Ein Interview

„Das kann morgen wieder passieren“: Bürgermeister gibt Einblicke nach Hochwasser

Bürgermeister Michael Brosch, Halver
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Halvers Bürgermeister Michael Brosch.

Der Klimawandel ist spürbar in Halver. Das Hochwasser vergangene Woche zeigt das unter anderem. Bürgermeister Michael Brosch gibt einen Einblick in den Ablauf der Katastrophe und über das weitere Vorgehen.

Halver/Oberbrügge – Der Klimawandel ist spürbar in Halver. Die Trockenheit lässt die Wälder sterben. Vergangene Woche werden Teile Halvers vom Hochwasser in einem noch nie da gewesenen Ausmaß überflutet. Bürgermeister Michael Brosch erzählt im Interview mit Sarah Lorencic, wie er den 14. Juli erlebt hat, was seitdem passiert ist und wie es jetzt weitergeht.

Eigentlich wären Sie seit Montag im Urlaub gewesen.
Ja, eigentlich. Ich hatte mich auch darauf gefreut, weil viele anstrengende Monate hinter uns liegen. Aber ich habe hier jetzt eine Ausnahmesituation, wo die Halveraner zu Recht erwarten können, dass wir uns innerhalb der Verwaltung um diese Notsituation kümmern.
Wo waren Sie am Mittwoch, als es losging?
Ich war auf einem 90. Geburtstag. Mein Handy klingelte, aber ich empfand es als unhöflich ranzugehen und habe erst eine halbe Stunde später gemerkt, dass Dennis Wichert (Anm. d. Red.: Wehrleiter der Halveraner Feuerwehr) versucht hat, mich zu erreichen. Ich habe ihn sofort zurückgerufen und bin sofort ins Gerätehaus. Dann ging es los.
Wie haben Sie die Zeit im Gerätehaus erlebt?
Wir haben den Abend in der Feuerwache verbracht, uns gemeinsam ein Bild gemacht und die Entwicklung beobachtet, gesteuert und Einsätze koordiniert – es hat sich sehr dynamisch entwickelt. Aber wir sind im Vergleich zu Nachbarkommunen halbwegs gut weggekommen. Feuerwehr, DRK und THW haben einen super-tollen Job gemacht. Die Koordination und Hilfsbereitschaft war immens und die Motivation enorm.
Menschen mussten sogar evakuiert werden.
Ja, gegen 23 Uhr rief Dennis Wichert noch einmal an, als ich schon wieder zu Hause war, und hat mir mitgeteilt, dass die Feuerwehr jetzt in Oberbrügge die Evakuierung einzelner Straßenzüge für geboten hält. Wir haben das dann gemeinsam entschieden. Das war keine leichte Entscheidung. Es ging auch um statische Probleme, die entstehen können. Wir wollten keine Risiken eingehen – und ich halte das auch im Nachhinein für richtig. Wir haben in anderen Städten gesehen, dass Häuser eingestürzt sind.
So etwas hat auch die Feuerwehr noch nie erlebt.
Hochwasser an sich ist ein Szenario, das die Feuerwehr übt. In dieser Heftigkeit hier bei uns hat das niemand erwartet.
Sie sagen, das war ein Jahrhunderthochwasser. Heißt das, dass wir erst in 100 Jahren erneut mit solch einem Vorfall rechnen sollen oder bereitet man sich im Rathaus darauf vor, dass es doch in naher Zukunft wieder passieren könnte?
Das kann morgen wieder passieren. Genauso wie morgen ein Sturm kommen kann. Wir haben keine Garantie, dass es morgen nicht wieder passiert. Und deswegen können wir immer nur schauen, dass wir uns auf solche Ereignisse vorbereiten, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten. Wir werden nachgehend noch einmal mit allen Verantwortlichen Manöverkritik betreiben. Im Moment geht es wirklich darum, jetzt in den nächsten Tagen die spontane Hilfeleistung sicherzustellen
Ist es nicht auch ein Einsatz, zu schauen, wie man die Anwohner besser schützen kann?
Die Frage ist, wo können wir überhaupt Dinge verändern. Man kann sich andererseits nicht auf jede Eventualität vorbereiten. Die Volme ist da, wir werden sie nicht verlegen. Die Häuser sind ebenfalls da, und zwar direkt neben der Volme, die werden wir auch nicht abreißen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir uns noch einmal über die Frage verständigen, wo es Möglichkeiten gibt, in diesem beengten Bereich, Entlastungsflächen zu schaffen, wo Wasser sich ausdehnen kann, ohne dass es in bewohnte Gebiete abfließt. Das müssen wir uns ansehen, aber da wird uns mit Sicherheit die Topografie auch Grenzen setzen.
Zweiter Handlungsstrang wird das Thema Ausstattung der Feuerwehr sein. Wir werden überlegen, ob wir aus dem, was wir erlebt haben, Konsequenzen für die Ausstattung ziehen müssen. Brauchen wir möglicherweise ein Boot, zusätzliche Notstromversorgung oder ein zusätzliches Fahrzeug? All das müssen wir uns dann vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen systematisch anschauen.
Ich glaube, dass die Hilfsorganisationen einen ganz tollen Job gemacht haben und dass wir gut ausgestattet sind. Es geht nur darum, das gegebenenfalls zu optimieren. Wenn aber mehr als 150 Einsätze in wenigen Stunden ankommen, müssen Prioritäten gesetzt werden – das hat die gesamte Wehrleitung hervorragend gemacht.
Es gibt einen Hochwasseralarmplan. Wie Dennis Wichert sagte, hat der aber nicht gegriffen, weil der Pegelstand viel höher war, als die höchste Stufe einkalkuliert. Wird der Plan überarbeitet?
Das müssen wir uns gemeinsam noch einmal anschauen. Zunächst versuchen wir jetzt, den Verlauf der Volme, so gut es geht, wieder herzustellen. Ich hatte dazu bereits eine Vereinbarung mit dem Leiter des Bauhofs, Klaus Ostermann. Ziel ist, dass die Volme wieder einigermaßen aufnahmefähig ist und uns nicht ein viel geringeres Regengeschehen dieselben Probleme bringt.
Was ist seit dem Tag im Rathaus passiert?
Es ist sehr viel an bilateralen Beziehungen entstanden. Wir versuchen, wo notwendig, Hilfsangebote und -nachfragen zu bündeln, aber ich kann nur dafür werben, dass man direkt miteinander kommunizieren sollte und nicht den Umweg über die Stadt wählt. Da gibt es tolle Beispiele, wie der Verein SGSH oder der TUS Grünenbaum und viele andere, die sich vor Ort eingebracht haben. Dort, wo die Hilfe nicht ankommt, wo sie gebraucht wird, sehen wir uns in der Funktion, zu unterstützen. Das Aktionsbündnis in Oberbrügge hilft nun bei der Vermittlung von Nachbarschaftshilfe, das DRK sammelt Spenden, der Werkhof liefert Möbel und Hausrat. So greift ein Rädchen ins andere.
Kommen wir vom lokalen Geschehen zum überregionalen, gar globalen. Was wir erlebt haben – auch bereits mit den Wäldern –, waren und sind Auswirkungen des Klimawandels. Sind wir uns dahingehend einig?
Ja.
Das Thema muss man lokal angehen?
Ja, das ist so.
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sagte in einem Interview vor Kurzem: „Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man doch nicht die Politik“. Was sagen Sie dazu?
Da stimme ich ihm deswegen zu, weil wir uns bereits vor der Flutkatastrophe in einigen Bereichen sehr intensiv mit dem Thema befassen. Lokal. Wir sind dabei, eine volle Stelle für einen Klimaschutzmanager einzurichten, was viel für eine Stadt wie Halver ist. Diese Person fängt, wenn alles gut geht, am 1. September an.
Wir haben uns mit den Themen Fotovoltaik und Windkraft in den vergangenen zwei Jahren viel konstruktiver befasst, als das davor der Fall gewesen ist. Und ich denke, dass wir in diesen beiden Feldern das größte Potenzial haben.
Ich werbe seit langer Zeit dafür, dass wir uns im Bereich der Windkraft mehrgleisig bewegen. Dass wir zum einen, die Flächen in den Fokus nehmen, wo wir als Stadt mitverdienen, unterstütze ich. Ich werbe aber zum anderen dafür, dass, wenn andere Vorhabenträger eigene Flächen identifiziert haben, wo wir als Stadt ein zusätzliches Windrad bekommen könnten, wir das machen sollten – da geht es mir in erster Linie nicht darum, Geld zu verdienen. Das ist ein schöner Nebeneffekt, wenn das klappt.
Deswegen habe ich lange leider ohne Mehrheit im Rat – dafür geworben, dass wir privilegieren, denn dann hätten wir deutlich größere Klimaeffekte jetzt schon generieren können.
Gibt es zum Thema Windkraft weitere Entwicklungen?
Es gibt Vorschläge aus dem politischen Raum und der Verwaltung. Wenn ich höre, dass wir Außenbereichssatzungen möglicherweise schaffen, um den Mindestabstand von einem Kilometer zu erzeugen... dadurch reduziere ich ja die Potenzialfläche. Ich finde diese Diskussion unter Klimagesichtspunkten widersinnig und werde das auch in künftigen Gremien so vertreten. Mit jeder Außenbereichssatzung, die wir dazu kriegen, reduzieren wir das Potenzial für Windkraft und damit für eine CO2-Reduzierung.
Anwohner lehnen sich meistens dagegen auf und wollen die Anlagen nicht in ihrer unmittelbaren Nähe haben. Könnte der sichtbar werdende Wandel Akzeptanz fördern?
Es wird zumindest keine negativen Effekte haben. Wenn ich mich mit jungen Menschen unterhalte, haben sie oft eine ganz andere Sichtweise als ältere Menschen, die Hauseigentümer sind. Meine Tochter fragt beispielsweise, wo das Problem ist. Sie ist mit Windkraftanlagen groß geworden, kennt Windparks und findet es normal, dass die Anlagen da sind und Ökostrom produzieren.
Und gerade die jungen Menschen sind es, die in Zukunft von den Klimafolgen und von dem, was wir hier nicht tun, obwohl wir vielleicht könnten, betroffen sein werden. Das ist die Generation, die in Zukunft die Effekte noch heftiger erlebt, als sie vielleicht sein müssen. Insofern bin ich der Meinung, wir müssen da etwas tun, und zwar da, wo wir handlungsfähig sind: lokal!
Wie steht es um Fotovoltaik?
Wir sind dabei, mit der Enervie und unserem KERN-Netzwerk, einem Zusammenschluss von verschiedenen Kommunen im Kreis, unseren Gebäudebestand zu prüfen und überlegen, was wir auch mit Fördermitteln, verbessern können. Da ist auch das Thema Fotovoltaik auf der Agenda. Wir müssen untersuchen, wo wir aus eigener Kraft etwas machen. Wir werden das Thema sicherlich auch in der Zusammenarbeit mit den Halveraner Firmen diskutieren. Im Herbst findet voraussichtlich ein Unternehmerstammtisch statt. Das ist alles schon vor dem Hochwasser geplant gewesen, ähnlich wie die Straßenbäume. Wir werden nicht jeden Baum retten können, müssen aber gucken, wo das möglich ist. Und die Stadt hat erstmals 100 000 Euro in den Haushalt für Straßenbäume im Stadtgebiet eingestellt.
Das muss es einem nur wert sein. Oder?
Ja, das sehe ich so. Mein Ziel ist es nicht, in Halver permanent der billige Jakob zu sein, wenn es um das Thema Realsteuern geht. Mein Ziel ist es auch nicht, dass wir uns aufs höchste Level begeben. Ich glaube aber schon, dass wir im südlichen Märkischen Kreis die attraktivste Stadt sind, was den Wohnwert betrifft, und ich bin stolz darauf, wie sich die Stadt entwickelt hat. Mein Ziel wird immer sein, zwischen dem, was wir den Menschen bieten und dem, was es kostet, ein richtig gutes Verhältnis zu schaffen. Dann sind die Bürger auch zufrieden.
Ein großer Aspekt, wenn es um den Klimawandel geht, ist die Versiegelung von Flächen. Bebaute Flächen, aber auch landwirtschaftliche, die von Maschinen stark verdichtet werden. Wird die Stadt ihre Flächen schützen?
Wir haben hier ganz lange Menschen in diesem Haus gehabt, die immer gepredigt haben, das Wasser muss in den Kanal und darf nicht versickern. Logisch. Je mehr Flächen einleiten, umso mehr fließt durch den Kanal. Wenn viel durchgeht, kann ich die Kosten, die ja gleichbleiben, auf viele Liter umlegen. Den Ansatz habe ich immer kritisiert. Ich bin der Meinung, dass wir gut beraten sind, wie vielleicht bald in Herksiepe/Schillerstein, Wege zu finden über Ökopflaster, nicht versiegelte Flächen, eigene Rückhaltungen, Rigolen, Zisternen zur Gartenbewässerung und so weiter. So bleibt der überwiegende Teil des Grundstücks versickerungsfähig und das Oberflächenwasser landet nicht in einem Kanal, der an Starkregentagen vielleicht überlastet ist
Ich bin eigentlich kein Freund von Schwarz oder Weiß, ich bin ein Freund von Graustufen. Ich halte es für falsch, wenn Halver sagt, wir machen keine Baugebiete mehr, um nicht weiter zu versiegeln. Ich glaube, wir werden auch in Zukunft neue Baugebiete ausweisen. Es wird darum gehen, dass wir die Festsetzung im Bebauungsplan so wählen, dass es im Baugebiet ökologisch umgesetzt wird. Ich glaube, dass die Kundschaft, die eh meistens jung ist, dafür ohnehin ein Bewusstsein hat und es nicht als Nachteil empfindet.
Sie haben anfangs schwere Monate angesprochen, die hinter Ihnen liegen. Jetzt reiht sich in die Pandemie ein Jahrhunderthochwasser ein. Fühlt man sich eigentlich auch mal hilflos?
Wenn Hochwasser oder auch Kyrill, trockene Sommer und so weiter anstehen, fühlt man sich zwar nicht gut, hilflos aber nicht. Aber die Dramatik der genannten Ereignisse zeigt: Man kann sich nicht auf jedes Szenario einrichten. Man muss gucken, dass man aus den Situationen immer das Beste macht – und das ist uns gelungen, das gilt auch für Corona. Auch wenn ich sehe, wie eine Forstbetriebsgemeinschaft gemeinsam mit dem Forstamt mit dem Problem Käferholz umgeht, dann habe ich großen Respekt vor dem, was dort in der jüngeren Vergangenheit geleistet wurde. Bei der Feuerwehr, dem THW und dem DRK habe ich beim Hochwasser so viel Power gesehen. Trotz Corona. Es war eine große Gemeinschaft da – deshalb schaffen wir das auch. Die Halveraner sind nicht hilflos, sie packen einfach an!

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