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Zwei Kriege, zwei Fluchten: Syrische Familien fliehen aus der Ukraine in den MK 

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Von: Sarah Lorencic

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Leichtigkeit nach der schweren Flucht: Die 2-jährige Diana ist mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Halver zu Verwandten geflohen.
Leichtigkeit nach der schweren Flucht: Die 2-jährige Diana ist mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Halver zu Verwandten geflohen. © Sarah Lorencic

Für syrische Flüchtlinge aus der Ukraine ist es die zweite Flucht in ihrem Leben. Auch diese neun Personen sind geflohen als die Bomben wieder näher kamen.

Halver – Diana hebt die Arme, in beiden Händen hält sie angebissene Kekse. Die zweijährige tanzt fröhlich vor dem Fernseher zu Kindermusik und alle schauen ihr zu, sind abgelenkt. Vergangene Woche noch saß das Mädchen mit ihrer Familie in einem fremden Auto und fuhr aus dem Westen der Ukraine, der Stadt Chmelnyzkyj, nach Warschau. Dann ging es im Zug weiter nach Berlin, dann nach Dortmund. Dort wurden sie von dem Halveraner Raed Fadda abgeholt. Am Freitag, 4. März, ist sie mit ihren Eltern und weiteren Verwandten in Halver angekommen. Die Flucht aus der Ukraine hat für die insgesamt neun Personen ein Ende. 50 Stunden standen sie an der Grenze, liefen viele Kilometer mit der Großmutter zu Fuß.

Majd Shoubash und Raed Fadda haben Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Teile ihre Familie.
Majd Shoubash und Raed Fadda haben Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen. Teile ihre Familie. © Sarah Lorencic

Die neun Personen setzen sich zusammen aus zwei Paaren mit einem und zwei Kindern sowie der 73-jährigen Großmutter. Untergekommen sind sie privat bei Raed Fadda und seiner Frau Majd Shoubash. Elf Personen, davon drei Kinder (2, 8 und 11 Jahre), leben derzeit auf den 58 Quadratmetern, die das Halveraner Paar mietet. Alles egal. Das Paar weiß, wie wichtig eine sichere Heimat ist. Die Stadt aber kümmert sich derzeit um eine neue Unterkunft, in der die zwei Familien mit ihren Kindern leben können. Die Großmutter soll bei den Halveranern bleiben.

Flüchtlinge sind Familie einer Halveranerin

Die neun Flüchtlinge gehören zur Familie von Majd Shoubash; es sind ihre Geschwister, Großmutter, Nichten und Neffen. Ursprünglich kommen alle aus Syrien bis auf eine Frau, sie ist gebürtige Ukrainerin und heiratete einen Bruder von Majd. Er ging bereits 2002 aus Syrien zum Studieren in die Ukraine und baute sich dort ein Leben auf – noch vor dem Krieg in seiner Heimat. 2013 kamen zu ihm alle, die jetzt auf dem Sofa in Halver eng beieinander sitzen und suchten Schutz. Es ist ihre zweite Flucht. Auch für eine Tochter, die damals so alt war wie Diana heute.

Die Flucht 2015 nach Halver

2015 flüchtete Raed Fadda nach Deutschland und holte seine Frau Majd 2019 zu sich in das neue Leben in Frieden. Sie erwarten ihre erste Tochter. Emma soll sie heißen, erzählen die werdenden Eltern stolz. Ein internationaler Name, kein arabischer. Sie sind integriert, sprechen Deutsch und gehen arbeiten, sagen sie. Dass es Rassismus gibt, wissen sie. Selbst hautnah erlebt haben sie ihn nie, sondern wurden immer gut behandelt. Auch jetzt prallen Kommentare an ihnen ab, die syrischen Flüchtlingen aus der Ukraine nicht willkommen heißen. „Das erzähle ich unserer Familie auch nicht“, sagt Raed Fadda.

Die Ukrainerin zu Putin: „Teuflisch“

Die gebürtige Ukrainerin kann kaum reden, fängt immer wieder an zu weinen. Sie sagt nur, wie dankbar sie ist, dass die Grenzen offen sind. Raed Fadda übersetzt die deutschen Fragen ins Arabische und der Mann von der 40-Jährigen übersetzt für seine Frau ins Russische. Zu Putin befragt, übersetzt Raed das Wort zu „teuflisch“ – „Gibt es das so in Deutsch?“, fragt er. Verrückt, aggressiv und unberechenbar ergänzt sie noch. Für ihre Kinder ist sie geflohen, sie sollen in Sicherheit sein. Große Teile ihrer Familie aber bleiben in der Ukraine. Sie mag daran nicht denken, ist ständig über das Smartphone in Kontakt.

Gepäck: Tasche gepackt und weg: Jetzt stehen die Fluchttaschen in der kleinen Wohnung in Halver.
Tasche gepackt und weg: Jetzt stehen die Fluchttaschen in der kleinen Wohnung in Halver. © Sarah Lorencic

Aber sie gingen. Denn sie wussten aus Erfahrung: es wird nicht aufhören. Bis auf wenige Taschen haben sie alles zurückgelassen. Priorität für die älteren beiden Kinderhatten Gitarre und Geige. Dafür wurde der Schlafanzug beim schnellen Packen vergessen. Sie wollten weg, konnten die Sirenen nicht mehr ertragen. Sie hatten Angst: Nur wenige Kilometer entfernt schlugen Bomben ein. Das Leben in der Ukraine ist vorbei, sagen sie.

Jetzt versuchen sie anzukommen. Sie gehen auf den Spielplatz und freuen sich, wenn für die Kinder bald die Schule beginnt. Zu Hause ist da, wo die Familie ist, sagt die Älteste. Jetzt in Halver.

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