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Die Frau, die 40-Tonner bewegt: Seit 30 Jahren im Lkw unterwegs

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Von: Sarah Lorencic

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Birgit Sallermann ist Lkw-Fahrerin aus Leidenschaft.
Birgit Sallermann ist Lkw-Fahrerin aus Leidenschaft. © Lorencic, Sarah

Wer meint, 40-Tonner fahren nur Männer, kennt Birgit Sallermann nicht. Seit 30 Jahren ist die Halveranerin Lkw-Fahrerin. Was das mit High Heels und Mini-Röcken zu tun hat, hat sie uns erklärt.

Halver – Sie führt sogar mit ihrem Mann einen Familien-Betrieb in dritter Generation in Halver: Sallermann-Transporte. Sie hat Fuß gefasst in einem Beruf, der von Männern dominiert ist. Der Familienbetrieb aus Halver ist einer der kleinen Art. Vier Lkw bilden den Fuhrpark gegenüber des Halveraner Waschparks. Vier Fahrer und eine Fahrerin rollen mit den 40-Tonnern durch Deutschland. Birgit Sallermann vertritt derzeit einen Kollegen, der länger ausfällt. Denn eigentlich soll sie nach drei Rücken-Operationen keine Touren mehr fahren. Ist der Job nichts für Frauen? Birgit Sallermann liebt ihn. Dass sie wieder einspringen muss, ist für sie kein Problem. Im Gegenteil.

Neue und vor allem verlässliche Fahrer zu finden, das ist fast unmöglich. Bei Sallermann verlässt man sich daher auf die, die man hat, und sucht niemanden mehr. Damit niemand geht, pflegt man ein besonderes Miteinander und investiert viel ins Team. Vatertag zum Beispiel wurde gemeinsam gegrillt und Zeit verbracht. Damit es nicht stressig wird, wurde entschieden, dass die Lkw am Freitag alle stehen bleiben. Es hat viele Vorteile, kein großer Betrieb zu sein, sagt Birgit Sallermann, die versucht, alle zusammenzuhalten. Weiblicher Einfluss tut einer von Männern dominierten Branche einfach gut, weiß die gebürtige Halveranerin.

Hier fühlt sich Birgit Sallermann wohl: Fahrzeuge müssen bei ihr groß sein und einen Lkw fährt sie daher selbst und das seit 30 Jahren. Sie macht einen Job, der noch immer von Männern dominiert ist.
Hier fühlt sich Birgit Sallermann wohl: Fahrzeuge müssen bei ihr groß sein und einen Lkw fährt sie daher selbst und das seit 30 Jahren. Sie macht einen Job, der noch immer von Männern dominiert ist. © Lorencic, Sarah

Früher hatte sie ihren eigenen Lkw, heute ist sie eher eine Art Springerin, wenn ein Fahrer ausfällt. Komplett pausiert hatte sie nur für ein paar Jahre als sie Mutter wurde. Aber nur im Büro sitzen, konnte sie nicht ertragen und musste wieder ins Führerhaus. 1984 hat die 55-Jährige eine Ausbildung bei Kostal begonnen und schnell gemerkt, dass sie dieser Job nicht glücklich macht. 1985 machte sie ihren Lkw-Führerschein und fährt seitdem 40-Tonner. Damals war es noch untypischer, dass Frauen hinterm Steuer eines Lkw sitzen als heute.

Als junges Mädchen, erzählt sie, traf sie eine Frau in Halver, die einen Kipper fuhr. „Sie stieg mit Mini-Rock und High-Heels aus dem Fahrzeug aus“ und hinterließ bei Birgit Sallermann einen bleibenden Eindruck. Weil sie anders war und entgegen gesellschaftlicher Ansichten genau das machte, was sie wollte und vor allem wie sie es wollte.

Trucker Babes sind nicht die Realität

High-Heels und Mini-Rock sind für Birgit Sallermann nichts. Die Realität ist eine andere, wenn Frauen heute Lkw fahren, auch wenn Sendungen im Fernsehen ein anderes Bild suggerieren wollen. Birgit Sallermann trägt praktische Kleidung. Solche, in der sie bequem einige Stunden im Lkw sitzen und hinterher ihre Ladung sichern kann. Für unterwegs gibt es geschnittenes Gemüse in Dosen und Kaffee mit Milch. Der Job ist nicht schick. Er ist hart - und dennoch können ihn auch Frauen machen.

Raststätten entlang der Autobahn meidet die 55-Jährige und geht bei ihren Kunden auf die Toilette. Dort sind sie wenigstens sauber, was für Frauen ohnehin einmal mehr wichtig ist. In Zeiten von Corona wurde den Fahrerinnen und Fahrern der Gang in die Firma jedoch verwehrt, erzählt Sallermann. Dagegen hat sich die Halveranerin erfolgreich gewehrt. War doch Händewaschen noch wichtiger als sonst – und der Bogen um öffentliche Toilettenanlagen auch. Und „mal eben im Stehen“ geht bei Frauen eben nicht.

Unfall: Zusammenstoß mit Pkw

Sie nimmt den Job ernst und auch die Verantwortung, die sie trägt, wenn sie mit einem Stahl transportierenden Lkw über die Straßen fährt. In 30 Jahren hatte sie einen einzigen Unfall, aus dem ein Pkw als Totalschaden hervorging. Sie und der Fahrer des Autos blieben unverletzt. Den Abend wird sie dennoch nie vergessen. Es war dunkel und es regnete, als sie rechts ein schwarzes Auto überholte. „Ich habe ihn nicht gesehen“, sagt sie ehrlich. Sie zog mit dem Lkw nach rechts und erfasste den Pkw, der dann über die Fahrbahn schleuderte und im Gegenverkehr landete. Der Fahrer hatte großes Glück. Er hätte aber nicht rechts überholen dürfen. Aber: Lkw sind oft ein Ärgernis für andere Verkehrsteilnehmern. Zu langsam, zu groß, zu laut. Gerade derzeit.

Frust über A45-Sperrung

Die Kritik aus der Region prallt an ihr nicht ab. „Wir können uns nicht in Luft auflösen“, sagt sie und erklärt, dass auch für Lkw-Fahrerinnen und -fahrer vor allem Lüdenscheid eine Katastrophe geworden ist. Vor 30 Jahren war der Verkehr auf den Straßen ein anderer, sagt sie. Sie wohnt selbst mit ihrem Mann in Breckerfeld und vor ihrer Tür fahren die Lkw nun auch her. Ändern, sagt sie, kann sie nunmal nichts.

Der Hauptkunde des Familienunternehmens hat seinen Sitz in Hagen. Die Sanierung der Fahrbahndecke der Landesstraße zwischen Breckerfeld und Hagen ist für das Transportunternehmen ein Problem. Die Strecke ist komplett gesperrt. Eine schlechte Nachricht. Jetzt bleibt wieder nur die B54. Der Verkehr ist ein Ärgernis in der Region. Und immer mehr Probleme kommen hinzu. Die Umleitungsstraßen sind wiederum so geschädigt, dass sich Birgit Sallermann fragt, wofür die Maut eigentlich genutzt wird.

Aber sie bleibt ruhig und strahlt das auch aus. Auf den Touren hört sie leise Radio und ist vor allem auf die Fahrt konzentriert. Morgens früh geht es los auf die Autobahnen Deutschlands. Der Sonne entgegen, wenn es noch ruhig ist auf den Straßen. Abends ist sie wieder in Halver, dann hat ihr Mann mitunter schon gekocht. Auch nicht ganz typisch, aber eben die echte Realität. Nein, den Spaß verliert die 55-Jährige auch jetzt bei den vielen Umwegen und Sperrungen nicht. Fünf Jahre will die Halveranerin noch fahren – dann soll Schluss sein. Zumindest mit den Touren. Im Büro geht es weiter, bis sie in Rente geht.

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