Freispruch nach Pflastersteinen im Schlafzimmer

Symbolbild

Halver - Zwei Pflastersteine durchschlugen am 1. September gegen 1.10 Uhr die beiden Fenster eines Schlafzimmers an der Hermann-Köhler-Straße. Glücklicherweise wurde der Flug der Wurfgeschosse durch einen dicken Vorhang gebremst, so dass die in diesem Zimmer schlafende Frau nicht verletzt wurde.

Von Thomas Krumm

Noch unglaublicher war, dass die 54-Jährige von dem Knall zunächst nicht aufwachte: „Ich habe einen sehr tiefen Schlaf“, sagte die Zeugin gestern im Amtsgericht Lüdenscheid, wo sich ein 50-Jähriger aus Halver wegen Sachbeschädigung verantworten musste.

Er bestritt den Wurf. Und weil auch die Zeugin in der Nacht nicht gesehen hatte, wer die Steine geworfen hatte, wurde er in dieser Sache letztlich freigesprochen. Dabei hatte es ernste Hinweise gegeben, dass der Angeklagte die Steine in jener Nacht geworfen hatte. Knapp sechs Stunden nach dem Vorfall, also gegen sieben Uhr, traf die Geschädigte den Mann in der Stadt, wo er ihr massiv gedroht haben soll. Die Steinwürfe seien nur der Anfang, soll der 50-Jährige gesagt haben. Und er würde der Zeugin „alle Knochen brechen und die Zähne ausschlagen“.

Monatelang sei sie aufgrund der dadurch ausgelösten Ängste nur noch mit dem Hund oder einem anderen Begleiter vor die Tür gegangen, berichtete die 54-Jährige. Wie sehr sie das Geschehen mitgenommen hatte, machte ihre heftige Reaktion auf die erste Frage des Verteidigers deutlich: „Warum quälen Sie mich noch? Habe ich nicht genug gelitten?“

In der ursprünglichen Anklage der Staatsanwaltschaft war diese Bedrohung enthalten. Allerdings war dieses Verfahren mit Blick auf die Sachbeschädigung vorläufig eingestellt worden – eine Verfahrensabkürzung, die eine Verurteilung wegen einer Bedrohung gestern unmöglich machte. Die Staatsanwaltschaft muss nun entscheiden, ob sie nach dem Teil-Freispruch dieses Verfahren wiederaufnimmt.

Weitgehend im Dunkeln blieb in der Verhandlung der Grund für die Familienfehde, die offenbar schon seit längerem tobt. Es muss einst eine Zeit gegeben haben, in der der Angeklagte und die Zeugin relativ friedlich nebeneinander wohnten.

„Man kannte sich vom Sehen und grüßte sich – das war’s“, erinnerte sich die Zeugin an nachbarschaftliche Zeiten. Möglicherweise führte eine Trennung des Angeklagten und seiner Partnerin dann zu neuen Fronten, die seinen Zorn schließlich auch auf die 54-Jährige lenkte. Per Gerichtsbeschluss wurde ihm schließlich untersagt, sich ihr zu nähern. Das half nicht, wie die 54-Jährige im Gerichtssaal erklärte: „Diese Anordnung brach er täglich – manchmal mehrfach.“

Richter Peter Alte verwies auf die ernstzunehmenden „Hinweise, dass der Angeklagte der Steinewerfer in jener Nacht war.“ Diese reichten letztlich für eine Verurteilung allerdings nicht aus. In einem herrschte jedoch große Klarheit: „Ich habe keine Zweifel daran, dass die Zeugin die Wahrheit gesagt hat“, verabschiedete sich Richter Peter Alte, und die Staatsanwältin sprach von den „erheblichen Folgen der Bedrohung“. Möglicherweise wird es demnach eine erneute Verhandlung in dieser Sache geben.

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