Papierflut in den Geschäften

Ein Jahr Bon-Pflicht: Geschäftsleute ziehen Bilanz    

Total-Tankstelle, Bonpflicht, Halver
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„Wir können uns einwickeln mit den ganzen Bonrollen“, ärgert sich Sakine Demir über die überflüssige Papierflut in ihrer Total-Tankstelle.

Seit einem Jahr muss den Kunden beim Einkauf ein Kassenbon ausgedruckt werden. Die Beliebtheit der sogenannten Bonpflicht hält sich nach wie vor in Grenzen. Auch Halveraner Geschäftsleute können immer noch nicht viel Begeisterung für das Gesetz aufbringen.

Halver – „Das ist total ärgerlich. Wir können uns einwickeln mit den ganzen Bonrollen“, klagt Sakine Demir. Bevor sie vor zwei Wochen die Total-Tankstelle übernahm, hat sie eine Tankstelle in Unna geleitet, wo sie sich bereits mit der Bonpflicht auseinandersetzen musste. „Es sind nur die Firmenkunden, die einen Beleg haben möchten und vielleicht eine Handvoll Privatkunden“, konnte sie feststellen.

Anderthalb Rollen bedruckt ihre Kasse Tag für Tag mit den Kaufbelegen. „Das ist schon ganz schön viel.“ Besonders umweltfreundlich seien die Thermorollen auch nicht, weiß Sakine Demir. Die Kunden werden zwar gefragt, ob sie einen Beleg wünschen, ausgedruckt wird dieser aber immer automatisch.

Viele wollen keinen Bon

„Seit ich bei der Bäckerei Sondermann bin, ist es immer schon so gewesen, dass wir Bons rausgeben. Und ich bin seit 22 Jahren hier“, verweist Verkäuferin Marlies Hager auf die langjährige freiwillige Ausgabe von Belegen. Jeder Kunde werde gefragt, ob er einen Bon haben möchte. Die meisten würden allerdings keinen Wert auf den Beleg legen. Doch nicht jeder Kunde wird danach gefragt. Ausnahmen werden bei den jüngsten Besuchern gemacht: „Kindern geben wir grundsätzlich einen Bon mit.“ Für wirklich sinnvoll hält Marlies Hager die Pflicht nicht. „Wenn ich selbst einkaufen gehe, überschlage ich vorher, wie viel das kosten wird, und brauche keinen Bon.“ Lediglich beim Kauf von Bekleidung lasse sie sich eine Quittung geben.

Zum Schutz vor Manipulation

Grund für die Einführung des Belegzwangs ist die Bekämpfung von Steuerbetrug. Lea Veelker vom Ministerium für Finanzen des Landes NRW erklärt: „Die Belegausgabepflicht ist Bestandteil des Gesetzes zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen.“

Handel, Gastronomie und Handwerk mit einem elektronischen Kassensystem sind zum Ausdruck eines Kaufbelegs verpflichtet. Und das wird auch kontrolliert. „Die Finanzämter machen von dem mit dem Kassengesetz eingeführten Instrument der unangemeldeten Kassennachschau Gebrauch“, verrät Veelker. Aufgrund der Corona-Pandemie wird jedoch bis zum 31. März in einigen Fällen noch ein Auge zugedrückt. Grundsätzlich gilt jedoch: „Derjenige, der sein Kassensystem vorsätzlich oder leichtfertig nicht mit einer TSE (Zertifizierte Technische Sicherheitseinrichtung) schützt, handelt ordnungswidrig.“ Dafür können laut Lea Veelker Geldbußen bis zu 25 000 Euro verhängt werden.

Dabei ist der Beleg den meisten Kunden überhaupt nicht wichtig. Laut Claus Wunderlich, Inhaber der Alter Hirsch-Apotheke, verlangen gerade einmal ein bis zwei Prozent der Kunden einen Kaufbeleg. „Vorher haben wir Bons nur auf Anfrage ausgegeben. Jetzt ist das automatisiert, und wir schmeißen die meisten einfach weg“, erzählt der Apotheker. „Wir verbrauchen mehr Papier, wir brauchen mehr Bonrollen und mehr Druckerpatronen. Das kostet Geld.“ Doch nicht nur für gekaufte Artikel müsse ein Beleg gedruckt werden: „Wenn jemand ein Rezept einlöst und nichts dafür bezahlen muss, wird auch dafür automatisch ein Beleg gedruckt.“ Auch bei einer bargeldlosen Bezahlung werde nun ein Bon ausgedruckt, „obwohl den Kunden der Beleg ja auch auf dem Kontoauszug angezeigt wird“.

Die meisten Besucher nehmen ihn mit: Im Kulturbahnhof werden nicht ganz so viele Zahlbelege liegen gelassen.

„Seitdem die Bonpflicht besteht, werden die Bons automatisch ausgedruckt. Vorher wurden die nur bei Bedarf gedruckt“, erklärt Dorothee Jäger von der Bäckerei Sommer. Hier wird der Bon den Kunden immer zu den Bestellungen gelegt. Jedoch „schmeißen die meisten Kunden den Bon wieder in den Müll. Das würde ich ja genauso machen“. Während der Pandemiezeit sollte ein ausgegebener Beleg aus Hygienegründen auch nicht wieder zurückgenommen werden. Für wirklich sinnvoll hält die Verkäuferin die Verpflichtung nicht.

Kleine Unternehmen haben größere Probleme

Im Raiffeisen-Markt habe sich nicht viel geändert, weiß Marius Scholten, Vorstandsmitglied der Raiffeisen-Südwestfalen eG und Geschäftsführer des Halveraner Markts. Ohnehin gäbe es ein gläsernes Warenwirtschaftssystem, bei dem jeder Tastendruck abgespeichert wird. „Die ganzen ordnungspolitischen Maßnahmen, die dazu führen, dass bei den digitalisierten Abläufen immer weiter aufgestockt werden muss, führen natürlich immer zu Aufwand“, weiß Scholten. Das nähme man so hin, weil die Veränderung der Zeit das halt mit sich bringe. „Es gehört zum Unternehmertum, dass auch in dem Bereich Kosten produziert werden, die einkalkuliert werden müssen.“

Größere Probleme hätten da die kleineren Unternehmen, die durch den Mehraufwand finanziell in die Knie gezwungen würden. Der Geschäftsführer hofft deshalb, dass diese Anforderungen durch die digitale Weiterentwicklung bald wieder abgelöst werden können, denn „ich kann immer noch nicht nachvollziehen, warum ich nach dem Friseurbesuch den Bon an meine Pinnwand nageln soll“.

Im Kulturbahnhof hat sich ebenfalls nicht viel geändert, verrät Inhaber Stefan Knaf. „Die Kellnerinnen gehen direkt mit dem Bon zum Kunden. Wer ihn nicht haben möchte, lässt ihn dann auf dem Tisch liegen.“ Viele nehmen den Beleg tatsächlich auch mit, besonders, wenn es sich um ein Geschäftsessen handelt. Wer sich privat etwas zu Essen kauft, lässt schon eher mal den Zettel im Kulturbahnhof zurück. So war es zumindest vor dem Lockdown.

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