, der 40 Wehrleute erfordert, müssen mindestens 160 alarmiert werden. Denn aufgrund des Ehrenamts ist mit einer natürlich Ausfallquote zu rechnet – sei es aufgrund von Arbeit, Urlaub oder Krankheit. Würden also aufgrund der erreichten maximalen Arbeitszeit bereits 20 Einsatzkräfte für den Rest der Woche ausfallen, wäre eine richtlinienkonforme Alarmierung in manchen Fällen gar nicht mehr möglich. Benachbarte Löschzüge müssten dann häufiger einspringen – doch auch die wären natürlich Leidtragende der neuen Arbeitszeitrichtlinie.

Das nächste Problem: die Geräte. „Die Anforderungen an die Bedienung steigen. Es kann nicht mehr jeder Feuerwehrmann mit jedem Gerät umgehen. Da braucht man spezielle Schulungen“, sagt Stefan Czarkowski. Fällt ein „Spezialist“ also aufgrund des Stundenlimits aus, muss ein anderer parat stehen – und dafür zusätzlich ausgebildet werden. Doch auch diese Zeit müsste schließlich in die Arbeitszeitberechnung einfließen, meint der Stadtbrandinspektor. „Ob Aus- oder Fortbildung, Instandhaltung oder Pflege der Geräte – all das zählt ja auch zur Arbeitszeit der Feuerwehr.

Und so sieht Czarkowski die Existenz der Freiwilligen Feuerwehren bedroht, wenn die Arbeitszeitrichtlinie auch auf sie angewendet werden sollte. An die Konsequenzen mag er gar nicht denken: Denn dann müssten unrealistisch viele Freiwillige den Dienst am Schlauch antreten, um die Dienstzeiten einhalten zu können. Das Ende der Freiwilligen Wehr wäre besiegelt. Und was unglaublich klingt, müsste die Stadt tatsächlich in Erwägung ziehen: die Aufstellung einer Pflichtwehr. „Das sieht das Gesetz über Feuerschutz und Hilfeleistungen so vor“, sagt Czarkowski. Die Motivation einer solchen Truppe möchte er sich gar nicht ausmalen – und so weit soll es auch nicht kommen. ▪

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