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Kraftwerksbetreiber im Nebenberuf - zu Gast am Ohler Hammer

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Von: Florian Hesse

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Wasserkraftwerk Ohler Hammer in Halver-Oberbrügge
Ohler Hammer. © Florian Hesse

Seit Hunderten Jahren fließt Wasserkraft am Ohler Hammer.

Halver - Das war knapp. Noch bis Anfang Juli mussten Betreiber kleiner Wasserkraftwerke davon ausgehen, dass ihnen der Gesetzgeber mittelfristig den Hahn zudreht. „Wird die Ampelregierung zum Totengräber für die kleine Wasserkraft?“, schrieb ihr Dachverband noch Ende März.

Beim Besuch vergangene Woche in der Wasserkraftanlage „Ohler Hammer“ unterhalb des Bahnhofs Oberbrügge allerdings hat Roland Pfeiffer eine frisch ausgedruckte E-Mail zur Hand. Die Arbeitsgemeinschaft der Betreiber von Wasserkraftwerken gibt Entwarnung. Die kritischen Änderungen im Gesetz über Erneuerbare Energien sind raus. Am 7. Juli wurden die Passagen im parlamentarischen Verfahren einkassiert. Die kleine Wasserkraft bleibt weiter „von überragendem öffentlichen Interesse“. Grund genug also, sich das kleine Kraftwerk an der Volme einmal genauer anzuschauen.

274 Meter Obergraben

Dabei: So klein ist es gar nicht. Wenn bei ordentlich Wasserstand Höhe Ortseingang Oberbrügge von Kierspe aus ein Teil des Flüsschens Volme rechts abbiegt, sind es noch 273,95 Meter, die es im Obergraben zurücklegt. Dann rauscht es durch den Rechen und treibt auf dem Weg zum Untergraben und weiter zurück ins Flussbett eine Turbine an. Läuft die auf maximaler Leistung, liefert sie 36 Kilowatt. Aufs Jahr gesehen reicht das für den Strom von rund 35 Wohnungen beziehungsweise Einfamilienhäusern.

Richtig normal ist es allerdings zurzeit nicht. Der Landschaftsarchitekt hatte erst ein Problem mit dem Bisam, dann mit einem Baumstamm. Der Baumstamm kam mit einem Hochwasser, und danach war das sogenannte Schütz am Einlauf zum Obergraben kaputt. Mit seinem Sohn, ziemlich viel Beton und einem neuen Schütz, selbstverständlich „nach aktuellem Stand der Technik“, soll dort der Schaden oberhalb des Volmewehrs, Höhe Siedlung Loewen, bis zum Herbst wieder behoben sein, hofft Pfeiffer.

Bisam flutet die Nachbarschaft

Auch um die Sache mit dem Bisam hat sich der Betreiber bereits gekümmert. Bis März 2020 hatte die Wasserratte am Ende des Obergrabens gewohnt, und zwar auf der linken Seite des Grabens. Der Bau in der Bruchsteinmauermauer lag, wie sich herausstellte, ziemlich unglücklich. Denn unterhalb des Obergrabens liegen ein Firmengebäude und Wohnbebauung. Welche Versicherung nun was bezahlen muss, wird immer noch juristisch geklärt. Jedenfalls war ziemlich viel Wasser unterwegs, und zwar zunächst einmal letztmalig. Den früheren Bisam-Bau hat Pfeiffer jedenfalls endgültig mit Beton dichtgemacht.

Wasserkraftwerk Ohler Hammer in Halver-Oberbrügge
Ohler Hammer © Florian Hesse

Damit ist nun der geeignete Zeitpunkt gekommen, um das neue Schleppschütz einzubauen. Denn im Sommer bei Niedrigwasser steht die Anlage ohnehin. 150 Liter Wasser pro Sekunde, etwa eine volle Badewanne, müssten durch die Schaufelräder der Turbine laufen mit Druck von oben und Sog von unten, damit in Sachen regenerativer Energie überhaupt etwas passiert. Doch dafür lohnt es sich noch nicht. Ist aber richtig Wasser in der Volme und damit im Obergraben unterwegs, gibt’s auch ordentlich Leistung. 1,2 Kubikmeter pro Sekunde beträgt die sogenannte Schluckleistung des Kraftwerks unterhalb des Bahnhofs Oberbrügge, und dann hat das Kraftwerk die Schwerkraft so richtig auf seiner Seite.

Dann wird es aber auch wirtschaftlich interessant, wenn der Zähler vorwärts zählt. 12,67 Cent pro Kilowattstunden bekommt Pfeiffer für die eingespeiste Kilowattstunde, von der auch der Netzbetreiber etwas hat. Den Normalhaushalt kostet der Strom rund 30 Cent. Es verdient also nicht allein der Betreiber des Kraftwerks.

Bis vor Kurzem gab es für Pfeiffer übrigens nur 7,67 Cent. Die Verbesserung hat mit dem Rechen zu tun. Mehr Vergütung gibt es nämlich, wenn auch der dem „Stand der Technik“ und ökologischen Verbesserungen entspricht. Dieser Rechen, ein verzinkter Rost mit fischfreundlichen Stäben vor dem Turbinenschacht, hat im Wesentlichen zwei Funktionen. Zum einen schützt er die Turbine vor Treibgut und Müll, der mit der Volme in den Graben schwimmt. Was der Rechen abgreift, sammelt Pfeiffer ein. Rund ein Kubikmeter, meist Holz, aber auch Müll türmt sich gestapelt neben dem Einlauf.

Zum anderen schützt der Rechen aber größere Fische, die zwischen Ober- und Untergraben mit den Schaufeln der Turbine ein Problem bekommen könnten. Der Rechen ist engmaschig genug und mit abgerundeten Gitterstäben konstruiert, sodass Forellen nicht durchkommen und auch nicht eingeklemmt werden. Für Kleinfische wie Stichlinge sind die Abstände zu groß, doch die gehen unbeschadet durch die Anlage, wie Pfeiffer erläutert.

Der Rechen muss passen

Die Fischproblematik an Flüssen und Wehren der Wasserkraftwerke war dabei zentrales Argument der Kritiker. Für sie könnten die Anlagen zu Fallen werden, monieren Naturschutzverbände. Pfeiffer sieht das anders. Im Bereich des Wehrs hat er einen Bypass angelegt, mit dem die Fische die Staustufe umschwimmen können. Und führt die Volme wenig Wasser, sei der Obergraben Zufluchtsort. Im steinigen Flussbett wartet auf sie der Reiher. Im stillen Wasser des Obergrabens seien sie außer Gefahr, argumentiert er.

Doch warum tut sich der Landschaftsarchitekt den Nebenjob als Kraftwerksbetreiber an? Darauf hat Pfeiffer mehrere Antworten. Zum einen geht’s sogar um Geld. Die Jahrhunderte alte Wasserkraft im Volmetal muss auch heute noch Gewinne abwerfen. Kann er das nicht nachweisen, gerät die Genehmigung in Gefahr. Als Liebhaberei lässt der Gesetzgeber solche Anlagen nicht zu.

Doch es ist noch mehr, was den Oberbrügger umtreibt. Die Gewinnung regenerativer Energie ganz ohne CO2-Ausstoß und die Möglichkeit des lokalen Verbrauchs seien immer schon zukunftsweisend gewesen und würden es angesichts der aktuellen Energiesituation immer mehr.

Und dann ist da noch etwas: Pfeiffer ist Lokalpatriot, selbst aufgewachsen neben den Firmen von August Berghaus und den Gebrüdern Winter. Spaten und Schaufeln, später Lampenzubehör entstand unter den Hämmern, die von Wasserkraft betrieben wurden. „Das konnte man auch gut hören. Im ganzen Ort“, erinnert er sich. Die alten Bruchsteinwände stehen noch an diesem außergewöhnlichen Ort, an dem die Wasserkraft seit Hunderten Jahren zuhause ist.

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