Fokus auf Naturschutz

Extinction Rebellion ist gegen neue Baugebiete 

Thilo Kortmann steht im ehemaligen Wald seiner Kindheit. Der gebürtige Halveraner kann nicht wie verstehen, wie gleichzeitig neue Baugebiete entstehen sollen
+
Thilo Kortmann steht im ehemaligen Wald seiner Kindheit. Der gebürtige Halveraner kann nicht wie verstehen, wie gleichzeitig neue Baugebiete entstehen sollen

Die geplanten Baugebiete Herksiepe und Schillerstein sorgen nach wie vor für Diskussion. Auch Thilo Kortmann hat dazu eine Meinung. Er steht hinter der Halveraner Version der Umweltschutzbewegung Extincion Rebellion. Im Interview mit Sarah Lorencic spricht er über seine Gedanken, die Rolle der Natur und die Diskussion in der Politik.

Es sollen zwei neue Baugebiete in Halver entstehen. Was sind Ihre Gedanken dazu?
Der erste Gedanke „Schon wieder Baugebiete! Wieso, weshalb, warum?“ Mittlerweile entstehen ja fast jährlich neue Baugebiete in Halver. Ob Wohn- oder Industriegebiete. Verwunderlich, weil ja der Bürgermeister sich für einen Klimaschutz-Manager starkmacht. Ob dieser so ein Projekt gut heißen würde? Es ist bedrückend, dass so hemmungslos weiter gebaut wird, dass intakte Natur geopfert werden soll, obwohl die ökologischen Schäden gerade momentan durch den Borkenkäfer in Halvers Wäldern extrem hoch sind. Es werden momentan Tausende Festmeter Holz weggeschafft und es interessiert offensichtlich niemanden. Das sind doch konkrete Anzeichen für den Klimawandel. Wie wirkt sich das Ganze auf das Wild aus? Eine weitere Bebauung vertreibt doch auch die Flora und Fauna. Wir gönnen jeder jungen Familien ein Haus. Nur sollte sich mehr Mühe bei der Suche nach alternativen Bauorten gemacht werden.
Wie sollte in Zukunft gebaut werden?
Es sollte zu aller erst nach brachliegenden Flächen und Leerstand geschaut werden, bevor intakte Natur geopfert wird. Das ist zeitgemäß und modern. Und wird vielerorts von der Politik gefördert. Jeder Klimaschutz-Manager würde zu diesem Vorgehen raten.
Sie sagen, man soll akzeptieren, wenn die Besitzer nicht verkaufen wollen. Aber wie soll man sonst Lücken füllen?
Es muss sich einfach viel mehr Mühe gemacht werden, wenn man nach Alternativen sucht. Man kann doch nicht immer daherkommen und Idyllen zerstören. Ich glaube den Beteiligten da einfach auch nicht, sich besonders viel Mühe bei der Suche nach alternativen Standorten zu begeben. Alte, riesige und verkommene Firmengelände wie das der Firma Boucke am Herpiner Weg – inwieweit könnten solche Firmengelände in Wohngebiete umgewandelt werden?
Welche Rolle sollte die Natur spielen?
In unseren Zeiten sollte Natur die erste Rolle spielen. Eigene Interessen zurückstecken, aus Solidarität zur Natur. Zu dieser Denkweise sollte auch der Halveraner kommen. Wir reden ja immer von Solidarität. Wenn man ein Vorbild für seine Kinder sein möchte, dann sollte man ihnen zeigen, dass Natur einem unglaublich wichtig ist. Dann kann man ihnen später stolz erzählen: „Guck mal, da haben wir nicht gebaut, weil Natur uns so wichtig ist. Weil uns als Halveraner die Natur so sehr am Herzen liegt.“ Und die Kinder machen es dann nach. Nur so kann die Zukunft aussehen.
Wie schätzen Sie den Zustand in Halvers Natur ein?
Ich sehe momentan so viele kahle Flächen in den Wäldern ringsum Halver wie noch nie in meinem Leben. Ich sehe Rehe durch Trümmerfelder im Wald hopsen. Flora und Fauna leiden. Das macht traurig. Und bereitet Sorgen.
Sehen Sie politischen Handlungsbedarf?
Unbedingt. Interessenpolitik in Sachen Naturschutz würde weiterhelfen. Es soll ja ein Klimaschutz-Manager in Halver aktiv werden. Vielleicht sollte man auf dessen Ratschläge hören, bevor man intakte Natur für Baugebiete opfern.
Wie soll Ihrer Meinung nach Halver in zehn Jahren aussehen?
Es geht ja in den Diskussionen viel um die Attraktivität Halvers. Diese kann aber auch nur gewährleistet sein, wenn die Stadt gesunde Wälder, viele grüne Wiesen vorzuweisen hat. Wenn junge Leute kranke Wälder, zugebaute Flächen sehen, ist es dann attraktiv für sie, nach Halver zu ziehen? Man muss umdenken! Vielleicht ist ja intakte Natur in Zukunft das Kriterium für Attraktivität.
Wer soll Ihrer Meinung nach in zehn Jahren in Halver leben?
Jung und Alt. Menschen mit Umweltbewusstsein. Vor 100 Jahren gab es noch Bewegungen, die sich für Wanderwege und ihren Wald eingesetzt haben. Die Wandervögel zum Beispiel. Junge Menschen haben sich für die Natur eingesetzt. Da wurden Bänke und Schilder an Quellen von Bächen errichtet. Aus Respekt vor der Natur. Heute sind die Orte verkommen. Wie zum Beispiel am Hälversprung. Keinen interessiert es, keinen kümmert es. Die Natur war früher oft wichtiger als persönliche Interessen. Der Natur wurde eine besondere Ehre erwiesen.
Wie bewerten Sie die politische Diskussion?
Der Parteien-Block aus CDU, UWG, FDP und Grüne kommt schon gewaltig daher. Die SPD, die ja die Kommunalwahl gewonnen hat, wirkt auf verlorenem Posten. Auch in zukünftigen Entscheidungen. Man kann ja schon erahnen, wie das dann bei weiteren Entscheidungen vor sich geht. 4 gegen 1. Obwohl der Bürger SPD gewählt hat. Ob das so demokratisch vertretbar ist?
Sind Sie gegen neue Baugebiete?
Deutschland ist in Sachen Grünflächenfraß in Europa an der Spitze. Klar argumentiert man in der Politik, dass man bei 40 Häusern nicht von Grünflächenfraß reden könne. Aber dann stellt sich doch die Frage, wenn die Fläche der neuen Baugebiete nicht der Rede wert ist, warum opfert man dann wertvolle Natur und sorgt sich nicht um Alternativen.
Was sagen Sie zu dem Verhalten der SPD, die sich bei der Entscheidung enthalten hat?
Enthalten ist ja so ein Pseudoweg. Klare Kante ist besser. Der Wähler dankt es einem, wie man bei der Kommunalwahl gesehen hat. Bemerkenswert und überraschend ist, dass die SPD als neue Klimaschutzpartei in Halver agiert. Die Partei hat die Rolle der Grünen übernommen. Die Grünen verfolgen in Halver andere Interessen, nur nicht den Umweltschutz. Bemerkenswert und wichtig ist auch, dass die SPD jetzt nicht unter dem Druck des neu gebildeten Vier-Parteien-Blocks zusammenbricht.
Was sagen Sie zu den Grünen?
Wenn man als Mitglied der Grünen die kranken Wälder sieht, die Natur sieht, wie diese leidet, und dann Bauprojekte vorantreibt. Da stellt sich doch die Frage, ob man in der richtigen Partei ist.
Die Grünen haben einen Antrag vorgelegt. Was sagen Sie dazu?
Verwunderlich, weil die Grünen bundesweit gesehen ja momentan eigentlich für eine andere Politik stehen. Für Umweltschutz und Klimaschutz. Für eine alternative Politik. Nur nicht in Halver. Die Partei scheint in Halver eine Mogelpackung zu sein. Wo grün draufsteht, muss nicht grün drin sein.
„Vor 30 Jahren wurde da aber auch gebaut.“ Was sagen Sie zu diesem Argument?
Was Generationen vor uns gemacht haben, war nicht immer richtig. Die Erde hat sich in den 30 Jahren verändert. Man sollte das auch mal wahrnehmen und seine Bedürfnisse anpassen. Es ist dieser endlose Kreislauf aus „Das haben unsere Eltern ja auch gemacht, also dürfen wir das dann auch“. So verschließt man die Augen vor den Veränderungen in der Umwelt. Auch über Halvers Grenzen hinweg.
Wie blicken Sie auf den Wald in Halver, der durch den Borkenkäfer stirbt?
Ich wandere viel. Und seitdem ich auf der Welt bin, habe ich das noch nicht erlebt. Das muss aufrütteln, wenn man noch einen Sinn für den Wald hat. Im Wald bin ich groß geworden. Der Wald, in dem ich viel gespielt habe, gehört auch zu dem vom Borkenkäfer zerstörten Gebiet. Es waren zum Teil Tannen, die neu angepflanzt wurden, als ich 14 Jahre alt war. Diese wurden nur 28 Jahre alt.
Für die Bausiedlung Schmittenkamp in Oberbrügge wurde als Ausgleich eine Hecke für Neuntöter gepflanzt. Ist das schon mal was?
Das wiegt ja längst nicht den Schaden auf, der durch so ein Baugebiet verursacht wurde. Es ist eine Geste, mehr aber auch nicht.
Können Sie die Bedenken und Argumente der Anwohner verstehen?
Auf jeden Fall! Es ist ja auch schön idyllisch am Mesenhohl. Mit schönem Bauernhof, Wiesen und Wald. Aber man muss auch weiter denken, denn es gibt noch viele ähnliche Situationen mit Grünflächen und Anwohnern in anderen Halveraner Gebieten. Wie wird entschieden, wenn es dann wieder heißt „Wir brauchen Industriegebiete oder Wohngebiete, um attraktiv zu bleiben. Junge Familien sollen in Halver leben?“ Es ist ja eine Never-Ending-Story. Dann wird vielleicht wieder ein Stück Natur zerstört. Und Halver ist in 200 Jahren verschandelt und dann will keiner mehr nach Halver, weil intakte Natur zu wenig vorhanden ist. Und die ist dann für junge Familien wichtiger als alles andere. Deshalb muss man sich wehren, damit politisch niemals der einfachste und profitabelste Weg gegangen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare