Fluchtversuche eines verhinderten Machos

+
Obwohl der gequälte Gesichtsausdruck anderes vermuten lässt, machte die Schnupperstunde Spaß – und zeigte mir, dass ich alles andere als ein geborener Tänzer bin. ▪

HALVER ▪ Flucht vor den beiden „Profis“, Machogehabe und das Gefühl, in einer Art menschlichem Autoscooter gelandet zu sein und bellen zu müssen. Das in Kombination mit Überforderung und Koordinationsschwierigkeiten. Was eher nach einem wirren (Alp-) Traum klingt, sind die Erfahrungen, die ich in einer Schnupperstunde in Sachen Tango Argentino am Samstag gemacht habe.

60 Minuten zuvor: 29 Personen stehen mit mir zusammen auf einem ausgerollten glatten Boden auf der Terasse der Herpine zusammen, machen fahrige Gesten und lachen nervös. Wir sind diejenigen, die testen wollen, ob sie sich zu sinnlichen Rhythmen im Takt bewegen können.

André Amberge und Christel Schulte werden in den kommenden 60 Minuten versuchen, uns die Grundelemente des Tango Argentino zu vermitteln, der im 19. Jahrhundert in Buenos Aires entstand. „Es handelt sich um einen freien Tanz ohne feste Schrittabfolgen. Die Grundelemente werden immer neu kombiniert, sodass Improvisation gefragt ist“, erklärt André und ergänzt: „Der Rhythmus ist euer Chef.“

Mein Chef ist die Nervosität. Immerhin stellt sich heraus, dass meine Tanzpartnerin mit mir einiges gemeinsam hat: Dagmar ist wie ich ohne Partner hier aufgetaucht, hat keinerlei Vorkenntnisse und vor allem ebenfalls Zweifel daran, ob das hier das Richtige für sie ist. Also perfekte Voraussetzungen.

Los geht’s mit den ersten beiden Basiselementen: dem einfachen Gehen auf der Stelle und dem Vor- und Zurücklaufen mit federnden Schritten und anschließenden „Stops“, was jeder für sich übt. Das klappt, ich bin sogar im Rhythmus. Als Dagmar und ich jedoch zum ersten Mal als Paar loslegen und uns schwer aufeinander abstimmen können, einigen wir uns schließlich darauf, dass ich führe.

Dass der Mann führt, sollte beim Tanzen natürlich generell der Fall sein. Vor allem aber, wenn Tango Argentino angesagt ist, denn die Grundidee des dynamischen „Führens und Folgens“ steht hier im Mittelpunkt. „Es ist ein Stil für Machos“, klärt uns Christel augenzwinkernd auf.

Also mache ich auf Macho und versuche, im Rhythmus zu bleiben, zu führen und dynamisch zu sein. Und weil ich ja auch noch Verantwortung tragen soll, muss ich für Dagmar und mich darauf achten, dass wir nicht die anderen Paare anrempeln. Die Frau ist es nämlich, die beim Tango Argentino stets rückwärts geht und sich auf ihren Partner verlassen muss.

Also verlassen sich die Tänzerinnen auf uns Machos, die zum Teil völlig überfordert sind und auf der engen Tanzfläche immer wieder Kollisionen verursachen. Die einzigen Unterschiede zum Autoscooter bestehen lediglich darin, dass die Rempeleien wohl keine Absicht sind und dass ich vorher nirgendwo eine Münze einwerfen musste.

„Polonaise“ mit

dem Tanzlehrer

Mittlerweile ist auch der Tanzlehrer auf unsere unbeholfenen Versuche aufmerksam geworden, spannt mir Dagmar aus und fordert mich auf, ihn an den Schultern zu fassen und zu begleiten. Das hilft mir weiter, weil ich begreife, was ich falsch mache. Allerdings muss das so idiotisch aussehen, dass ich von nun an verstärkt darauf achte, möglichst weit von André entfernt zu tanzen. Der hat übrigens Dagmar darauf hingewiesen, dass sie zu schnell ist. Und indirekt mich kritisiert, denn ich bin es ja, der führen soll.

Also versuche ich wieder, zu führen. Und zähle jetzt die Schritte laut mit. Das klappt besser – jedenfalls bis Christel uns erklärt, dass die Kommunikation zwischen Tänzern sich auf die rhythmischen Bewegungen beschränken sollte.

Als wir das Pendeln – abwechselnde seitliche Ausfallschritte – einstudiert haben und in die Bewegungsabläufe einbauen sollen, sind Dagmar und ich völlig überfordert. So sehr, dass ich nicht mitbekomme, wie sich Christel anpirscht, um mir eine Lektion in Sachen „Macho“ zu erteilen. Das sieht so aus, dass sie sich gegen meine Brust stützt und mich auffordert, sie zu führen. Ich drücke und führe, während sie mich permanent anfeuert mit den Worten „Ja, komm! Ja, komm!“.

Jetzt weiß ich, wie sich ein Hund fühlen muss. Ein Leckerli bekomme ich zwar nicht, darf aber zumindest nochmal an Dagmar meine frisch erworbenen Fähigkeiten als Macho testen, ehe die Schnupperstunde vorbei ist.

Trotz einer Mischung aus Orientierungs- und Hilflosigkeit hat die Stunde Spaß gemacht. Als Christel und André abschließend demonstrieren, wie elegant Tango Argentino aussehen kann, bin ich beeindruckt. Und weiß jetzt, dass Tango Argentino und ich künftig einen großen Bogen umein-ander machen werden. Sven Prillwitz

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare