Zurück an die Scheren

Friseure und Corona: Re-Start nach vielen Wochen läuft gut

Friseur Wiedereröffnung nach Lockdown Corona Halver
+
Jan Wagner hat die Zwangsschließung zwar für Renovierung und seine Azubis genutzt, freut sich aber über die Wiedereröffnung.

Die Haarpracht vieler Menschen erreicht dank wochenlang geschlossener Friseursalons gewisse Ausmaße. Seit Montag ist damit Schluss: Die Friseure dürfen wieder zur Schere greifen.

Halver – Über einen zeitnahen Friseur-Termin können sich aber nur wenige freuen, denn seitdem Mitte Februar das Lockdown-Ende für die Friseure bekannt gegeben wurde, stehen die Telefone in den Salons nicht mehr still. Der erste war daher komplett ausgebucht.

„Wir sind heiß wie Frittenfett“, bringt Jan Wagner, Inhaber von Haare Lifestyle, seine Freude zum Ausdruck, endlich wieder die Mähnen seiner Kunden bearbeiten zu dürfen. Wie auch fast alle anderen Salons in Halver öffnete er am Montag seine Türen. „Zweieinhalb Monate hatten wir hier keinen Betrieb und keinen Umsatz. Jetzt musste es auch wirklich wieder losgehen.“

Lockdown sinnvoll genutzt

Den Lockdown verbrachte Wagner nicht mit einem Zwangsurlaub, sondern brachte seinen Salon auf Vordermann. „Nötige Renovierungsarbeiten, Inventur und dergleichen wurden erledigt“, erklärt er und kann in einer Hinsicht dem Lockdown sogar noch etwas Positives abgewinnen: „Wir haben uns um unsere Auszubildenden gekümmert. Sie kamen zwei- bis dreimal in der Woche in den Betrieb und in den letzten drei Wochen täglich. Für diese jungen Menschen ist es wichtig, dass sie bei der Arbeit bleiben können.“ Die Zeit, um sich so intensiv um die Nachwuchs-Friseure kümmern zu können, hätte er während des laufenden Betriebs nicht gehabt.

Noch vor der Öffnung waren die ersten drei Märzwochen komplett ausgebucht. Mit etwas Glück sind Termine für Ende März/Anfang April wieder möglich. Selbst wer spontan in den kommenden Tagen heiraten möchte, würde keinen Nottermin bekommen können. „Dadurch, dass im Moment keine großen Feiern möglich sind, fallen Hochzeitstermine aber auch seltener an“, beruhigt der Friseur.

Ohnehin habe sich aber einiges im Geschäftsablauf geändert, gibt Jan Wagner zu bedenken. „Es ist nicht mehr so, wie es früher einmal war. Es hat immer Kunden gegeben, die auch kurzfristig einen Terminwunsch hatten. Diese Zeit ist vorbei. Wegen der Hygienevorschriften und begrenzten Personenzahl im Salon ist das oft so kurzfristig nicht mehr möglich.“

Tanke für einen Monat reanimiert

Besonders die Limitierung der Personen, die sich gleichzeitig im Salon aufhalten dürfen, macht den Friseuren zu schaffen. Zehn Quadratmeter Platz werden für einen Menschen berechnet – egal, ob Kunde oder Friseur. Auch Martina Asbeck leidet darunter: „Wir freuen uns natürlich, dass wir wieder aufmachen dürfen. Aber trotz Öffnung ist unsere Euphorie nicht ganz so groß, weil wir den Verlust der vergangenen Wochen nicht wieder ausgleichen können durch diese Einschränkung.“ In ihrem Salon in Schalksmühle darf sie gerade einmal zwei Kunden gleichzeitig bedienen. Deshalb wurde die Tanke in Halver von ihr noch einmal für vier Wochen reanimiert.

Die Tanke ist reanimiert.

Hier dürfen fünf Kunden auf einmal frisiert werden. Zumindest bis April, dann wird dort endgültig das Licht ausgehen. Ihre Sorge gilt deshalb auch den Mitarbeitern, die durch die Personenbeschränkungen nicht beschäftigt werden könnten. „Das ist schon echt bitter, was die mit uns machen“, klagt sie. „Selbst mit Kurzarbeit kann man nicht mit zwei Kunden über die Runden kommen.“

Das richtige Konzept zu erstellen, sei mit diesen Vorgaben äußerst schwierig. „Ich muss mir eventuell überlegen, einen Schichtbetrieb für die Mitarbeiter einzuführen. Das ist für den ersten Ansturm vielleicht sinnvoll, aber dauerhaft wird es auch mal unproduktive Zeiten geben. Wie soll man das dann finanzieren?“, sagt Asbeck.

Wenn es um die Finanzen geht, sollten sich Selbstständige eigentlich keine Sorgen machen müssen. Immerhin verspricht die Regierung Überbrückungs- und Soforthilfen, mit denen auch die Friseure unterstützt werden. „Für zwei Monate bekommen wir die Fixkosten wie Miete, Abschreibungen, Versicherungen in zwei Abschlägen. Das wird vom Steuerberater ausgerechnet und trotzdem noch einmal überprüft. Wer zum Beispiel 4000 Euro Unkosten hat, bekommt etwa 2000 Euro überwiesen, wenn es gut läuft“, rechnet Martina Asbeck vor. Besonders Betriebe, die noch nicht so lange existieren und Verbindlichkeiten haben, würden Probleme haben, diese finanzielle Hürde nehmen zu können. „Viele von denen werden es wohl nicht schaffen.“ Trotz allem freut sie sich, wieder arbeiten zu können. „Wir machen unseren Job wirklich gerne. Zwei Monate nicht arbeiten zu dürfen, war wirklich bitter.“

Andrea Mertens, Inhaberin von Haarmoden Hintze ist ebenfalls froh, dass es endlich wieder losgeht. Ihr Terminkalender ist voll.

Seit dem Lockdown im Dezember hat sie ihren Laden komplett schließen müssen. Renovierungsarbeiten waren in dieser Zeit keine Option: „Ich hatte null Einnahmen und kann kaum die Miete zahlen. Wovon soll ich renovieren?“ Ihre Rücklagen mussten auf das Geschäftskonto eingezahlt werden, um über die Runden zu kommen. Der Bescheid, dass sie Überbrückungshilfe erhält, erreichte sie erst in der vergangenen Woche. „Die Dezemberhilfen gab es nicht, weil wir ja den halben Monat öffnen konnten. Die Beantragung der Überbrückungshilfe III ist sehr kompliziert. Das muss ein Steuerberater machen, den ich auch noch bezahlen muss.“

Voller Terminkalender bis Ende März

Trotz Terminvergaben bis zur letzten Märzwoche fallen die Einnahmen dank der Personenbeschränkungen auch hier nicht mehr so üppig aus. „Früher war pro 10 Quadratmeter ein Kunde erlaubt, jetzt generell nur noch eine Person“, erklärt Andrea Mertens. Damit würden sich die Einnahmen halbieren. Trotz der 13 Plätze in ihrem Salon darf sie sich um gerade einmal vier Kunden gleichzeitig gekümmert werden.

Bei Nicoletta Privitera ist der Kalender voll. Viele freie Termine gibt es im März bei beiden nicht.

Nicht weniger, dafür andere Probleme muss Nicoletta Privitera von „LENE Style by Nicoletta“ lösen. „Ich bin eine von den Soloselbstständigen“, erklärt die Friseurin. „Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Glück im Unglück ist, dass ich keine Mitarbeiter habe, die auch darunter leiden müssen.“ Seit Mitte Dezember seien ihre Einnahmen komplett ausgefallen. „Da ich meinen eigenen Bedarf erwirtschafte, war es schon echt heftig. Ich warte bis heute noch auf mein Arbeitslosengeld II.“

Die Auftragsbücher sind seit dem Lockdown-Ende wieder gut gefüllt: „Wer das volle Programm möchte, muss bis nach Ostern warten“, sagt Nicoletta Privitera. Nur noch für einen schnellen Schnitt können Termine eingeschoben werden.

Die begrenzte Kundenzahl bereitet der Friseurin keine Probleme, da sie sich alleine um ihre Kunden kümmert. Auch der geschäftsoffene Montag ist für sie nicht ungewöhnlich. „Ich habe keine klassischen Öffnungszeiten, sondern bin nur nach vorheriger Terminabsprache da.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare