Weltfrauentag

Die älteste Halveranerin ist 101 Jahre alt: „Ich habe einfach gelebt“

Elisabeth Hedwig Engelen ist die älteste Frau in Halver. Sie ist 101 Jahre alt.
+
Elisabeth Hedwig Engelen ist die älteste Frau in Halver. Sie ist 101 Jahre alt.

Anlässlich des Weltfrauentages haben wir mit der ältesten Halveranerin gesprochen. Sie ist 101 Jahre alt und lebt im Haus Waldfrieden. Wie war es früher, eine Frau zu sein?

Auf der Suche nach einer 100-jährigen Halveranerin sind wir nicht fündig geworden. Denn: Es lebt derzeit in Halver keine Frau, die 100 Jahre alt ist. Zwei Halveranerinnen sind 99 und werden dieses Jahr 100. Die älteste Halveranerin aber ist Elisabeth Hedwig Engelen. Sie setzt der 100 noch einen drauf. Sie ist 101 Jahre alt. Wir haben sie getroffen.

Wer mit Elisabeth Engelen spricht, blickt in tiefblaue Augen, die viel erzählen, ohne, dass die 101-Jährige spricht. Ihr Gegenüber fokussiert sie stark. Elisabeth Hedwig Engelen könnte viel erzählen. Doch es fällt ihr nicht mehr leicht. Die älteste Halveranerin lebt im Haus Waldfrieden. Jeden Tag bekommt sie Besuch von ihrem Sohn Hans-Ulrich Engelen und ihrer Schwiegertochter Ellen. Wirklich jeden Tag. „Wer weiß, wie lange wir sie noch haben“, sagt Ellen Engelen. Die paar Stunden am Tag investieren sie gerne.

Elisabeth Engelen bekommt jeden Tag Besuch von ihrem Sohn Hans-Ulrich Engelen und ihrer Schwiegertochter Ellen Engelen.

Geboren wird Elisabeth Engelen im Januar 1920. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, der Versailler Vertrag tritt in Kraft, aber von Friedensruhe noch keine Spur. Im Februar gründet sich die NSDAP mit Adolf Hitler. Elisabeth Engelen erinnert sich noch an den Diktator. Sie erlebt Geschichte, die heute in Lehrbüchern steht, hautnah.

Noch heute kann die 101-Jährige ihren Geburtsort buchstabieren; langsam, aber deutlich: Zettitz. Man findet zu der Stadt nicht viel. Es war eine Gemeinde im heutigen Westen Polens. Aber die Eltern zieht es ins Ruhrgebiet, Elisabeth Engelen wächst mit sieben Geschwistern in Essen auf. Sie ist Mitglied im Bund Deutscher Mädchen, dem BDM, turnt gerne und viel – davon gibt es noch Fotos, erzählt ihre Schwiegertochter.

„Der Doktor sagte immer, ich werde mal 100“

Heute sitzt die Halveranerin im Rollstuhl. Ihre Beine sind müde, sagt sie. Und das ärgert die älteste Frau der Stadt ungemein. Sie schaut auf ihre Beine, die in einer Wolldecke eingepackt sind, und schüttelt nur den Kopf. Nie wollte sie jemandem zur Last fallen, selbst mit 100 Jahren nicht. „Der Doktor sagte immer, ich werde mal 100“, erinnert sich die 101-Jährige. „Aber das wollte sie nie“, ergänzt die Schwiegertochter und lacht. Aber die 101-Jährige freut sich, dass sie noch lebt.

An ihrer rechten Hand funkelt es. Noch immer trägt sie ihren Ehering – seit nunmehr 77 Jahren. Geheiratet hat die Halveranerin 1944. Mitten im Zweiten Weltkrieg hat sie ihre Liebe gefunden. Wie feiert man in solchen Zeiten eine Hochzeit? „Na ja, wir haben kein Tamtam gemacht“, sagt sie. Bereits mit 63 Jahren verstirbt ihr Ehemann. Mit dem Ring, sagt sie, ist „ihr Willi“, der viel zu früh gegangen ist, immer bei ihr. Was ihr bleibt, sind sieben Geschwister und zwei eigene Kinder; Zwillinge. Eine große Familie, die ihr das Wichtigste war und ist. Früher war das so, sagt Engelen. Heute verlieren viele Familien den Zusammenhalt.

Fragt man ihren Sohn, erinnert sich Hans-Ulrich Engelen an eine starke Frau. „Um es überspitzt zu sagen, sie hatte die Hosen zu Hause an“, sagt er und schmunzelt. „Sie hat alles zusammengehalten.“ Der Vater ist viel arbeiten. Die Mutter kümmert sich derweil um die Kinder, den Haushalt, den Gemüsegarten und das Geld in Zeiten von Inflation. „Sie hatte ein schwieriges Leben“, sagt die Schwiegertochter. Eines, das so ganz anders ist als in der heutigen Zeit. In Zeiten, in denen Frauen weniger Rechte haben - und weniger Möglichkeiten. Sind eigentlich Männer oder Frauen stärker? „Frauen sind stärker“, sagt Elisabeth Engelen ohne zu zögern. „Sie können viel mehr aushalten als Männer.“

Mit 88 Jahren kommt sie nach Halver

Eine Schwester der Halveranerin wandert nach Kanada aus. Mehrmals hat sie sie dort besucht. Das letzte Mal mit 89 Jahren. Ohne Begleitung fliegt sie knapp 7000 Kilometer über den Atlantischen Ozean. Ellen Engelen erzählt voller Stolz, dass ihre Schwiegermutter, die für sie wie eine Mutter ist, sogar in London umsteigen muss – und es meistert. Sie ist immer selbstständig. Mit 88 Jahren kommt sie nach Halver zu ihrem Sohn, dessen Frau hier geboren ist. Sie findet viele Freundinnen und trifft sich mit ihnen, um Rummikub zu spielen. Bis zu ihrem 99. Lebensjahr lebt sie zu Hause. Erst ihren 100. Geburtstag feiert sie im Haus Waldfrieden. Wie wird man 100 oder gar 101? Nach einer längeren Überlegung sagt sie: „Ich habe einfach gelebt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare