War alles umsonst?

Was bleibt, ist Verzweiflung: Ehemaliger Soldat aus MK spricht über Zeit in Afghanistan

Mitten im Nichts: Der Halveraner Dustin Raatz in Afghanistan bei Masar-e Sharif. Was haben die Einsätze am Ende gebracht?
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Mitten im Nichts: Der Halveraner Dustin Raatz in Afghanistan bei Masar-e Sharif. Was haben die Einsätze am Ende gebracht?

20 Jahre Einsatz in Afghanistan. Was haben sie am Ende gebracht, jetzt wo das Land erneut von den Taliban eingenommen wurde? Wir haben dazu mit einem ehemaligen Soldaten aus Halver gesprochen, der drei Einsätze in Afghanistan hatte. Über vieles redet er, über vieles auch nicht. Über manches kann er nicht reden. Doch immer fragt er sich: „Wollen die Menschen überhaupt wissen, was da unten los war?“

Halver – Es ist der zweite Abend in Afghanistan. Dustin Raatz geht gegen 22 Uhr vom Aufenthaltsraum des Feldlagers mit einem Kameraden in Richtung Unterkunft. Das Lager liegt in einem Tal in Faizabad, nahe des Hindukusch. Der Himmel ist schwarz, beide Männer sehen nur mit einer kleinen Taschenlampe den sandigen und steinigen Weg. Ab Einbruch der Dunkelheit herrscht die sogenannte Lichtdisziplin – Lichter sind verboten, Fenster werden abgedunkelt. Niemand darf das Lager sehen. Dann hört Dustin Raatz eine Rakete in unmittelbarer Nähe vorbeifliegen. Die Kameraden schauen sich an und rennen los. Auf dem Weg fliegt eine zweite Rakete an ihnen vorbei. In der gepanzerten Unterkunft angekommen folgen weitere Schüsse. Das Lager wird angegriffen.

Das ist eine Situation, über die Dustin Raatz reden kann. Es ist aber nur eine von vielen, die er in seinen drei Einsätzen á vier Monaten in Afghanistan als Soldat erlebt hat. Über viele Geschehnisse wird er nie sprechen – mit niemanden. Das hat er so für sich entschieden.

Drei Mal in Afghanistan

Trotz der Erlebnisse im ersten Einsatz in Afghanistan 2009 fährt er im selben Jahr noch einmal nach Faizabad. Sein drittes Mal verbringt er vier Monate in Masar-e Scharif über den Jahreswechsel 2013/14. Immer freiwillig – für ihn gehören Auslandseinsätze als Soldat dazu, sagt er. Zwischenzeitlich war er im Kosovo. Aber das kann man nicht mit Afghanistan vergleichen, sagt er.

Schon als Kind entwickelt der heute 35-Jährige ein großes Interesse fürs Militär. „Ich wollte immer Soldat werden.“ Was das am Ende bedeutet, wie nah er dem Tod sein kann, weiß er damals noch nicht. Die Rakete in Faizabad schlug 70 Meter neben ihm ein. 115 Millimeter Kaliber. Abgeschossen vermutlich von Taliban-Kämpfern von einem Berg runter ins Tal. Ein Mobiltelefon diente vermutlich wie so oft als Zündung: bei Anruf Abschuss.

Dustin Raatz am Flughafen Köln, bevor er zu seinem Afghanistan-Einsatz fliegt.

Keine Zielführung, nur Holzbretter und ein Erdhaufen lenken die Raketen. „Dafür haben sie gut getroffen“, sagt Raatz und ergänzt: „Wenn man danach seinen Geburtstag feiert, ist das etwas anderes.“ Der Halveraner war gerne Soldat. Jammern wird man ihn nicht hören. Ironisch sagt er zur Zeit in Afghanistan: „Bomben-Stimmung.“ Aber lachen kann er nicht. Er sucht eher nach Worten. Afghanistan war eine Realität weit ab von jeder, die sich Menschen, die nie dort waren, vorstellen können. Der Halveraner fragt sich, ob die Menschen überhaupt wissen wollen, was da unten los war in den 20 Jahren.

Dustin Raatz ist der Mann, der am Tag des Hochwassers am 14. Juli zum Held wurde, als er mit seinem privaten Bundeswehr-Fahrzeug, einem MAN Kat 1, durchs tiefe Wasser in Hagen fuhr und ein Kind rettete, dessen Beatmungsgerät keinen Akku mehr hatte. Bezogen auf seine Zeit als Stabsunteroffizier mit mehren Auslandseinsätzen war er nie ein Held. „In Amerika ist das anders“, erzählt der Halveraner. „Soldaten, die dort nach Hause kommen, sind Helden.“

„Wir viele hast du erschossen?“

Der Ex-Soldat erinnert sich an eine Situation in Halver: Als er nach einem Einsatz nach Hause kommt, spricht den Uniformierten eine fremde Person aus Halver an und fragt, wie viele Menschen er erschossen habe. Raatz geht darauf nicht ein. Aber Wut macht sich breit. „Für viele sind wir Mörder.“ Ein Held will er gar nicht sein.

Keiner frage, wie es ihm geht, wie die Verpflegung war oder wie er Kontakt nach Deutschland halten konnte. Raatz weiß nicht, ob die Menschen wirklich realisieren, dass die Soldaten in Auslandseinsätzen immer auch ihr Leben riskieren. Auf Twitter schreibt ein ehemaliger Bundeswehrsoldat zur derzeitigen Situation in Afghanistan: „Ich war Soldat, war in Kabul und habe mein Leben riskiert – und wofür?“

War die Einsätze umsonst?

Waren die 20 Jahre Einsatz umsonst? Dustin Raatz sagt, dass er schon bei seinem Einsatz 2009 das Gefühl hatte, dass aller Aufwand vergebens sein wird. Für ihn war die Aufgabe eine große Herausforderung. Vielleicht, sagt er, maßt sich der Westen auch zu viel an, wenn er seine Werte Gesellschaften auferlegen will, die noch nicht bereit dafür sind. Vielleicht war es zu naiv, zu glauben, man könne die mehr als 30 Ethnien des Vielvölkerstaats vereinen und ihnen demokratische Werte vermitteln. Zumindest in 20 Jahren – dafür brauche es mehrere Jahrzehnte, gar Generationen.

Wirklich umsonst war nur eins: „Wenn ich an all die gefallenen Kameraden denke, dann war es umsonst.“ Auch er hat einen Kameraden verloren. Nicht in, aber durch Afghanistan. Mehr sagt er dazu nicht. Der Halveraner kommt wieder heil nach Hause, zum Teil durch Glück, wie er sagt. Er versucht, ein normales Leben zu führen, wohlwissend um die andere Realität in Afghanistan.

Er selbst sagt, er wurde reifer. Lernte, die kleinen Dinge zu schätzen, mit wenig glücklich zu sein. Nur Freunde, die ihn schon kannten, bevor er in Afghanistan war, sagen, die Einsätze haben ihn verändert. Er sei kälter und verschlossener. Vielleicht ein Schutzmechanismus.

Positives in Erinnerung rufen hilft

Er versucht, sich immer an positive Erlebnisse zu erinnern. Als Erstes denkt Dustin Raatz dabei an seine ersten beiden Einsätzen, in denen er beim Bau einer Brücke über den Fluss Koktscha mitwirkte. Für ihn war das eine nachhaltige Investition, wenngleich er sich fragte, ob das Bauwerk bei einem weiteren Einsatz noch stehen wird. Den Einwohnern der umliegenden Dörfer ersparte der neue Weg über den Fluss mehrere Stunden Umweg.

In welchem Zustand die Brücke heute ist, weiß Raatz nicht. Wohl aber, wie sich der Zustand des Lagers in Faizabad entwickelt hat. Nach Ende des Einsatzes hatten die Einsatzkräfte den Afghanen erklärt, wie alles funktioniert, und sie eingewiesen. In einer Reportage, die Dustin Raatz im Fernsehen sieht, stellt er fest, dass das Lager vollkommen vernachlässigt wurde. „Das war für mich sehr, sehr traurig.“ Eine sinnbildliche Brücke zu den Menschen konnte nicht erbaut werden. Jetzt zu sehen, dass die Taliban die Macht ergriffen haben, ist schlimm, aber es überrascht ihn wiederum auch nicht. Zur politischen Situation und dem Verhalten der Deutschen Regierung will er lieber nichts sagen.

Er verfolgt das Geschehen in den Medien und kann die Menschen, die fliehen wollen, verstehen. „Die Menschen sind verzweifelt“, sagt er, und kommentiert die Bilder von Afghanen, die sich an Flugzeuge hängen. „Der Überlebenswille ist so stark. Sie wissen, sie haben nichts mehr zu verlieren.“

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