Erinnerungen an kreisweit einmalige Frauengruppe

Auch Ausflüge gehörten zum Programm: Dieses Foto entstand beim Besuch des Kölner Schokoladenmuseums im Jahr 1995.

HALVER ▪ Es gibt Menschen, für die es in Zeiten des Internets nur eine messbare Größe gibt: die Ergebnissuche in der Internetsuchmaschine. Tippt man etwa die Wörter „Integration“ und „Männer“ ein, so erhält man fast vier Millionen Einträge.

Mehr als sieben Millionen sind es jedoch nach der Eingabe „Integration Frauen“ – ein Zeichen für die hohe Bedeutung dieses Themas. Und in Halver hat man schon früh erkannt, dass Integration keine reine Männerangelegenheit sein darf: 1992 gründeten Ruth Kunigk und Christiane Mochkabadi daher den internationalen Frauengesprächskreis. Anlässlich des heutigen Internationalen Weltfrauentages erinnern sich die beiden Initiatorinnen im Gespräch mit unserer Zeitung an diese Gruppe.

Alles begann mit dem ersten „Fest der Begegnung“ in der Hauptschule an der Mühlenstraße: Kunigk und Mochkabadi hatten 1991 eine Liste ausgelegt, in die sich all jene Frauen eintragen sollten, die Interesse an einer Gesprächsgruppe hatten. 30 Namen standen am Ende des Tages darauf. Doch das erste Treffen am 8. Februar 1992 verlief vergleichsweise ernüchternd. Denn bei dem größten Teil der 20 Interessierten handelte es sich um Deutsche – „es waren damals nur eine Türkin und zwei russland-deutsche Frauen gekommen“, erinnert sich Kunigk noch heute. Aber die vielen Kontakte, die anschließend in persönlichen Gesprächen geknüpft wurden, ließ die Gruppe anwachsen – und aus ihr einen echten „internationalen“ Frauenkreis entstehen. Später kamen die Besucherinnen auch aus Italien, Brasilien, Frankreich, dem ehemaligen Jugoslawien oder auch Afghanistan.

In einem Beitrag zum Kreisheimattag 2000 beschrieb Ruth Kunigk den Hintergrund der monatlichen Treffen, die in der Folge zunächst bei der Awo an der Weststraße, später in den Räumen des CeBeeF in der Altentagesstätte stattfanden: „Der Gesprächskreis ist bemüht, die am Ort lebenden ausländischen Frauen zu integrieren, Kontakte zu pflegen und über den Austausch von Frau zu Frau zu einem besseren Verstehen und Miteinander zu kommen.“ Als Leitmotiv galt dabei ein Zitat der FDP-Politikerin Liselotte Funcke (siehe Textmitte).

Wer jedoch einen „Kaffeeklatsch“ erwartete, wurde beim Besuch jener Treffen eines Besseren belehrt. Immer stand etwas auf der Tagesordnung: Das konnten Ausflüge sein, Lesenachmittage, die Vorbereitung auf den Weihnachtsmarktstand der Gruppe – oder auch Deutschunterricht. „Die Sprache ist das Wichtigste“, sagt Ruth Kunigk, die selber während eines dreijährigen Tansania aufenthaltes erlebt hat, wie sich Integration „auf der anderen Seite“ anfühlt. Ebenso Christiane Mochkabadi, die mit ihrem Ehemann zehn Jahre lang im Iran lebte. Beide wissen um die Bedeutung der Eingliederung ausländischer Frauen in die Gesellschaft. „Aber wir wollten die Frauen nie verdrehen oder anpassen“, betont Mochkabadi. Viel mehr sei es um das gegenseitige Verständnis der jeweils anderen Kultur gegangen. Und um Hilfe im Behördendickicht: Immer wieder unterstützten Ruth Kunigk und ihre Mitstreiterinnen ausländische Familien etwa bei der Überwindung bürokratischer Hürden, bei der Erläuterung der deutschen Schullandschaft – oder bei der Formulierung eines Bittbriefes an den Hauseigentümer, woraufhin in einem Fall etwa ein Spielplatz errichtet wurde.

Doch die Skepsis gegenüber der Gruppe – insbesondere einiger muslimischer Männer – wuchs im Laufe der Jahre und erschwerte mitunter die integrative Arbeit. Als Ruth Kunigk den Frauenkreis schließlich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterführen konnte, endete nach fast zehn Jahren die kreisweit einmalige Erfolgsgeschichte. Gerne denken Kunigk und Mochkabadi an diese Zeit zurück – nicht nur in Wehmut. „Denn wenn nur eine einzige Frau von unserer Gruppe profitiert hat, dann hat sich der Kreis schon gelohnt“, sagt Ruth Kunigk. ▪ Frank Zacharias

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