Nibelungen mit frischem Anstrich

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Vor allem jüngere Gäste verfolgten die Aufführung des Klassikers in neuem Gewand. ▪

HALVER ▪ Neue Helden braucht das Land – doch es sind harte Zeiten für Recken, so König Gunther in Rüdiger Papes „modernem Heldenepos“. Geht man davon aus, dass es sich bei dem Nibelungenlied um das Nationalepos der Deutschen handelt, ein Text aus dem Mittelalter, so lässt der Untertitel der Aufführung der Comedia Köln bereits aufhorchen: „Ein modernes Heldenepos von Rüdiger Pape und Ensemble“.

Worauf wird in dieser Modernisierung des mittelalterlichen Epos der Schwerpunkt liegen? Bieten die Schauspieler einfach ein Liebesdrama? Inszenieren sie eine eine aufregende Geschichte um Freundschaft und Verrat? Tatsächlich bot das Stück, das am Mittwochabend im Anne-Frank-Gymnasium zu sehen war, von all dem etwas. Im Mittelpunkt der Inszenierung, die auf dem 22. Kinder- und Jugendtheatertreffen NRW in Düsseldorf ausgezeichnet und auch für den deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert wurde, steht die konfliktreiche Auseinandersetzung von Siegfried mit Gunther. Siegfried, der sich durch große Tapferkeit und Stärke auszeichnet und – ausgestattet mit Tarnkappe und unbesiegbarem Schwert – fast als unbesiegbar gilt, wird gebeten, seinem neuen Freund König Gunther zu helfen, Königin Brunhild zu besiegen und als Braut heimzuführen, was nur durch eine Täuschung möglich ist, verfügt die isländische Königin doch über magische Kräfte, die erst nach dem Vollzug der Hochzeitsnacht schwinden. Als die streitbare Königin erfährt, dass Gunther sie nur mit Hilfe Siegfrieds besiegt hat, beschließt sie, dass nur sein Tod sie rächen kann.

Dass Verrat immer nur zu weiterer Täuschung und neuem blutigen Unglück führt, zeigte ein eindrucksvolles Ensemble in wechselnden Rollen in einer modernen Inszenierung, wobei alle Darsteller, Till Brinkmann, Hanno Dinger, Peter S. Herff, Eva Horstmann und Martine Schrey, zu überzeugen wussten. Positiv hervorzuheben war, dass dabei der Kern der Handlung ebenso erhalten blieb wie einzelne Textteile aus dem Nibelungenlied. Fraglich freilich, ob dies immer auf Kosten von Klamauk und comedyhaften Elementen zu geschehen hat: So basierte die Zeichnung der Bewerber um die Hand Kriemhilds allzu sehr auf nationaltypischen Klischees. Wenn sich Dietrich von Bern als Erfinder der Kräuterbonbons, des Raclette und der Neutralität präsentierte, so mag das als karikaturenhafte Zeichnung noch angehen, wenn aber der russische Bewerber als Hinterwäldler mit Bärenfellkappe dargestellt wird, so ist dies sicher problematisch.

Doch dies waren nur Kleinigkeiten in einer insgesamt stimmigen und ansprechenden Inszenierung, die in anderthalb Stunden das Nibelungenlied einschließlich der blutigen Rache Kriemhilds dem vorwiegend jungen Publikum darbot. Da war es nur konsequent, dass durch ein Kreuzworträtsel Königin Utes an der Wortschatzerweiterung der Jüngsten gearbeitet wurde: „Altertümliches Wort für Ritter, fünf Buchstaben“.

„Schade, schade, schade“ ertönt es scheinheilig aus Gunthers und Hagens Munde vor dem Tod an Siegfried und gilt doch noch viel mehr für den blutigen Schluss „alle Tod“, der auch in Halvers AFG-Aula seine Wirkung nicht verfehlte. ▪ Von Kirsten von Hagen

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