Zwischen Kriminologie und Sozialarbeit

Gendern, Feminismus und Frauenquote: Die neue Gleichstellungsbeauftragte wird im Interview deutlich

Im Büro im Schieferhäuschen an der Frankfurter Straße hat Elvira Wiegand einen geschützten Raum für ihre Beratungsgespräche
+
Im Büro im Schieferhäuschen an der Frankfurter Straße hat Elvira Wiegand einen geschützten Raum für ihre Beratungsgespräche.

Halver hat eine neue Gleichstellungsbeauftragte. Elvira Wiegand verrät uns, was sie vor hat und warum sie eine gute Wahl ist.

Halver – Elvira Wiegand ist die neue Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Weil ihre Vorgängerin Dagmar Hochheusel in den Ruhestand ging, musste eine neue bestellt werden. Im Interview mit Sarah Lorencic erzählt Wiegand, was Gleichstellung für sie bedeutet. Sie gibt Einblicke in ihr Leben als Diplomsozialarbeiterin und erzählt vom Spagat zwischen Muttersein und dem Studium der Kriminal- und Polizeiwissenschaft.

Man kennt Sie als Sozialarbeiterin an den Halveraner Schulen. Flüchtlinge kennen sie, weil Sie auch für sie zuständig sind und jetzt werden Sie die neue Gleichstellungsbeauftragte. Und sie wollten es auch gerne sein. Warum?
Ich kann mir das sehr gut vorstellen, weil mir aus eigener Erfahrung bekannt ist, wie sich das anfühlt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich denke, da bin ich gar nicht so fehl am Platze. Ich habe nach kurzer Überlegung sofort gedacht: Okay, das mache ich. Auch, weil das etwas ist, wo ich viel Neues lernen und Erfahrungen sammeln kann. Und wenn es mal etwas zu beraten gibt, hey, das ist mein Tagesgeschäft. Wenn es tatsächlich mal Probleme geben sollte, bin ich eine gute, vertrauensvolle Ansprechpartnerin.
Aus eigener Erfahrung? Erzählen Sie mal.
Ich war als Leiterin des Halveraner Jugendzentrums tätig. Als ich selbst Mutter wurde, habe ich mich entschieden die Arbeit dort zunächst ruhen zu lassen, habe später vollständig aufgehört. Man kann schon sagen, es ist beruflich zu einem Bruch gekommen, obwohl ich das sehr gerne in Kauf genommen habe. Ich kann aber durchaus verstehen, wenn Frauen das nicht wollen. Wenn sie auch die Karriere im Blick behalten wollen. Ich war einige Jahre hin und her gerissen zwischen „ich liebe meinen Beruf“ und „ich möchte mich um meine Kinder kümmern“. Als mein Sohn die Grundschule besuchte und meine Tochter den Kindergarten, wurde der Drang so groß, dass ich schaute, welche Möglichkeiten das Berufsleben noch so bietet. Im Radio bekam ich mit, dass die Ruhr-Universität Bochum Sozialarbeiter für den Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaft sucht. Ich habe mich beworben, einen Platz bekommen. Ich war eine von zehn, der Rest bestand aus Richtern, Staatsanwälten, Polizisten. Und ich die Mutti. Ich weiß schon, was es bedeutet, sich als Frau durchzubeißen. Das waren zwei sehr anstrengende Jahre, aber gleichermaßen auch sehr interessante und bereichernde. Es war oft ein Spagat, den hohen Anforderungen des Studiums zu entsprechen und trotzdem noch Zeit für meine Kinder zu finden.
Sie sind jetzt nicht nur, wie es manche oft denken, fürs Rathaus zuständig, sondern im Grunde für alle Halveraner. Haben Sie
etwas vor?
Ja, aber ich lasse das jetzt alles erstmal auf mich wirken. Ich kann mir schon vorstellen, auch Veranstaltungen durchzuführen. Wenn man googelt, geht es immer um Gleichstellung der Frau. Ich arbeite ja so viel mit Familien und ich denke, dass man das auch immer verknüpfen kann. Ich habe gerne etwas zu tun, probiere gerne neue Sachen aus. Ich werde versuchen, dieser Aufgabe meinen Anstrich zu geben, bin aber immer offen für Ideen die von außen auf mich einwirken. Wenn also jemand Ideen hat: Ich bin dabei. Durch meine Arbeit habe ich ohnehin Familien im Blick, aber auch verschiedene andere Systeme, die hier Berührungspunkte haben.
Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Es hat Zeiten gegeben, da brannte meine feministische Fahne lichterloh. Aber ich bin ruhiger geworden. Feministin ja, aber nicht nur in Bezug auf Frauen. Gleichberechtigung in vielerlei Hinsicht. Es gibt Bereiche, wo ich denke, man muss auch mal nach Jungen gucken. Auch das hat mit Gleichstellung und Feminismus zu tun. Verbohrt bin ich aber nicht. Ich war gerne Mutter, war auch gerne zu Hause in der Zeit und habe mich da jetzt nicht deklassiert gefühlt, weil es eine wichtige Aufgabe war.
Haben Sie bereits eine Idee, was Sie gezielt in Halver machen oder angehen möchten?
Man muss jetzt erstmal gucken, wie es mit Corona weitergeht. Familien haben jetzt oft andere Bedürfnisse. Vor allem Jugendliche brauchen jetzt Raum.
Hat denn Ihrer Meinung nach Corona die
Gleichstellung beeinflusst oder zurückgeworfen?
Ja, glaube ich schon. Weil die Frauen wieder die Kümmerer waren. Ich glaube auch, dass das manche Frauen zurückgeworfen hat. Aber auch Familien wurden sozial zurückgeworfen. Corona bedeutete einfach viel Stress. Mit den Kindern zuhause zu sein und alles zu managen. Manche Familien sind dadurch finanziell unter Druck geraten. Und das wirkt sich auf die Kinder und die Ehe aus.
Corona hat auch gezeigt, dass Frauen systemrelevant sind. Oder?
Ja, jetzt bleibt nur zu hoffen, dass es etwas bringt. Und wo wir davon reden: Kinder begegnen in den ersten Jahren nur Frauen. Zu Hause ist es die Mama, im Kindergarten sind nur Frauen, in der Grundschule sind fast nur Frauen. Sicher hat sich das Familienbild inzwischen gewandelt und auch die Väter gehen gerne dieser Aufgabe nach, was durchaus zu begrüßen ist. Jungen wissen oft gar nicht, wie sie sich entwickeln sollen. Das sehe ich problematisch. Wenn man etwas verändern will, dann nicht mit Macht. So etwas muss sich entwickeln.
Bezüglich Macht: Was halten Sie denn von der Frauenquote?
Da habe ich schon verschiedene Sachen zu gefühlt. Mal habe ich gedacht, das muss sein, gerade in großen Firmen. Aber da muss es auch die Frauen geben, die das machen wollen und können. Aber wenn zwei Bewerber gleich qualifiziert sind, und dann die Frau genommen wird, das ist im Moment halt so. Ich kenne auch Männer, die deshalb im Bewerbungsverfahren abgelehnt wurden, die empfinden das dann schon auch als Diskriminierung. Deswegen finde ich, darf man das nicht übertreiben. Gleiche Qualifikationen zu bewerten, ist ohnehin schwierig. Nur weil zwei Personen das gleiche Studium haben, sind sie nicht gleich qualifiziert. Es kommt auch auf Erfahrungen an und die Vita und die Art zu arbeiten. Also: Manchmal finde ich es schwierig, aber im Grundsatz, glaube ich, war die Bevorzugung der Frau nötig – für eine Zeit. Manchmal haben auch Männer bessere Karten, weil sie nicht auf die Kinder aufgepasst haben, sondern ihre Frau. Ich war zehn Jahre zu Hause, habe mich um meine Kinder gekümmert und fing mit zwei Hochschulabschlüssen wieder ganz von vorne an. Ein Mann, der durchgearbeitet hätte, hätte längst das Vielfache verdient.
Schaut man auf den Gleichstellungsplan der Stadt, sitzen rein zahlenmäßig mehr Frauen im Rathaus.
Aber nicht in Leitungspositionen.
Genau. Und es sind mehr, weil sie Teilzeitjobs haben. Wie wäre es mal mit einer Fachbereichsleiterin?
Das wäre sicher gut. Die Sache ist nur, das müssen Frauen auch wollen. Und viele trauen sich nicht.
Aber warum?
Ich weiß es auch nicht. Vielleicht wegen der Verantwortung, viele wollen auch nicht gerne in Konflikte gehen. Bleibt man so wie ich einige Jahre zu Haus, ist es auch schwer den Anschluss wieder zu finden. Ich habe auch meine Dämonen, aber ich habe es gut geschafft, dagegen anzugehen. Zu Beginn des Kriminologiestudiums habe ich gedacht, ich schaffe das nicht. Meine Kommilitonen hatten tolle, beeindruckende Berufe aus den Bereichen der Polizei, der Justiz und Forschung. Das hat mich schon irgendwie eingeschüchtert, aber ich habe dann gemerkt, dass ich das Schaffen kann, auch mit zwei kleinen Kindern nebenbei. Es wurde mir klar, dass auch mein Beruf wichtig ist und meine Sicht auf Dinge. Da habe ich gelernt, das Gefühl, nicht genug oder weniger wert zu sein, loszulassen.
Wer weniger arbeitet, hat weniger Rente. Und so geraten Frauen oft in Altersarmut. Im Falle einer Trennung ist das erst recht schwierig. Sollte die Frau von heute nicht unabhängig bleiben?
Das sage ich meiner Tochter und meinem Sohn auch immer. Sie sollen immer zusehen, dass sie sich selber versorgen können und für sich geradestehen. Frauen mussten früher viel aushalten. Dass sie heute sagen können: „Bis hier hin und nicht weiter“, finde ich super.
Thema Gendern: Glauben Sie, das kommt bald auch in der Verwaltung an?
Dann nicht wegen mir. Ich finde es überhaupt nicht zielführend. Gerade jetzt, wo viele Leute andere Probleme haben. Dass man von Schülerinnen und Schülern spricht, finde ich okay. Aber diese Zuspitzung schadet mehr, als das sie nützt. Feminismus hat ohnehin einen nicht ganz so guten Ruf und man versäumt durch diese Art der Bevormundung, die Leute mitzunehmen zu einer eigentlich guten Sache.
Ist das Thema Gleichstellung im ländlichen Raum noch mal ein anderes?
Ich glaube, dass hier im ländlichen Raum andere Strukturen sind, was Familien angeht. Aber das betrifft viele Themen, auch Internet oder Kriminalität. Das ist hier ein ländlicher Raum und da muss man bestimmte Dinge anders angehen. Aber An Kreativität und Energie fehlt es mir nicht.

Zur Person

Elvira Wiegand ist 52 Jahre alt und Halveranerin. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Nach der Schule hat sie in Siegen studiert und die Universität als Diplomsozialarbeiterin verlassen. Erfahrungen sammelte sie schon früh in Jugendzentren und Wohnheimen und war zuletzt als Leiterin des Jugendzentrums in Halver tätig. Als sie Mutter wurde, hörte sie dort auf, fing aber das Masterstudium Kriminologie und Polizeiwissenschaft in Bochum an, was sie 2010 abschloss.

Mittlerweile ist sie bei der Stadt Halver als Sozialarbeiterin tätig, ist an allen Schulen präsent. Sie kümmert sich um die Flüchtlinge und die Integration. Seit Freitag ist sie zudem die neue Gleichstellungsbeauftragte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare