Alle wollen aufs Fahrrad

Große Nachfrage in Corona-Krise - das Fahrradgeschäft boomt

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Es muss nicht immer ein E-Bike sein: Uli Stratmann repariert an der Frankfurter Straße alle Zweiräder – wie hier ein Hollandrad.

Halver - Kürzlich im Ladenlokal von Ulrich Stratmann an der Frankfurter Straße: Binnen zwei Stunden klingelt beim Zweiradmechanikermeister das Telefon sehr häufig. Seit der Corona-Krise boomt das Thema Fahrrad – egal, ob elektrisch oder mit reiner Muskelkraft betrieben.

„Keine Frage, es ist eine Menge mehr los“, sagt Stratmann, der sich indes nicht als Krisengewinner sieht. In ein bis zwei Jahren, so eine Warnung des Experten, werde es einen veritablen Einbruch geben. Auch (oder gerade) in seiner Branche. Grundsätzlich, so Uli Stratmann, freue es ihn, dass sich viele Menschen mit dem Thema Fahrrad auseinandersetzen. Stratmanns Kunden kommen aus Halver, aber auch aus Lüdenscheid, Kierspe, Radevormwald und Breckerfeld.

Der 62-Jährige, der vor dem Bau des Fachmarktzentrums am Bahnhof ansässig war, verkauft alle Arten von Fahrrädern und repariert sie auch. „Ich bin der einzige in der Gegend, der reparieren darf“, sagt Stratmann, der als Zweiradmechaniker-Meister auch die Ausbildungserlaubnis besitzt. Dafür ist im Moment allerdings keine Zeit, denn ein Tag ist für Stratmann mit 24 Stunden viel zu knapp bemessen. 

Ein-Mann-Betrieb läuft unter Volllast

Corona lässt den Ein-Mann-Betrieb unter Volllast laufen, Arbeit am Samstag und Sonntag sowie Notdienste inklusive. Das klassische Beispiel: Wer dieser Tage sein altes Fahrrad aus dem Keller holt, entstaubt und bemerkt, dass Expertise benötigt wird, um es wieder gefahrlos bewegen zu können, muss ein wenig Zeit mitbringen. „Zwei Wochen Wartezeit“, sagt Uli Stratmann, „anders geht es nicht.“ Allerdings: Damit ist der Kunde in Halver noch gut bedient. In der Region sind häufig deutlich längere Wartezeiten die Regel. Das Verständnis der Kunden? – Gemischt. „Es gibt Leute, die haben sehr viel Verständnis, weil sie sehen, was hier los ist, und einschätzen können, wie die Situation ist“, sagt Stratmann, „aber es gibt auch die anderen, die von der ersten Minute an Druck machen oder schon am Telefon über den Preis feilschen wollen, obwohl wir uns gar nicht kennen.“ 

Lieferschwierigkeiten sind fast schon die Regel

Reparaturen sind dabei die eine Seite, Verkäufe von Neuware die andere. Aufgrund der sprunghaft gestiegenen Nachfrage sind zum Teil massive Lieferschwierigkeiten in der Branche fast schon die Regel. Zum Teil unfassbare Schwierigkeiten gebe es, so Stratmann. „Ich habe allerdings das Glück, mit einem großen Partner zusammenzuarbeiten, der gut aufgestellt ist. Dennoch denke ich, dass einige Hersteller in zwei Jahren nicht mehr auf dem Markt sein werden.“ 

Speziell mit Blick auf die beliebten E-Bikes nennt Stratmann ein Beispiel für herrschende Schwierigkeiten. Bedingt durch eine massive Marketingkampagne zu Jahresbeginn habe es eine gestiegene Nachfrage nach Modellen mit Intube-Akkus in einem Wave-Rahmen – das sind im Rahmen verbaute Akkus – gegeben. Problem: Haupt-Herstellerland ist China. „Die Produktion war durch Corona für drei Monate unterbrochen“, berichtet Stratmann, „dass das Probleme macht, ist klar.“ 

Die Nachfrage nach E-Bikes ist groß

Nichtsdestotrotz ist die Nachfrage nach E-Bikes groß. Ein Trend, der zwei Herzen in Stratmanns Brust schlagen lässt. Er freut sich, wenn er ein vernünftiges Modell verkauft, doch er sieht den Trend auch kritisch. „Der Hype um das E-Bike wird abbrechen – in ein bis zwei Jahren“, prophezeit der Experte. Grund seien die hohen Folgekosten. 

„Ich nehme gerne das klassische Beispiel: In Bayern sind viele Almen inzwischen auf Asphaltstraßen erreichbar. Wenn die Leute da runterfahren, bremsen sie vor jeder Spitzkehre auf fast 0 km/h runter. Resultat: Bremsscheiben im Eimer, Bremsklötze im Eimer. Und wenn dann der Akku nach sechs Jahren seinen Geist aufgibt, setzt man sich hin, kalkuliert und resümiert: Wie teuer bin ich eigentlich gefahren?“, rechnet Uli Stratmann vor. „40 bis 50 Prozent werden dann mit dem Abenteuer E-Bike aufhören“, sagt er. 

Stratmann spielt mit offenen Karten

Allerdings spielt Uli Stratmann gegenüber seinen (Neu-) Kunden von Beginn an mit offenen Karten, lässt ehrliche Einschätzungen schon ins Beratungs- und Verkaufsgespräch einfließen, das rund zweieinhalb Stunden dauert. Hinzu kommt bei Übergabe zudem eine 45-minütige Unterweisung nach Herstellerprotokoll. Erst dann kann der E-Bike-Spaß für den Kunden beginnen. 

In der Summe bleibt Stratmann kritisch, was auch mit der gesamtwirtschaftlichen Lage zu tun hat. „Ich kann nicht mal eben zehn Leute unter 65 nennen, die momentan nicht von Kurzarbeit betroffen sind. Es werden schwere Zeiten kommen. Der Hype momentan ist nur vordergründig. Ich bin gespannt, wie es wird.“

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