Wie ein Fenster zu einer anderen Welt...

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Unter der Leitung von Karin Göcke besuchen die Tagespflegegäste des Seniorenzentrums Bethanien einmal in der Woche das „Erinnerungszimmer“ und erwecken die „alten Zeiten“ zum Leben.

HALVER ▪ Wer den Raum betritt, tritt eine Zeitreise an. In eine Zeit, als Deutschland sein Wirtschaftswunder erlebte, als über die Radiogeräte Ilse Werner und Peter Kraus zu hören waren und Revuefilme in Schwarz-Weiß mit Marika Rökk oder Willy Fritsch über die ersten Fernsehgeräte flimmerten.

Wer die Tür zum „Erinnerungszimmer“ im Seniorenzentrum Bethanien öffnet, wird in die 1950er Jahre zurückversetzt: Die Wände ziert eine bräunliche Strukturtapete, vor der Sitzgruppe steht der für diese Jahre typische Nierentisch und an der Wand findet sich die große Truhe, in der Plattenspieler und Radio Platz finden.

In diesem Zimmer werden Erinnerungen wach –  an für viele Menschen „gute alte Zeiten“. Und gerade das ist ausdrücklich gewollt. Das „Erinnerungszimmer“, wie es die Verantwortlichen des Seniorenzentrums Bethanien nennen, möchte Erinnerungen wecken, die Sinne reizen und zum Erzählen animieren. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie die Senioren reagieren, wenn sie mit dem Zimmer und seinen Gegenständen konfrontiert werden“, weiß Karin Göcke, derzeitige Leiterin der Tagespflege. Denn gerade „ihre“ Senioren sind es, die in der Regel einmal in der Woche ins „Erinnerungszimmer“ kommen und einen gemeinsamen Nachmittag dort verleben.

Vor dem Hintergrund, dass 80 Prozent der Tagespflegegäste an Demenz erkrankt sind, wurde das Zimmer vor gut drei Jahren im Erdgeschoss des Hauses an der Bachstraße eingerichtet – im Stil der 1950er Jahre, also einer Zeit, als die heute 80-Jährigen „in der Blüte ihres Lebens“ waren. „Wir haben das Zimmer so eingerichtet, wie unsere Senioren es selbst erlebt haben“, erklärt Göcke weiter und weiß mittlerweile um den Erfolg.

Um Reaktionen bei den Tagespflegegästen „herauszukitzeln“, werde der Besuch des „Erinnerungszimmers“ immer mit einem kleinen Programm verbunden. „Wir treffen uns hier zum Kaffeetrinken, lassen die entsprechende Musik laufen oder zeigen den Senioren Filme aus den 50er Jahren“, erklärt Göcke. Dadurch würde eine ganz besondere Stimmung und Atmosphäre geschaffen, in der man mit den Besuchern leichter ins Gespräch kommen könnte. „Dann fängt man halt an zu plaudern“, weiß Göcke, dass es jene gibt, die von sich aus Erinnerungen abrufen und erzählen, aber auch jene, bei denen das Team nachfragen muss. „Wo haben Sie denn früher Urlaub gemacht?“, „Wohin sind Sie denn zum Tanzen gegangen?“ oder „Hatten Sie auch so einen Teewagen in Ihrer Wohnung?“ – solche und andere Fragen regen die Gespräche an. „Das ist bei manchen, als wenn ein Fenster zu einer alten Welt aufgeht“, so Göcke.

Das Inventar des liebevoll gestalteten Raumes, in dem natürlich auch ein altes Büfett mit Porzellan, ein alter Fernseher sowie Blumen und Deko-Artikel nicht fehlen, wurde übrigens zusammengesammelt. „Der eine hatte von seiner Oma noch einen Schrank auf dem Dachboden, die andere ist begeisterte Trödelmarkt-Gängerin und hat immer mal etwas mitgebracht“, erzählt Göcke – und hat sogleich eine Bitte parat: „Wir benötigen dringend eine neue Sitzgarnitur, da es den Senioren schwer fällt, von der vorhandenen wieder aufzustehen“, weiß die Leiterin um die Probleme der Senioren. „Wenn jemand eine Couch mit Sesseln im Stile der Zeit, aber auch geeignet für ältere Menschen, hat, kann sich gerne bei uns melden“, bitten Göcke und ihr Team um Unterstützung. Denn auch in Zukunft sollen die an Demenz erkrankten Senioren schließlich die Möglichkeit haben, sich ihrer glücklichen Vergangenheit zu erinnern.

Wer dem „Erinnerungszimmer“ im Seniorenzentrum Bethanien weiter helfen möchte, kann sich mit Karin Göcke, Telefon 0 23 53 / 91 61 29, in Verbindung setzen. ▪ Kerstin Zacharias

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