Echte Leidenschaft: Dieter Hintze ist seit 60 Jahren Friseurmeister

Dieter Hintze und seine Kundin Edith Flamme
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Diamantener Meisterbrief: Dieter Hintze ist seit 60 Jahren Friseurmeister. Zwei Generationen vor ihm übten den Beruf aus – und zwei nach ihm. Und bald wird er Urgroßvater – tritt die Urenkelin auch in die Fußstapfen?

Friseurmeister Dieter Hintze erhält seinen Diamantenen Meisterbrief. Seit 60 Jahren - und noch immer - ist der 82-Jährige aktiv. Generationen vor ihm waren Friseur - und seine Kinder und Enkelkinder auch. Ein Portrait.

Halver - Dass er lacht, sieht man auch mit Maske. Nur leicht dämpft das Stück Stoff seine herzliche Freude. Die FFP2 nervt schon. „Muss ja aber sein.“ Wenigstens dürfen die Friseure arbeiten. Wieder. Sonst ist alles gleich: Kamm in der linken, Schere in der rechten Hand, schwarzes Hemd. Dieter Hintze.

Es gab Post für den 82-Jährigen. Von der Handwerkskammer. Seit 60 Jahren ist er Meister – dafür erhält er den Diamantenen Meisterbrief. Seine Tochter, Andrea Mertens, ruft uns sofort an; ist stolz auf ihren Vater. „Och, neeee“, ruft Dieter Hintze und lacht, als die Frau mit Block in der linken, Stift in der rechten Hand und „auch noch“ einer Kamera in den Laden kommt.

Hintze arbeitet noch

Die Sessel im Wartebereich sind frei, denn wer kommt, hat einen Termin und geht sofort auf den Frisierstuhl. „Sie da, ich hier. Abstand ganz Corona-konform“, sagt er und lacht, während er sich auf das Ledersofa setzt. Viel Zeit haben wir aber nicht. Denn: Gleich kommt eine Kundin. Dieter Hintze arbeitet noch. „Warum auch nicht?“

Dieter Hintze wird 1939 in Düsseldorf geboren. Zu Beginn des Kriegs. Lange bleibt er nicht im Rheinland, erzählt der 82-Jährige: „Wir wurden ausgebombt.“ Seine Mutter ist Halveranerin, seine Großmutter lebt noch in Halver. Die Hintzes fliehen ins Sauerland wie so viele andere. Und bleiben.

Dieter Hintze ist seit 60 Jahren Friseurmeister und arbeitet noch immer.

Er wird ein Halveraner. Seine Eltern kaufen das Haus an der Von-Vincke-Straße 7. Unten ist der Friseursalon des Vaters, oben lebt die Familie. Heute ist es das Frühstücksstübchen. „Im heutigen Biergarten stand ein Baum mit Schaukel“, erinnert sich Andrea Mertens an ihre Kindheit im Garten.

1954 beginnt Hintze seine Lehre als Friseur. Dass auch er in die Fußstapfen seines Vaters treten wird: „Klar“, sagt er. Ungewöhnlich war es in den Fünfzigern jedoch schon, dass Männer diesen Beruf ergreifen. Neben rund 30 jungen Frauen in der Ausbildungsklasse, sind es mit ihm drei junge Männer, die lernen, mit Kamm und Schere umzugehen.

Ausbildung in den 50er-Jahren

Seine Freunde wurden Bäcker, Maurer oder übernahmen das Geschäft der Familie. Bauckhage zum Beispiel – früher ein Geschäft für Haushaltswaren und Ort für Geschenke. Den Laden gibt es nicht mehr, den Salon Hintze jedoch schon. Damals ahnte man noch nicht, wohin sich der Handel entwickeln würde. Damals war es auch noch meist vorgegeben, sagt der 82-Jährige, was man beruflich macht. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb der Halveraner Friseur wurde. Er liebt den Job. Etwas anderes konnte und könnte er sich nicht vorstellen. Liegt es im Blut? Er würde es zumindest immer wieder tun. Vorm PC und am Schreibtisch sitzen? Auf keinen Fall. Nicht umsonst kommt gleich eine Kundin vorbei. Ans Aufhören denkt er nicht.

In seinem Job hat er Kontakt mit Menschen. Das erste, was er macht, wenn er sie trifft: mit ihnen reden. Das wird oft unterschätzt. Er fragt, was sie sich vorstellen; vielleicht weiß er es manchmal besser. Wichtig ist, dass die Kunden zufrieden den Laden wieder verlassen. Haare machen Menschen, und Haare machen Menschen auch ein Stück weit glücklich. An diesem Tag ist eine Praktikantin zum Probearbeiten da. Ihr erster Eindruck: Die Menschen verlassen den Laden strahlend – trotz Maske. Die junge Frau will kreativ sein, sagt sie. Dann wäre sie hier richtig, wenn es nach Dieter Hintze geht. „Das ist ein kreatives Handwerk.“

Berufserfahrung in Düsseldorf

Für dreieinhalb Jahre hat der Halveraner in Düsseldorf gearbeitet und Großstadtluft geschnuppert. Von 1957 bis 1960. Andere Menschen, andere Leben, andere Frisuren. Er hat dort viel gelernt, wollte aber wieder zurück. In den 60er-Jahren kamen Kunden häufiger als heute. Alle zwei bis drei Wochen die Männer, Frauen noch öfter – schon alleine zum Föhnen, denn nicht in jedem Haushalt gab es diesen modernen Haartrockner. Höchstens eine Trockenhaube, erzählt Dieter Hintze und lacht über die alten Zeiten. „Wir haben von Dauerwelle gelebt.“ Heute werden Haare gefärbt; manchmal auch bunt. Zeiten ändern sich. Aber manche Dinge bleiben. So wie das Talent in der Familie, das er von seinem Vater und Großvater bekam, und an seine beiden Kinder und seine Enkeltochter weitergegeben hat. Bald wird er Uropa, der Termin ist schon kommende Woche. Was aus der Urenkelin wohl wird?

1977 hat er das Haus an der Hermann-Köhler-Straße gekauft. Unten der Salon, oben wohnt er noch heute. Mal eben runter kommt er, wenn man ihn anruft oder er einen Termin hat. Der Salon gehört dazu, ist Teil seines Wohnbereichs. Früher verbrachte er hier den ganzen Tag. Heute kommt er für die letzten Stammkunden, die er noch hat. Edith Flamme zum Beispiel. Die Halveranerin kennt noch die Eltern von Dieter Hintze und lässt sich vom Sohn der Friseurfamilie nun seit mehr als 50 Jahren die Haare schneiden – Dauerwelle, glaubt sie, hatte sie auch bestimmt schon mal. Ändern wird sie ihren Friseur nicht mehr. „Er ist ein ganz netter“, sagt sie. „Was anderes kann sie jetzt auch nicht sagen“, meint Dieter Hintze und lacht, während er ihre frisch gewaschenen Haare kämmt.

Ich arbeite nur mit netten Leuten. Die Meckerköppe habe ich alle schnell vergrault.

Dieter Hintze Friseurmeister

Irgendwann kennt man die Menschen, die regelmäßig zu einem kommen. Auf eine andere Weise, aber gut. Familiär ist es im Salon. Locker. Die Kunden, sagt Hintze, sind auch immer nett. Die „Meckerköppe“ hat er alle vergrault, erzählt er. Sein Sohn läuft durch den Laden mit einem kleinen Teller. Angerichtet: Trockenkuchen, bereits in Stücke geschnitten. Er würde ihn anbieten. Aber essen kann man ja leider nicht mit Maske. Also verschwindet er im Mitarbeiterraum.

Direkt als Dieter Hintze 65 Jahre alt wurde, hat er den Salon an die Kinder abgetreten. Das ist bald 20 Jahre her. Aber er ist noch fit. Gestern, erzählt der 82-Jährige, hat er anderthalb Stunden Tennis gespielt. Viele seiner Freunde, ergänzt seine Tochter, haben bereits aufgegeben und spielen jetzt Golf. Weil sie Rücken- oder Knieprobleme haben. Ihrem Vater aber merkt man sein Alter nicht an. Falten? Vom Lachen.

Nur Weiterbildungen macht er nicht mehr mit. Die unzähligen, die er in seiner Karriere absolviert hat, reichen. Und die Färbetechniken Balayage, Foilyage oder Ombré kann er zwar aussprechen, braucht er für seine Kundschaft aber nicht mehr können. Da geht es eher darum, graue Haare abzudecken. Möglichst geschickt wie bei Edith Flamme. Der Blondton passt sich den grauen Haaren an. Wenn es herauswächst, sieht man es nicht sofort. Manche Tricks ändern sich nie. Und echte Leidenschaft hört auch nach mehr als 60 Jahren nicht auf.

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