Der Wandel der Zeit

Das Schicksal der Schweinebauern: Von 15 Betrieben sind zwei übrig

Schweine, Betrieb, Halver
+
Von 15 Schweinebetrieben sind in Halver noch zwei übrig geblieben. Und die arbeiten sehr unterschiedlich.

In Halver gab es im Jahr 1996 noch 15 Betriebe, die Schweine hielten. Zwei sind davon heute übrig geblieben. Ein Betrieb arbeitet konventionell, einer alternativ. Wir wollten wissen, wie es zu der Entwicklung kam und trafen ehemalige Schweinebauern und die Beraterin Anne Niggeloh aus Halver.

Halver – Schweine mit Ringelschwänzchen im Stroh oder auf einer zerwühlten Wiese. Das ist der Alltag auf dem Hof Hedfeld, den wir besuchten, um uns die alternative Methode der Schweinehaltung anzusehen. Wie sieht die konventionelle Haltung aus?

Anne Niggeloh ist Beraterin der Firma Schaumann und unterwegs auf Schweinebetrieben in ganz Nordrhein-Westfalen. Sie macht sich Sorgen um die Schweinebauern. Hintergrund ist der momentane Zustand, der durch Corona bedingt ist. Schlachtereien wie Tönnies haben ihre Schlachtkapazitäten heruntergefahren. Die Schweine aber sind schlachtreif und hätten die Betriebe eigentlich verlassen müssen. Aber es staut sich in den Schweine-ställen. Die gemästeten Tiere fressen weiter, die Ferkel kommen nach und haben keinen Platz. Kosten ohne Gewinn. Anne Niggeloh, die eigentlich berät, um den Erfolg im Stall zu fördern, hört in diesen Zeiten oft nur noch den Familien zu, die sich sorgen.

Ein konventioneller Hof, ein alternativer

In Halver gibt es nur noch zwei Schweinebauern. Der Hof Hedfeld steht mit vier Sauen in keinem Vergleich zu den gängigen Mastbetrieben. In Hohenplanken ist der letzte konventionelle Schweinebetrieb in Halver ansässig. Im Jahr 1996 gab es noch 15 Betriebe, die Schweine hielten. Sie haben entweder ganz aufgehört oder halten heute nur noch Kühe. „Das ist nicht nur in Halver so“, sagt Anne Niggeloh. Sie beobachtet das Sterben der Betriebe in ganz Deutschland seit vielen Jahren.

Schuld daran sind die immer neuen Verordnungen, die die Betriebe in die Knie zwingen. Die neueste wird am 1. Januar 2021 inkrafttreten. Dann müssen alle Ferkel bei der Kastration betäubt werden. In fünf Jahren folgt die nächste Auflage: mehr Platz für tragende Sauen, mindestens fünf Quadratmeter. Sauen, die gerade Ferkel bekommen haben, dürfen nur noch fünf Tage im Kastenstand fixiert werden. Es geht um mehr Tierschutz, aber Anne Niggeloh kritisiert die Verordnungen scharf. „Die Verordnungen werden nach den Vorstellungen gemacht, die Verbraucher von Tierschutz haben.“

Es ist nicht immer alles echter Tierschutz

Das sei aber nicht immer echter Tierschutz, was sie am Beispiel des Kastenstandes erläutert. So werden die Sauen fixiert – können also nur liegen oder stehen, solange die Ferkel gesäugt werden –, damit sie sich nicht auf die Ferkel legen. Das Leben beziehungsweise Überleben der Ferkel ist Niggeloh wichtiger als der Komfort der Sau. „Die Sau steht nicht auf, wenn ein Ferkel unter ihr liegt“, sagt die Halveranerin. Und die Kosten, die den Bauern durch die vorgeschriebenen Umbauten bevorstehen, stehen in keiner Relation zu dem Geld, was am Ende durch die Vermarktung übrig bleibt.

Schon jetzt werden 40 Prozent der Ferkel im Ausland eingekauft und in deutschen Mastbetrieben gemästet, weil der Platz sonst nicht reichen würde. „Werden wir demnächst noch selbst Lebensmittel in unserem Land produzieren oder werden wir uns abhängig vom Ausland machen?“, fragt Niggeloh. Das Schicksal der Landwirte besorgt die Beraterin.

Der Bauernverbandsvorsitzende Joachim Rukwied sagt: „Mehr Tierwohl kann es nicht umsonst geben.“ Das Tierschutzkonzept einer Expertenkommission des Agrarministeriums sieht neben einer Tierwohlabgabe auch eine milliardenschwere Förderung vor.

Ehemalige Schweinebauern äußern sich

Dorothée Theile-Rasche und Werner Eichert sind zwei der ehemaligen Schweinebauern in Halver. Beide haben sich bereits vor vielen Jahren dazu entschlossen, die Schweinehaltung aufzugeben.

Dorothée Theile-Rasche führt mit ihrem Mann einen Betrieb in Magdheide. Heute unterhalten sie Milchkühe, 1996 waren es rund 40 Sauen, die regelmäßig ferkelten. Auch Kühe hatten sie bereits damals und es funktionierte noch parallel. Dann aber mussten sie sich entscheiden, erzählt Dorothée Theile-Rasche. „Wir hätten größer werden müssen“, sagt die Halveranerin. Mastbetriebe haben heute um die 500 Sauen, im Osten gar noch mehr, erzählt sie. Das wollte die Familie in Magdheide nicht. „Die Landwirtschaft ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen“, sagt sie und bedauert die Entwicklung. Von wenigen Schweinen und auch Kühen kann heute kein Bauer mehr leben. Mehr Tiere bedeuten aber auch mehr Arbeit, die man alleine nicht schaffen kann, also muss man Personal einstellen – das wiederum kann man erst bezahlen, wenn man noch mehr Tiere hält, erklärt die Bäuerin. Wo hört das Rad auf, sich zu drehen? „Dann diese Dumping-preise“, erzählt sie weiter. 4,90 Euro für ein Kilogramm Schweinerücken. „Das ist eine Schande am Tier – und am Landwirt, der 365 Tage im Jahr morgens und abends für die Tiere da sein muss.“

Halver ist nicht für die Futtergewinnung gemacht

Betriebe, die heute artgerecht Tiere halten, müssen dahinterstehen, sagt Theile-Rasche. „Mit vollem Herzen.“ Anders könne man das nicht mehr schaffen. Gäbe es noch alle Schweinebetriebe, hätten heute alle mehr Tiere halten müssen, sagt sie. Schon alleine für die Futtergewinnung sei aber Halver nicht gemacht. Auch das sei ein Grund, warum die Landwirte heute Kühe halten.

Auch Walter Eichert hatte 1996 noch Schweine auf seinem Hof in Büchen. „Ich konnte die konventionelle Zucht nicht mehr ertragen“, sagt Eichert. Der Halveraner ist Tierarzt, er hat Mutterkühe. Schon vor 30 Jahren, sagt er, hat er versucht, eine alternative Schweinehaltung zu betreiben. Er hat es gewagt und ist ebenfalls in die Direktvermarktung eingestiegen. Aber da wurde er von der Realität überholt. Die Verbraucher waren nicht bereit, das Geld zu bezahlen.

„Die Verbraucher wollen die Kuh auf der Weide und ein Ringelschwanz im Stroh – aber dann wollen sie im Supermarkt aus dem Regal billiges Fleisch in den Einkaufswagen legen.“ Er hörte auf. „Ich war der Zeit voraus“, sagt er heute und beobachtet die Entwicklung erfreut. Heute würden seine Kollegen auf Tierschutz achten, „es hat sich viel getan“. Aber die Schweine und Hühner erfahren das größte Tierleid. „Und Schweine sind so intelligente und saubere Tiere.“ In den Mastbetrieben stehen und schlafen sie auf ihrer Toilette und stehen in Dunkelställen, sagt Eichert. „Das ist alles nicht meine Welt.“

Von den Politikern bin ich enttäuscht.

Walter Eichert, Tierarzt und ehemaliger Schweinebauer

Aber er sieht den Fehler auch bei der Ärzteschaft. „Wir Tierärzte haben zu wenig die Schmerzen der Tiere berücksichtigt.“ Dass Ferkel bei der Kastration bald betäubt werden müssen, findet er wiederum auch nicht richtig. Alleine die Zeit, die die Bauern dann für die Kastration einkalkulieren müssen, neben den Kosten, die sich am Ende nicht in den Lebensmittelpreisen widerspiegeln. Er favorisiert die Methode der Immunokastration, ein immunologisches Verfahren zur Verhinderung der Bildung der Geschlechtshormone. Das seien zwei Spritzen, ähnlich einer Impfung. „Von den Politikern bin ich enttäuscht.“

Aber der Appell geht auch an die Verbraucher, die es in der Hand haben. „Du bist, was du isst“, sagt Walter Eichert. Menschen sollten mehr Geld für ihre Lebensmittel ausgeben. Dann könnte auch mehr in Tierwohl investiert werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare