Hochwasser im Märkischen Kreis und in Hagen

Ex-Soldat rettet schwerkrankes Kind aus den Fluten: Der Held mit dem Bundeswehr-Lkw

Bianca Caspari (links) ist Dustin Raats dankbar, dass er ihre schwerkranke Tochter Chantal gerettet hat. Krankenpflegerin Lorena Schnur (rechts) fuhr mit Chantal im Bundeswehr-Lkw mit nach Halver.
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Bianca Caspari (links) ist Dustin Raatz dankbar, dass er ihre schwerkranke Tochter Chantal gerettet hat. Krankenpflegerin Lorena Schnur (rechts) fuhr mit Chantal im Bundeswehr-Lkw mit nach Halver.

Die Geschichte wirkt wie ein Wunder. Für die Familie ist es eins. Der Strom ist weg, das Wasser kommt näher. Das Beatmungsgerät von der 13-jährigen Hagenerin ist fast erschöpft. Hilfe ist nicht in Sicht, doch dann beginnt die Heldengeschichte.

Halver/Hagen – Es ist 22 Uhr am Mittwoch. Reißende Wassermassen umspülen das Haus in Hagen-Priorei. Die Zeit läuft ab. Nur noch eine Stunde, dann ist die Akku-Kapazität des Beatmungsgeräts der 13-jährigen Chantal Caspari erschöpft. Bianca Caspari bangt in dieser Nacht mehr denn je um das Leben ihrer schwerkranken Tochter.

Um 17.40 Uhr, als im Volmetal die Straßen voll Wasser laufen, ruft die Hagenerin die 112 an, gibt Bescheid, dass ihre Tochter – an Morbus Pompe erkrankt und rund um die Uhr beatmet – ein Stromaggregat benötigt für den Notfall. Niemand kommt. Das Wasser steigt unaufhörlich. Fluchtmöglichkeiten gibt es keine mehr.

Priorei ist inzwischen eingeschlossen. Der Strom wird abgestellt. Zwei Stunden Restlaufzeit signalisiert der Akku, als Bianca Caspari ein weiteres Mal einen Notruf absetzt. „Man hat uns alle aufgegeben“, verzweifelte die 36-Jährige in dieser Situation. Doch es soll anders kommen.

Priorei ist wie so viele Dörfer im Süden Hagens abgeschnitten. 22.51 Uhr. Plötzlich steht vor dem Haus der Familie ein Fahrzeug in Tarnfarben. Es ist nicht die Bundeswehr, es ist der Halveraner Dustin Raatz mit seinem privaten Fahrzeug – einem MAN Kat 1. Zwölf Tonnen schwer, ursprünglich entwickelt, um Panzern auf dem Feld zu folgen und ausgelegt auf unwegsames Gelände und Wasserhöhen bis zu 1,50 Meter.

Der MAN Kat 1 von Dustin Raatz: Gemacht fürs Gelände und Wasser bis zu 1,50 Meter Höhe.

Diesen Moment kann Bianca Caspari nicht in Worte fassen. Gemeinsam mit einer der Krankenpflegerinnen, die 24 Stunden bei der Familie sind, hebt sie Chantal auf die Ladefläche. Lorena Schnur, die die Nachtschicht übernimmt, fährt mit. Die alleinerziehende Mutter bleibt bei ihren anderen beiden Kindern, ihrem Neffen und einer Freundin. Sie gehen ins obere Geschoss, sind in Sicherheit. Chantal Caspari ist es jetzt auch. Dustin Raatz bringt sie zu Bekannten nach Halver.

Während der Bundeswehr-Lkw auf dem Weg in den südlichen Märkischen Kreis ist, kommt auch die Feuerwehr, Einheit Dahl, mit einem Unimog zum Haus, um der 13-Jährigen zu helfen - ein Notarzt ist auch dabei. In dieser Nacht wird niemand aufgegeben. Und auch die Feuerwehrmänner riskieren ihr Leben für andere. Doch woher kommt der Retter in höchster Not?

Militär-Fahrzeuge sind sein Hobby

Dustin Raatz war bis 2014 Soldat. Sein Hobby sind heute die Fahrzeuge der Bundeswehr. Sein Lkw ist 45 Jahre alt, „aber unkaputtbar“, sagt Raatz. Normalerweise stellt er ihn im Panzermuseum in Plettenberg unter. Ein Sturmboot steht zudem am Rhein, ein Hummer und ein Cross-Motorrad des Französischen Militärs zu Hause in Halver.

Heute ist der 35-Jährige Kranfahrer bei der Herscheider Firma Dunkel Autokran. Am Mittwochnachmittag wird dort ein Auftrag aufgrund des Hochwassers abgesagt. Die Firma aber will mit ihrer Technik bei den Räum- und Rettungsarbeiten im Kreis helfen. Dustin Raatz fährt daher zur Rettungswache Rosmart, wo die Nachricht die Runde macht, dass selbst die Fahrzeuge der Feuerwehr und des THW nicht mehr viel ausrichten können. Er erzählt von seinem Bundeswehrfahrzeug. „Wie schnell kann der hier sein?“, wollen die Einsatzleiter wissen. In einem Feuerwehrwagen mit Blaulicht wird Raatz nach Plettenberg gefahren, holt den Zwölf-Tonner und wird umgehend Teil des Rettungsteams. Gleich der erste Einsatz führt ihn nach Hagen-Priorei, wo er neben dem 13-jährigen Mädchen auch noch zwei Senioren auf der Ladefläche mitnimmt.

Einsatz in Altena

Das Wasser steht dem Wagen teilweise bis zur Fensterscheibe. „Ich konnte nicht sehen, wo ich herfahre“, erzählt der 35-Jährige. Doch alles geht gut. Die Rettung gelingt. Weitere Einsätze bringen den Halveraner nach Altena, wo das Unwetter besonders heftig zuschlägt. „Keiner kam mehr rein oder raus.“ Dustin Raatz schon.

Ein Blick aus dem Bundeswehr-Lkw auf die überflutete Straße.

In Altena rettet er Menschen von Dächern, aus Wohnungen und von Straßen. Menschen, die sich mit aller Kraft an Verkehrsschildern festhalten, um nicht von der Strömung mitgerissen zu werden. Dustin Raatz funktioniert. Er denkt nicht viel nach. Hilft einfach. Das Risiko wird ihm erst Tage später bewusst. „Was, wenn die Straßen unter mir weggerissen worden wären?“ Klar im Kopf kann er nicht gewesen sein, sagt er. „Ich wollte einfach nur retten und helfen.“

Superman und neuer bester Freund

„Er ist unser Held“, sagt Bianca Caspari. „Superman“, ergänzt Chantal, die die Fahrt einfach nur „cool“ fand. Die 13-Jährige hat jetzt einen neuen besten Freund. Seit der spektakulären Rettungsaktion steht Dustin Raatz in Kontakt mit der Familie und erkundigt sich regelmäßig nach dem Rechten. „Es gibt keine Probleme, nur Lösungen“, sagt Bianca Caspari. Sie spricht aus Erfahrung des Lebens mit ihrer schwerkranken Tochter. „Und Dustin Raatz war unsere Lösung.“

Stationiert war der Halveraner im Kosovo und in Afghanistan. Die kaputten Straßen, die das Unwetter hinterlassen hat, erinnern ihn mitunter an Einsätze im Ausland. Vergleichen aber kann man es nicht mit Kriegsgebieten, wo überall Schusslöcher sind, erzählt er.

Auswirkungen des Klimawandels

„Was hier passiert, ist der Klimawandel. Dieses Unglück wird nicht das letzte dieser Art sein“, sagt Raatz. Man müsse sich besser darauf vorbereiten. Und dazu gehörten auch bessere Fahrzeuge. Das ist Dustin Raatz. Er spricht über Fahrzeuge. Nicht über sich. Ein stiller Held.

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