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„Ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann“: Gespräch mit einem Feuerwehrmann

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Von: Florian Hesse

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Im Gespräch: Christoph Seibert, Zugführer Löschzug 1, Stadtmitte. 
Im Gespräch: Christoph Seibert, Zugführer Löschzug 1, Stadtmitte.  © Florian Hesse

Der 4. Mai ist offiziell der internationale Tag der Feuerwehrleute. Aber eigentlich stimmt das ja nicht. Denn es gibt im Jahr 365 Tage der Feuerwehrleute. Immer von 0 bis 24 Uhr. In Halver gibt es, die Jugendfeuerwehr mitgezählt, rund 180 Frauen und Männer, die sich dem freiwilligen Dienst verschrieben haben. Was motiviert sie?

Halver - Mit AA-Redakteur Florian Hesse sprach Christoph Seibert, Zugführer des Löschzugs Stadtmitte, über seinen zweiten Beruf, über die zweite Familie, in die er 2005 eingetreten ist. Der Brandoberinspektor, das ist der Dienstrang, ist verheiratet, Vater zweier Kinder im Alter von sechs und acht Jahren und selbstständig. Auf seinem Helm steht „Seppel“, und das macht auch Sinn. Alle nennen ihn so.

Herr Seibert, wie kommt man zur Freiwilligen Feuerwehr?

Wie bei vielen: durch familiäre Vorbelastung. Mein Vater war auch Feuerwehrmann...

...und dann der klassische Weg durch die Jugendfeuerwehr?

Die Jugendfeuerwehr hier macht eine super Arbeit. Aber ich bin Quereinsteiger. 2005 war ich mit dem Abi durch und wollte etwas Sinnvolles tun. Man fühlt sich ja wohl, wenn man weiß, es kommt jemand, wenn etwas passiert. Dazu wollte ich selbst beitragen, etwas zurückgeben. Und es ist ja ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann.

Kriegt man da auch Rückmeldungen?

Ja. Das passiert, und das berührt einen auch, wenn nach einem Unfall Eltern anrufen und sich bedanken, dass man sich um die verletzten Kinder gekümmert hat. Und manchmal sieht man den Erfolg der Arbeit...

...ein Beispiel vielleicht?

So schlimm wie das Hochwasser im Juli war – wir haben in Oberbrügge doch einiges retten können. Oder beim Brand vor einigen Jahren an einem Bauernhaus am Lingen. Das Gebäude war schwer beschädigt, konnte aber wieder aufgebaut werden und war nicht völlig niedergebrannt. Das macht ein bisschen stolz auf den Stand der Ausbildung der Truppe.

Für Außenstehende vielleicht zur Erklärung: Was ist mit „Truppe“ gemeint?

Der Löschzug 1, das sind 80 Feuerwehrmänner und -frauen. Seit Corona haben wir uns zweigeteilt, um immer handlungsfähig zu bleiben. Für die Gemeinschaft war das unglaublich schwierig, weil der selbstverständliche Kontakt untereinander leidet. Und dieses Miteinander ist immens wichtig für die Freiwillige Feuerwehr. Das ist unser Kern!

Sie benutzen nicht den Begriff Kameradschaft?

Doch. Für Außenstehende hört er sich vielleicht etwas militärisch und altbacken an. Aber er umschreibt genau das, warum Feuerwehr funktioniert. Das unbedingte Einstehen für den Anderen, dass man sich immer blind auf jeden Kameraden verlassen kann. Das ist das absolute Muss. Wer das nicht kann, ist fehl am Platz.

Also: einer für alle, alle für einen?

Genau so. Ich kann im Einsatz der beste Feuerwehrmann der Welt sein. Aber ich muss mich darauf verlassen können, dass ich den Rücken frei habe. Jede Funktion ist unabdingbar für die andere. Ob an der Pumpe oder bei der Absperrung der Einsatzstelle oder beim Vorgehen unter Atemschutz ist alles gleich wichtig. Fehler können bei uns tatsächlich tödlich sein.

Entscheidet ein Zugführer über Leben und Tod?

Ich mag diese plakativen Formulierungen nicht. Aber alle Kameraden und Kameradinnen wissen, worauf sie sich bei der Feuerwehr einlassen. Es gibt klare Befehlsstrukturen, und es gibt Risiken. Am Einsatzort gibt’s keinen Gesprächskreis, sondern klare Ansagen. Da sind die Sätze manchmal kurz und der Ton auch rauer. Hinterher kann man über alles sprechen. Aber an der Einsatzstelle geht es nur in eine Richtung. Und dann doch zur Frage nach Leben und Tod: Das oberste Ziel ist, dass alle, die rausgefahren sind, gesund zurückkommen.

Das heißt, man muss im Ernstfall auch aufgeben können?

So schnell sicher nicht. Nach uns kommt keiner mehr, um zu helfen. Feuerwehr ist im Notfall die letzte Instanz. Aber wir müssen auch abwägen und dann schnell entscheiden: Ist da noch was zu schützen übrig? Können wir tatsächlich noch in ein Gebäude rein? Dieser Grenzbereich ist das Besondere an der Feuerwehr.

Aber Sie kümmern sich ja nicht nur um Großbrände?

Nein. Das Meiste, was wir machen, sieht die Öffentlichkeit gar nicht. Allein der Löschzug 1 fährt rund 200 Einsätze im Jahr: Diese kleineren Einsätze werden kaum wahrgenommen. Dabei sind die oft ebenfalls mit Belastungen verbunden. Was wir auch in Halver vorfinden, wenn wir zu einer Türöffnung gerufen werden, erwartet man eigentlich in einer kleinen Stadt nicht. Auch so etwas stellt die Kameraden vor Herausforderungen. Wir dringen manchmal tief in den privaten Bereich ein. Man muss nicht nur die Tür öffnen können. Da braucht es auch soziale Kompetenz und Fingerspitzengefühl.

Nehmen Feuerwehrleute diese Art von Kompetenz mit? Hilft das auch anderswo?

Ja, ganz sicher. Diese Soft-Skills, insbesondere die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, sind natürlich hilfreich, auch im Beruf. Viele Kameraden sind im Job zugleich Brandschutzbeauftragte. Und auch Führungsqualitäten, die man bei der Feuerwehr braucht, sind nützlich für den Arbeitgeber.

Aber die Arbeitgeber freuen sich doch nicht durchweg, wenn der Mitarbeiter unerwartet raus muss?

Das ist sehr unterschiedlich. Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Ich kann das sogar verstehen, und wir versuchen, die Einsatzstärke möglichst angemessen zu halten. Man muss nicht mit 40 Mann zu einem Ölfleck ausrücken. Aber die meisten Firmen in Halver sehen das entspannt, haben auch selbst einen Bezug in die Feuerwehr, stellen ihre Unternehmen für Übungen zur Verfügung. Da haben am Ende alle Beteiligten etwas davon, wenn wir uns auskennen, falls da mal was passiert.

Spielt die Größe der Stadt eine Rolle?

Ja, ich glaube, es ist ein Riesenvorteil, dass man sich kennt und vernetzt ist. Wenn man was braucht, kriegt man das auch, und zwar schnell. Das war beim Hochwasser der Fall, als die Bauunternehmung Dohrmann ohne Diskussion mit schwerem Gerät zur Hilfe kam. Und auch die Zusammenarbeit mit den anderen Hilfsorganisationen läuft hier wie kaum anderswo. Das ist natürlich das DRK, der Rettungsdienst des Kreises, das THW bis hin zur Polizei, die ja auch immer dabei ist. Das ist nicht selbstverständlich. Und dafür sind wir dankbar.

Was sagt denn eigentlich Ihre Familie dazu?

Sie trägt das mit. Ohne dem ginge das nicht. Manchmal auch mit Zähneknirschen, das ist klar. Als unser Sohn gerade geboren war, war ich zwei Wochen auf einem Lehrgang in Münster und meine Frau mit dem Neugeborenen allein. Das hat nicht für Begeisterung gesorgt. Da gibt es auch ein bisschen Angst, wenn der Papa plötzlich raus muss und mitten in der Nacht wiederkommt. Aber natürlich sind die Kinder auch stolz auf ihn. Feuerwehr fasziniert schon. Der Tag der Feuerwehr an der Villa Wippermann hat das auch wieder gezeigt. Blaulicht und große rote Autos – da gab es viele glänzende Augen. Mit zehn Jahren kann man übrigens in die Jugendfeuerwehr eintreten, nur mal so (lacht).

Wie viel Zeit steckt in Ihrem Zweitberuf?

Ich halte das nicht nach, das tut, glaube ich, auch keiner von uns. Schulungen, Fortbildungen, Einsätze – da summiert sich natürlich einiges auf. Hobbys habe ich nicht, bevor Sie fragen.

Wem würden Sie raten, zur Feuerwehr zu gehen und warum?

Jeder, der sich einbringen will und kann, ist uns willkommen. Was zählt, ist die Motivation und die Zuverlässigkeit. Es ist eine Verpflichtung, die man freiwillig eingeht...

...und warum sollte man das tun?

Es gibt einem unglaublich viel zurück. Wir sind wieder beim Begriff der Kameradschaft und bei einem gegenseitigen Vertrauen, das es nirgends anders gibt. Und vielleicht wieder zum Anfang des Gesprächs, ich sage es gerne noch mal: Es ist ein gutes Gefühl, wenn man helfen kann!

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