Zeitzeuge berichtet über DDR-Volksaufstand

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Werner Selka präsentierte den Besuchern der Ausstellungseröffnung auch das Dokument seiner Verurteilung.

HALVER - Lang anhaltender Applaus von den etwa 70 Besuchern im Sitzungssaal des Rathauses dokumentierten am Montagvormittag, dass Werner Selka in seinen Ausführungen alle Fragen der Realschüler der Klasse 10a von Ralf Reininghaus beantwortet und ebenso den richtigen Ton getroffen hatte. Und für das Opfer des DDR-Regimes, der dreieinhalb Jahre inhaftiert war, ist die Wiedervereinigung Deutschlands auch ein Erfolg des 17. Juni 1953, dem Tag des Volksaufstands in der DDR.

Neben dem Zeitzeugen Selka und den Realschülern waren auch die Ganztagsschüler der Klasse 9b von Nikolaus Brenner, andere Opfer des DDR-Regimes wie Hans Peek und die Bundestagsabgeordneten Petra Crone (SPD) und Johannes Vogel (FDP) ins Rathaus zur Eröffnung der Ausstellung „Wir wollen freie Menschen sein – der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953“ gekommen.

„Ich freue mich, dass so viele junge Menschen gekommen sind“, begann Selka seine Ausführungen, „ihr sollt wissen, was los war.“ Als Student war der heute 88-Jährige im März 1953 verhaftet worden – weil er der Bekannte eines Studenten war, der sich gegen den Staat DDR richtete. „Alles erfunden und erlogen“, betonte Selka, dass er zu Unrecht 42 Monate inhaftiert – unter die Schwerverbrecher geschoben – war und zu einem guten „Staatsbürger umerzogen“ werden sollte. Er hatte von dem Volksaufstand im Gefängnis gehört, wo sich schnell das Gerücht breit machte, sie würden bald befreit. Diese Hoffnung zerplatzte ebenso wie eine Seifenblase wie einige Jahre zuvor der Glaube, ein neues Deutschland aufzubauen.

Es sei eine „Besatzungszone gewesen, die es in sich hatte“. Schon Anfang der 1950er Jahre – die DDR war 1949 gegründet worden – sei der Staat von Spitzeln durchsetzt gewesen. „Es war ein Scheinheiligenstaat, gegen den der größte Teil der Bevölkerung gewesen ist“, so Selka. Die Verfassung entsprach nicht der Wirklichkeit, die Wahlen waren keine, die DDR wurde vom SED-Politbüro regiert, deren Mitglieder wiederum Marionetten der Sowjetunion waren.

Es habe keine Meinungs- und keine Redefreiheit gegeben, die Wirtschaft funktionierte nicht, es sei alles aufoktroyiert worden. 4,6 (von 17) Millionen DDR-Bürger seien geflüchtet, 200 an der Mauer – eine Folge des Zügelanziehens durch die verunsicherte Führung nach dem Volksaufstand – ermordet worden. In den 2,5 mal 5 Meter großen Zellen, die sich acht Gefangene teilen mussten, kamen nach dem 17. Juni 1953 noch viel mehr: „Die Gefängniszellen füllten sich!“ Auch mit 16- bis 18-Jährigen; allein 600 Studenten seien verhaftet worden. „Seid froh und glücklich, dass ihr in diesem demokratischen Staat leben könnt, mahnte Werner Selka abschließend alle, auch die Schwächen zu akzeptieren und sich an der Demokratie zu beteiligen. - Det Ruthmann

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