Vorliebe für Länder, die einen schlechten Ruf haben

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Stephan Orth hatte zahlreiche Bilder mitgebracht, um seinen Bericht für die Gäste im Kulturbahnhof auch visuell interessant zu machen.

Halver - Seine Bücher stehen regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste. So ist es nicht verwunderlich, dass Reporter und Buchautor Stephan Orth am Montagabend etwa 80 „Reisefreudige“ in den Kulturbahnhof lockte. Ganz zur Freude des Einladers, des Fördervereins der Stadtbücherei.

„Couchsurfing in Russland“ heißt Orths neues Buch, aus dem er Passagen vorlas und Bilder zeigte. Orth stellte sich vor als „Reisereporter mit Vorliebe für Länder, die einen schlechten Ruf haben“ und löste damit leises Lachen im Saal aus. Neben dem Iran, den Orth ebenfalls besuchte, ist auch Russland ein Land, das selten durch positive Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht. Allenfalls durch Verrückte, die bei Minusgraden schwimmen gehen.

„Ich bin offen, unkompliziert und freue mich, neue Leute kennen zu lernen. Hast du eine Couch für mich?“ Diese Mail sandte er zum Beispiel an Genrich. Die Adresse des Mannes fand er auf der Internetseite des Gastfreundschaftswerks Couchsurfing. Auf seine zehnwöchige Reise bereitete er sich unter anderem mit einem mehrwöchigen Russisch-Sprachkurs vor. Da ein Touristenvisum nur vier Wochen gültig ist, ließ der Autor sich offiziell von einer Firma einladen, die Schiffsteile herstellt. 

Für seine 26 Gastgeber hatte er reichlich Lübecker Marzipan im Gepäck. Darüber hinaus lud er sie zum Essen ein. Das Übernachten selbst ist kostenlos. Orth traf ganz normale Menschen, verbrachte mit ihnen den Alltag, besuchte Familienfeiern. „Im öffentlichen Raum sind die Menschen abweisend, trifft man sie privat, wird man wahnsinnig herzlich aufgenommen“, erzählte er.

So ging es ihm auch mit Genrich, dem Mann, an die er die Mail gesandt hatte. Im Kulturbahnhof zeigte Orth ein Foto des Russen und das Publikum stimmte ihm zu: „ Ihn könnte man sich gut als Mitarbeiter des Monats in einem Inkassobüro vorstellen.“ Genrich schikaniere die Besucher seiner Seite beispielsweise mit 100-seitigen Knigge-Regeln und kontrolliert mit Hilfe von Buttons, ob sie gelesen wurden.

Das Zitat: „Ich beantworte gern relevante Fragen“, sorgte für Heiterkeit im Saal. Bei soviel Papierkram schien alles klar. Der Reporter war überrascht, dass der Mann freundlich, offen und herzlich war. Genrich erklärte ihm, warum er vorab so große Hürden aufbaute: „Nur die Leute, die es wirklich verdient haben, dürfen bei mir wohnen“, sagte er. Das Publikum lernte eine Reihe skurriler Typen kennen und verstand ein bisschen besser, was die Bevölkerung an Präsident Putin schätzt.

Ganz nebenbei erklärte Stephan Orth, warum Blumenläden in Russland 24 Stunden geöffnet haben: „Wenn der Mann sturzbetrunken nach Hause kommt, kann er mit Blumen seine Ehe retten.“ Am Ende gab‘s viel Applaus für den Vortrag. Stephan Orth musste etliche Bücher signieren und er stellte ein drittes Buch der Reihe in Aussicht.

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