Deutschkurs für bessere Chancen

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Die Gymnasiastin Karoline Riedel hilft mit beim freiwilligen Deutschunterricht für Flüchtlinge.

Halver -  Neun junge Männer, unterschiedliche Nationalitäten, alle zwischen 20 und 35 Jahre alt, sitzen um einen großen Tisch und beobachten gespannt die junge Frau, die in ihrer Einkaufstasche herumwühlt. „Heute kaufen wir uns einen Salat“, sagt Karoline Riedel und zieht eine große Salatschüssel aus ihrer Tasche, die sie mittig auf dem Tisch platziert.

Von Sebastian Berndt

Nicht einer der Männer hat es nötig, zu lernen wie man einkauft. Und trotzdem erntet die gerade 16-Jährige keinesfalls abschätzige Blicke, als sie ein Stück Gemüse nach dem anderen aus ihrem Korb zieht und sorgfältig benennt. Jeder neue Name wird umgehend notiert oder schon leise nachgesprochen.

Alle Männer um den Tisch kommen aus unterschiedlichen Regionen der Welt, haben unterschiedliche Religionen und sprechen verschiedene Sprachen. Es ist vor allem ein Ziel, aufgrund dessen sich die Männer freiwillig vier Mal in der Woche in einem Haus am Bahnweg treffen: Um Deutsch zu lernen.

„Es ist ein Deutschkurs für Anfänger“, erklärt Jemal Ell-Alli. Der 55-jährige Syrer gründete den Kurs, der sich vor allem an Flüchtlinge und Asylbewerber richtet. In Syrien unterrichtete er Geschichte und knüpfte Kontakte mit dem Goethe-Institut in Damaskus. Von 2000 bis 2005 lebte er in Deutschland, lernte die Sprache kennen. Danach kehrte er nach Syrien zurück, ehe er vor einem Jahr seine Heimat aufgrund des Bürgerkrieges verlassen musste.

„Als ich wieder hier war, wurde ich gefragt, ob ich nicht anderen Flüchtlingen helfen könnte, Deutsch zu lernen“, sagt Ell-Alli. „Angefangen haben wir mit zwei Teilnehmern“, erinnert sich der 55-Jährige. Heute seien es schon mal bis zu 15. Unterstützung bekommt er von Karoline Riedel. Die 16-jährige Schülerin des Anne-Frank-Gymnasiums ist seit Anfang des Jahres dabei. „Ich bin zur Weihnachtsfeier eingeladen worden. Dort wurde ich dann gefragt, ob ich nicht ein wenig helfen könnte“, sagt die Gymnasiastin.

Beide bilden ein gutes „Lehrerteam“, wechseln sich in der Gestaltung des Unterrichts ab: Ell-Alli übersetzt – falls nötig – Arbeitsanweisungen ins Arabische, Karoline Riedel achtet besonders auf die richtige Aussprache der Schüler. Dass sie dabei sehr genau ist, stört die jungen Männer nicht im Geringsten. Geduldig versuchen sie, die Korrekturen umzusetzen, was in vielen Fällen nicht leicht ist. Besonders der deutsche Umlaut „ö“ bereitet Probleme – die Möhre für den Salat wird so zu einer kleinen Herausforderung.

Nachdem alle geübt haben, wie sie die Zutaten für ihren Salat in korrektem Deutsch im Supermarkt kaufen können, wird Grammatik wiederholt. Auf eine kleine Tafel schreibt Ell-Alli die Vergangenheitsformen der Hilfsverben. Einer nach dem anderen sprechen die Männer die konjugierten Verben nach. Als Hausaufgabe müssen die bis zur nächsten Unterrichtsstunde auswendig gelernt werden.

Ihre freiwillige Hilfe zum Beruf zu machen, daran denkt Riedel nicht: „Das Unterrichten ist zwar schön, aber kein Berufsziel.“ Ell-Alli gibt die Hoffnung mit seiner jungen Kollegin aber nicht so schnell auf: „Es ist etwas Wunderbares, man bildet den Menschen“, wendet er entschieden ein.

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