Gülle-Skandal

"Nur knapp an der Katastrophe vorbei"

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Hagen/Halver - „Wir sind nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt!“ Am dritten Verhandlungstag im Gülle-Prozess gegen den Halveraner Landwirt Tobias Feckinghaus sagte Biologe Joachim Frings vor dem Hagener Landgericht als Zeuge aus.

Er ist Leiter des Betriebs Gas und Wasser des Remscheider Energiedienstleisters EWR und äußerte sich zum Zustand der Talsperre rund zweieinhalb Jahre nachdem rund 1,6 Millionen Liter Gülle hineingelangt waren. 

Nur durch das schnelle Abpumpen großer Güllemengen, die sich an der Staumauer am Boden abgesetzt hatten, sei ein Umkippen der Talsperre, die als Trinkwasserreserve dient, letztlich verhindert worden. Mittlerweile habe sich der Fischbestand nach der biologischen Verödung in der Neye-Talsperre wieder erholt, konnte Frings am Donnerstag zumindest eine gute Nachricht verkünden. 

„Alle wichtigen Fischarten sind bei einer Untersuchung in der vergangenen Woche nachgewiesen worden“, sagte der Biologe. Allerdings sei die Anzahl noch deutlich geringer als vor der Gülle-Katastrophe im Frühjahr 2015. 

Große Probleme durch Algenwachstum 

Große Probleme bereite allerdings weiterhin das verstärkte Algenwachstum, hervorgerufen durch die zu vielen Nährstoffe in den Gülleresten, die sich weiterhin im Wasser befinden. Vor dem Abpumpen der Gülle lagen die Ammonium-Stickstoffwerte zeitweise etwa 800-fach über dem Richtwert. In diesem Jahr habe sich das Algenwachstum im Vergleich zum Vorjahr und 2015 allerdings verringert. 

„Bis die Talsperre jedoch wieder in einem Zustand wie vor dem Unfall ist, werden aber noch drei bis fünf Jahre vergehen“, sagte Frings. Thema war auch ein erster, kleinerer Gülle-Unfall vom 3. November 2014, als schon einmal Gülle in den Neye-Bach gelaufen war und in diesem zu einem Fischsterben geführt hatte. 

Damals war die Güllemenge allerdings zu gering, um vom Bach bis in die Talsperre zu gelangen. Auch bei diesem Vorfall habe es Gülle-Spuren gegeben, die vom Feckinghaus-Gelände zum Bach führten, hieß es am Donnerstag im Hagener Landgericht. Zu einer weitergehenden Untersuchung dieses Vorfalls sei es bei der EWR allerdings nicht mehr gekommen, weil nur wenige Monate später bereits die große Gülle-Katastrophe folgte.

Kurznachricht in der Tatnacht

Erneut vergeblich versuchte der Vorsitzende Richter auch Licht ins Dunkel um eine Kurznachricht in der Tatnacht zu bringen. Um 1.46 Uhr verständigte sich der Angeklagte mit einem Mitarbeiter darüber, dass er gerade seinen Rundgang gemacht habe und „ob alles läuft“. Eine Kuh habe geschrien und bald darauf gekalbt, hatte Tobias Feckinghaus sein nächtliches Wachsein am ersten Verhandlungstag begründet. 

Das Auslaufen der Gülle aus dem Behälter habe er erst am Morgen gegen 6.30 Uhr gemerkt. Sein Anwalt verlas dazu eine Erklärung. So habe der Landwirt den Mitarbeiter in der Nacht wegen des bevorstehenden Kalbens der Kuh geweckt.

Der Prozess um die Gülle-Katastrophe wird am kommenden Montag, 2. Oktober, ab 9 Uhr im Landgericht Hagen mit dem vierten Verhandlungstag fortgesetzt.

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