Hausärztliches Zentrum unwirtschaftlich

Ärzteversorgung durch MVZ: Es gibt mehr Klarheit

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Der Bedarf an Ärzten wird in Halver langsam ersichtlich.

Halver - War es beim vergangenen Mal noch „wolkig“, klärt der Himmel über dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) langsam auf.

Nicht nur der Bedarf für Halver wird langsam ersichtlich, sondern auch die Frage nach der Beteiligung der Stadt und der Rechtsform. Für Klarheit sorgten im Ausschuss für Kultur, Soziales und Sport am Donnerstag die geladenen Experten Dr. Hartmut Rohlfing, Allgemeinmediziner aus Halver, Dr. Thorsten Kehe, Geschäftsführer der Märkischen Kliniken, sowie erneut Ingo Jakschies, Geschäftsführer des Gesundheitscampus-Sauerland aus Balve. Zu Gast, aber nur stiller Zuhörer, waren Ulrich Schulte, Bürgermeister aus Plettenberg, und Bürgermeisterkandidat Olaf Stelse aus Kierspe. 

Der Grund: Bei den Überlegungen geht es um ein interkommunales Gesundheitszentrum. Zunächst war das nur mit Kierspe angedacht. Nun ist auch Plettenberg nicht abgeneigt. Viele waren da, aber eine Partei hat noch gefehlt, sagte Dr. Kehe: ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Denn sie sei es, die letztendlich entscheide, welche Ärzte wo gebraucht würden und sich auch niederlassen dürften. Der Mediziner sagte auch, dass ein hausärztliches MVZ „nicht besonders wirtschaftlich zu betreiben“ sei und stellte das MVZ Hellersen in Lüdenscheid der Planung entgegen. Das wiederum weise einige Synergien mit den Märkischen Kliniken auf – in den Bereichen Beschaffung, Verwaltung und Gerätenutzung. 

Ein „zweischneidiges Schwert“

Auch in der Behandlung ergänze die stationäre Aufnahme die Ambulanz. Trotzdem sei es ein „zweischneidiges Schwert“. Nicht zuletzt, weil es schwierig sei, Fachpersonal zu finden. Gewinne mache das MVZ Hellersen nur durch die Strahlentherapie, alle anderen Fachbereiche seien „gerade einmal kostendeckend zu betreiben“. Als Betreiber eines MVZ trage man das wirtschaftliche Risiko, angestellte Ärzte arbeiten tariflich. Eine Beteiligung an einem MVZ schließe er grundsätzlich nicht aus, es komme aber auf die Konzeption an. Kehe betonte im Laufe der Diskussion, dass er ein MVZ als Daseinsfürsorge sieht. 

Trotzdem stellte er die Idee infrage: „Die Vorstellung, dass jeder Facharzt in Halver sein muss, ist lange überholt.“ Zudem könne eine Stadt keinen Bedarf formulieren, sondern nur die KV. Um auf die Rolle der Stadt einzugehen, sagte er, dass die Stadt im MVZ nicht notwendig sei. Die Rolle der Kommune könne jedoch die des Vermieters sein. Damit wäre man d‘accord, wildere man doch sowieso in fremden Terrain, sagte Bürgermeister Michael Brosch. Dass nicht nur eine Rechtsform, sondern auch die Beteiligung der Stadt damit eine andere sei, sah auch Kämmerer Markus Tempelmann positiv. 

Das Land für Ärzte attraktiv machen

Der Bedarf für die Region Westfalen-Lippe ist bereits definiert. Der Bedarf wird für den gesamten Märkischen Kreis ermittelt. 1,5 Kinderärzte und 0,5 Augenärzte sind alles, was möglich ist. „Und ob die sich dann gerade in Halver niederlassen wollen...“, merkte Rohlfing an und betonte, dass es wichtig sei, gerade das Land attraktiv für Ärzte zu machen. Seien diese doch aus ihrer Studienzeit meist in der Stadt einiges gewöhnt und hätten Ansprüche. Besonders im Fokus waren im Ausschuss die Ärztinnen, die einen Anteil von knapp 80 Prozent ausmachen. Gerade sie seien es laut Meinung von Dr. Kehe und Ingo Jakschies, die flexible Arbeitsmodelle wollen, um genügend Zeit für Familie zu haben. Dr. Jana Schrage (Grüne) merkte jedoch an, dass man es nicht speziell für Frauen attraktiv gestalten solle, sondern auch für Männer, die ebenfalls Interesse an Vereinbarkeit von Familie und Beruf hätten. 

Fakt sei, sagte Rohlfing, dass einige Kollegen schon länger nach Nachwuchs für die Praxis suchten. Stiegen nun Dritte in Form eines MVZ ein, wäre das ein Novum, das aus der Not geboren werde – weil man keinen Nachfolger finde. Skeptisch blieben die Mediziner im Ausschuss bei der Frage, ob es sich um ein Zukunftsmodell handelt. Besonders für den Fachärztebereich sei es sinnvoll, über digitale Möglichkeiten nachzudenken und auch Hausbesuche zu thematisieren. 

Ist ein Fahrdienst eine Alternative?

Medizin müsse neu gedacht werden, sagte Kehe. Doch dafür müssten auch die Patienten offener werden, ergänzte Rohlfing. „Also brauchen wir kein MVZ, sondern nur einen Fahrdienst?“, fragte Andreas Wolf (UWG). In Kierspe sei das Hausärzteproblem mit 4,5 freien Sitzen das größte innerhalb der Region, sagte Rohlfing. Für Halver müsse man das klären, denn ein Hausärztemangel liege noch nicht vor. Ideen in der Ärzteschaft gebe es bereits mit Blick in die Zukunft. Umgehen wolle man sowohl in der Ärzteschaft als auch in der Politik, wie es Sabine Wallmann (UWG) bereits mehrmals betonte, dass Praxen von Franchise-Unternehmen geführt werden. „McArzt“ nannte es Rohlfing und äußerte ebenfalls seine Bedenken. Dann würden Ärzte in Praxen regelmäßig wechseln. 

Wichtig sei laut Kehe und Rohlfing, diese Primärversorgung zu sichern und im Blick zu haben, weil sich die meisten Ärzte spezialisieren und es daher in Zukunft einen Hausärztemangel überall geben könnte. Ingo Jakschies ergänzte: Nur Ärzte zu betrachten sei zu kurz gedacht und man müsse auch den Komplex Pflege und Therapie mitaufnehmen. Bürgermeister Michael Brosch forderte von der Politik ein „klares Signal“, um die Klärung eines MVZ voranzutreiben. Ein deutliches Stück weiter sei man gekommen, hieß es vonseiten der Mitglieder des Ausschusses, wenngleich sich auch neue Fragen stellen. „Das Ziel muss ausgearbeitet werden“, sagte Dr. Thorsten Kehe. Im Hauptausschuss in zwei Wochen, am 17. Juni, geht es weiter.

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