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Ein Tag in der Schule mit Mädchen, das im Rollstuhl sitzt

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Von: Sarah Lorencic

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Melden mit der Fliegenklatsche: Weil Merle Arendt ihre Arme nicht heben kann, nutzt sie eine Fliegenklatsche als Hilfe
Melden mit der Fliegenklatsche: Weil Merle Arendt ihre Arme nicht heben kann, nutzt sie eine Fliegenklatsche als Hilfe. © Lorencic, Sarah

Wie ist der Schulalltag, wenn man im Rollstuhl sitzt? Wir haben Merle Arendt einen Tag im Unterricht begleitet. Die 14-Jährige hat die Muskelschwund-Erkrankung Spinale Muskelatrophie (SMA) und zeigt, wie sie den Alltag meistert. In der Schule braucht sie dafür zum Beispiel eine Fliegenklatsche.

Halver – Es ist wuselig vor der Klasse, die außerhalb des Hauptgebäudes der Humboldtschule liegt. Vor dem kleinen Trakt mit Schulbücherei sind der Pausenhof und die Toiletten. Klopapier liegt auf dem Boden, alles ist nass. Die Jungen der 8. Klasse haben sich ihre Trinkflaschen aufgefüllt und bespritzen sich gegenseitig mit Wasser. Die Teenager rennen schnell weg und gucken unschuldig als Klassenlehrerin Petra Majora nach der Pause kommt. „Was ist hier denn los?“, fragt sie und hebt etwas von dem Müll auf. Mit ihr gehen alle in den Klassenraum. Hier und da fliegen noch Papierknüddel über und gegen Köpfe und Schüler rutschen über die Tische zu ihrem Sitzplatz.

Im Englischunterricht

Merle war schon da. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl direkt am ersten Eckplatz an der Tür. Alle rennen an ihr vorbei. Ruhig schaut sie sich alles an, schmunzelt und kichert mit ihren Sitznachbarinnen. Im hinteren Bereich des Klassenraums ist ein kleiner abgetrennter Ruheraum mit einem Schaufenster mit Blick in die Klasse. Merles Mutter sitzt hier – mit Blick gegen die Wand und auf ein Buch.
Normalerweise sitzt hier eine der zwei Integrationskräfte von Merle. An diesem Tag sind beide verhindert und Melanie Jung-Arendt begleitet stattdessen ihre Tochter. Sie holt das Mäppchen aus dem Rucksack, die Bücher und die Trinkflasche. Dann verschwindet sie in den Raum, sitzt direkt an der Tür und ist in Rufnähe, falls Merle Hilfe braucht.

Gemeinsam mit ihrer Mutter isst Merle in der Aula der Schule. Essen holen kann sie nicht
alleine, aber essen klappt. Das Trinken klappt mit einer Strohhalm-Flasche.
Gemeinsam mit ihrer Mutter isst Merle in der Aula der Schule. Essen holen kann sie nicht alleine, aber essen klappt. Das Trinken klappt mit einer Strohhalm-Flasche. © Lorencic, Sarah

Häufig kommt das nicht vor, weil ihr auch ihre Freunde helfen. Am liebsten ist ihr eine ihrer Integrationskräfte als Begleitung, wenn sie ehrlich ist. Die andere nervt auch manchmal und sitzt fast im Türrahmen: „Sie fragt immer, ob ich was gesagt habe, habe ich aber gar nicht“, meckert Merle und rollt mit den Augen, die Mutter lacht. Man meint es oft zu gut mit Merle, will ihr helfen, was sie gar nicht will. Das kann schon mal nerven.

In der Klasse wird es langsam ruhiger. Der Englisch-Unterricht bei Klassenlehrerin Petra Majora beginnt. Es geht um „segregation“, die Trennung von schwarzen und weißen Menschen in Amerika. Die Schüler reisen in die 50er-Jahre und in die Zeit, als eine schwarze Person nicht für eine weiße Person im Bus ihren Sitzplatz räumte. Sie kämpfte für Gleichberechtigung, eine Gesellschaft, in der alle gleich sind, und für Akzeptanz.

„Merle ist ein unglaublich starkes Mädchen mit einem starken Charakter“

Merle arbeitet still und bespricht sich nur ganz leise mit ihren Freundinnen, stört niemanden. „Merle, Tintenkiller“, ruft ein Junge von ganz vorne links. Fast wie in Zeitlupe schiebt sie ihren Arm Richtung Mäppchen, das nicht weit entfernt von ihr liegt. Mit den Fingern wühlt sie langsam durch die Stifte und ruft dann: „Du hast den noch!“ „Trottel“, flüstert sie ihrer Sitznachbarin zu und lacht.
Nicht viele arbeiten konzentriert. Es wird gequatscht und über Tische mit den Händen kommuniziert. Die Klassenlehrerin versucht die Klasse zu motivieren, ist sehr einfühlsam und bleibt ruhig, auch wenn gewisse Jungen auch nach wiederholtem Ermahnen nicht aufpassen. Einer muss raus, soll „mal fünf Minuten frische Luft schnappen“. Manchmal, erzählt Merles Klassenlehrerin, lässt sie die Klasse aufstehen. Die Schüler sollen sich bewegen. „Ein doofes Gefühl“, sagt Petra Majora mit Blick auf Merle und suchte mit ihr das Gespräch. Die 14-Jährige reagierte cool wie immer. „Merle ist ein unglaublich starkes Mädchen mit einem starken Charakter“, sagt ihre Klassenlehrerin.

Hinter der Wand sitzt Merles Mutter Melanie Jung-Arendt, weil die Integrationskräfte nicht konnten. Während des Unterrichts ist immer jemand da, um Hefte, Stifte und Bücher zu reichen.
Hinter der Wand sitzt Merles Mutter Melanie Jung-Arendt, weil die Integrationskräfte nicht konnten. Während des Unterrichts ist immer jemand da, um Hefte, Stifte und Bücher zu reichen. © Lorencic, Sarah

Nach dem Unterricht erzählt Merle, wie nervig sie es findet, wenn der Unterricht gestört wird. „Aber heute war es noch harmlos“, was auch ihre Mutter abnickt. Sie und die I-Kräfte kriegen den Unterricht hautnah mit. Einblicke, die für Eltern nicht alltäglich sind. Aber einmischen, sagt Melanie Jung-Arendt, tut sie sich nie. „Manchmal sagt Mama was vor“, sagt Merle und lacht. Aber nur sehr selten. Die meiste Zeit versucht sie, sich zurückzuhalten, unsichtbar zu sein und ihrer Tochter einen normalen Schulalltag zu ermöglichen.

Im Schulgebäude gibt es einen Fahrstuhl, den (fast) nur Merle nutzt

Aber alleine sein, das kann Merle nicht. Um in die anderen Etagen der Schule zu kommen, muss sie Fahrstuhl fahren. Dafür hat sie einen Schlüssel, der ihn öffnet. Der Fahrstuhl ist nicht für alle. „Manchmal nutzen ihn auch Jungs, wenn sie sich mal wieder den Fuß gebrochen haben“, sagt Merle und schüttelt verständnislos den Kopf. „Weiß auch nicht, wie die das immer schaffen.“ Passend zu ihrem Schulstart wurde der Fahrstuhl eingeweiht. Für die Familie ein Grund, ihre Tochter an die Humboldtschule zu schicken. Und auch der Klassenraum wurde bewusst gewählt. Falls der Fahrstuhl mal defekt sein sollte, kann Merle auf das Behinderten-WC der Schwimmhalle ausweichen. Aber wohlwissend, wie angewiesen Merle auf den Fahrstuhl ist, wird er immer ganz schnell repariert, sagt Melanie Jung-Arendt.

Der Fahrstuhl alleine hilft Merle aber nicht. Sie kann den Schlüssel nicht ins Loch stecken, keine Flurtüren öffnen und auch nicht auf Toilette gehen. Die Mittagspause wird für einen Gang zur Behindertentoilette mit Liege und Lift extra für Merle im oberen Geschoss neben dem Musikraum genutzt. Auf dem Flur vor dem WC liegen in der Pause nur Rucksäcke. Die Gänge an den Fachräumen sind abgeschlossen. Merle kommt mit einem Generalschlüssel aber hin. Nur: Mal eben ist das alles nicht gemacht. Der Aufwand bleibt hinter der Tür.

Beim Mittagessen in der Mensa

Danach begeben sich Mutter und Tochter in die Aula der Schule zum Mittagessen. In der Schlange, die sich vor der Essensausgabe bildet, wartet sie mit ihrer Mutter ganz am Ende, noch im Foyer. Als es weitergeht, steht sie im Türrahmen. Eine Schülerin kommt von hinten und bleibt abrupt hinter Merle stehen, weil sie an ihrem Rollstuhl nicht vorbeikommt. Sie nimmt den anderen Eingang in die Aula.

Im Weg ist Merle trotzdem nie. Ihre Mitschüler finden sie „super“ und „richtig, richtig nett“. Saki zum Beispiel. „Ich kenne die Merle schon immer“, sagt der 14-Jährige. Er war schon mit ihr in der selben Kindertagesstätte. „Voll normal“, auch wenn sie das einzige Mädchen mit Einschränkung auf der Schule ist. Weil Merle noch keinen neuen elektrischen Rollstuhl von der Krankenkasse bewilligt bekommen hat, muss sie geschoben werden. Manchmal nehmen ihre Freunde sie mit auf den Schulhof und dann hängen sie gemeinsam ab.

Das Essen schmeckt heute gut. Es gibt Hackbraten mit Kartoffeln und Möhrengemüse, zum Nachtisch einen Apfel. Die Tabletts mit der Mahlzeit hat Melanie Jung-Arendt geholt und vorher ihre Tochter an einem Tisch platziert. Stuhl weg, Rollstuhl hin. Der Essensraum ist leer, als beide aufgegessen haben. Der Unterricht beginnt gleich wieder.

Im Kunstunterricht: Was nicht passt, wird passend gemacht

Merles Lieblingsfach steht an. Kunst. Malen und basteln ist eines ihrer Hobbys, was man bei ihr zuhause auch sehen kann. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder oder auch Traumfänger. Die kreative Ader kommt wohl von ihrer Mutter, die gelernte Floristin ist, jetzt aber nur noch im Bethanien stundenweise aushilft. Merle ist ihr Hauptberuf, ihr Leben.
Im Unterricht geht es heute um Keith Haring. Der amerikanische Pop-Art-Künstler ist bekannt für seine großformatigen Bilder mit plastischen Figuren und leuchtenden Farben. Mit den Kunstwerken wollte er auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen. Sie sind so einfach wie eindeutig – und doch vielfach interpretierbar. Die Schüler, die Haring-Bilder nachmalen, wollen nur wissen: „Ist mein Bild schön oder hässlich?“ Die Lehrerin, wieder Petra Majora, sagt nicht das, was ihre Schüler hören wollen. „Hässlich gibt es in der Kunst nicht. Wir sind alle schön. Ihr seid alle schön.“

Merles Lieblingsfach ist Kunst. Beim Thema Keith Haring geht es eigentlich um Großformate. Aber die kann Merle wegen ihrer Bewegungseinschränkung nicht nutzen.
Merles Lieblingsfach ist Kunst. Beim Thema Keith Haring geht es eigentlich um Großformate. Aber die kann Merle wegen ihrer Bewegungseinschränkung nicht nutzen. © Lorencic, Sarah

Haring malte unter anderem auf Hauswänden. Die Schüler sollten deshalb große Pappen mitbringen, auf denen sie im Klassenraum malen können. Sie sind zum Teil so groß, dass sie auf dem Boden liegen. Merles Pappe ist in A4-Format. Größer ist ihr Radius nicht. „Ja“, Merle würde auch gerne auf Großformaten malen, „aber geht ja nicht“, sagt sie trocken und zuckt mit den Achseln, während sie weiter malt. Keith Haring sagte zu Lebzeiten: „Nichts ist so erfrischend wie ein beherzter Schritt über die eigenen Grenzen.“ Merle braucht keine Hauswände, um über ihre Grenzen hinaus zu gehen. Sie braucht nur Menschen, die sie unterstützen. Dann kann sie im Wasser sogar tanzen.

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