Nachbarschaftshilfe in Corona-Zeiten

Ehemaliger Flüchtling hilft in der Krise - und gibt so etwas zurück

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Mulham Mayoh bietet seine Hilfe an.

Halver - Mulham Mayoh ist aus Syrien geflohen. Er weiß, was es heißt, Hilfe zu brauchen, sagt er. Deswegen hilft er jetzt in der Corona-Krise. Wir haben ihn beim Einkaufen für eine Halveranerin begleitet.

Mit einer Hand fährt Mulham Mayoh den Einkaufswagen im Rewe. Statt eines Zettels hält er sein Handy fest. Und statt einer Einkaufsliste mit Wörtern, sind es vor allem Bilder, die er sich ganz konzentriert ansieht. „Süße Mandeln gehackt“ muss er besorgen. Also auf zur Backabteilung. Als er die Tüten in Bodennähe findet, zoomt er das Bild auf seinem Handy ganz nah ran und vergleicht es mit der Tüte, die er in den Händen hält. „Diese sind nicht richtig“, stellt er fest und zeigt mit dem Finger auf die Mandel-Stifte. Die gehackten Mandeln liegen zum Glück gleich neben den anderen. „Manchmal suche ich sehr lange“, sagt der 23-Jährige und lacht, während er die Mandeln in den Einkaufswagen legt. 

Mulham Mayoh geht nicht für sich einkaufen. Sondern für ältere Menschen und Risikopatienten, denen das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu hoch ist. Er will helfen, sagt er. „Ich weiß, was es heißt, Hilfe zu brauchen.“ 

Das Handy dient als Einkaufszettel. Mulham Mayoh sucht die Einkäufe von der Liste zusammen.

Mulham Mayoh ist aus Syrien geflohen. Seine Heimatstadt Aleppo verließ er wegen des Krieges bereits vor einigen Jahren. Seine Mutter ist Libanesin, also flüchteten er mit seiner Familie zunächst in den Libanon. Sie blieben, bis es auch dort nicht mehr auszuhalten war. Seine Eltern gingen zurück nach Aleppo und sind noch heute dort. Mulham Mayoh sah keine Zukunft mehr in seiner Heimat und floh. Europa, sagt er, war gar nicht sein Plan. Aber es wurde sein Ziel im Laufe der Zeit. Mit viel Geld, das er sich von seiner Familie geliehen hatte, machte er sich auf den Weg. Zunächst mit dem Flugzeug in die Türkei. Dann aber stieg er in ein überfülltes Boot, das ihn über das ägäische Mittelemeer nach Griechenland brachte. „Es war sehr teuer. Es kostete viel Geld“, sagt er. 

Auf seiner ganzen Reise bis nach Deutschland seien es zwischen 3500 und 4000 Euro gewesen, die er aufbringen musste. Geld, das er heute noch zurückzahlen muss. Als er in Deutschland ankam, bekam er viel Hilfe, sagt er. Vor allem seine Nachbarn waren es, die ihn auffingen. Er lernte Deutsch, machte seinen Führerschein in Halver und sucht jetzt Arbeit. In Aussicht hat er einen Bundesfreiwilligendienst beim Kreis, bei dem er mit behinderten Menschen arbeiten würde. „Ich würde mich sehr freuen“, sagt er. „Ich möchte mit Menschen arbeiten und ihnen helfen.“ Das bereite ihm am meisten Freude. Bis dahin hilft er in der Corona-Krise Halveranern. 

Ein Portemonnaie von jeder Frau

In seinem Einkaufswagen liegen Lebensmittel für Monika Kuhenne. Tomaten, Bio-Dinkel-Nudeln, Faden-Eiernudeln, Brechbohnen, süße Mandeln gehackt, vegane Kochsahne und Küchenpapier stehen auf der Liste, die per E-Mail kam. Lange steht Mulham Mayoh vor den Milchprodukten bis er letztendlich die kleine Packung vegane Kochsahne findet. Auch bei den Brechbohnen hockt er leicht ratlos vor den Einmachgläsern. 

Die Marke, die sich die Halveranerin wünscht, ist nicht mehr vorrätig. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Ich glaube, dann nehme ich lieber keine mit.“ Am Ende entscheidet er sich doch für die günstigen Bohnen bevor „Frau Monika“ gar keine Bohnen hat. Auch beim Küchenpapier muss er Abstriche machen. Von den drei Marken, die Monika Kuhenne gerne hätte, ist keine da. Für die Eiernudeln gibt es noch mehr Hinweise als nur ein Bild. „Auf der Rückseite steht das Wort „Faden“, so die Information. 

Langes Suchen macht ihm nichts aus

In der Hand hat Mulham Mayoh Buchstaben-Nudeln. Aber es macht ihm nichts aus, so lange zu suchen, bis er das Richtige oder zumindest eine gute Alternative gefunden hat. „Mir macht das Spaß“, sagt er. In den Supermärkten findet er sich immer besser zurecht. Er selbst geht sonst in arabische Supermärkte, weil es dort alle Produkte gibt, die er braucht. Mulham hat die Liste abgearbeitet und geht zur Kasse. Zwei Portemonnaies hat er dabei. Auf ihnen klebt ein Zettel mit dem Namen der Frau, für die er einkaufen geht. 

Insgesamt erledigt er die Einkäufe für fünf Frauen. In jedem Portemonnaie ist Geld drin, das immer wieder aufgefüllt wird. Die Rechnungen legt er hinein. „Haben Sie eine Payback-Karte?“, fragt die Kassiererin. „Nein, leider – tut mir leid“, erwidert der 23-Jährige freundlich und weiß nicht, was das für eine Karte ist, auf die er immer angesprochen wird. Mit dem Einkaufswagen geht es zum Auto, das ihm seine Nachbarin leiht, wenn er Einkäufe zu Frauen bringen muss, die weiter weg wohnen. „Das ist sehr nett“, sagt er und freut sich. Einen Führerschein hat er zwar, aber ein eigenes Auto nicht. Im Seitenfach hat er Desinfektionsspray. „Ich hatte Glück“, sagt er und lacht. Für ihn ist das wichtig. 

Zum Einkaufen bekommt er Bargeld.

Denn Monika Kuhenne hat COPD (Chronische obstruktive Lungenerkrankung). Eine Infektion mit Covid-19 könnte für sie lebensbedrohlich werden. Er klingelt bei ihr. „Hallo?“, hallt es durch die Sprechanlage. „Ich bin hier. Mulham.“ - „Ach, Mulham“, sagt die Stimme. „Ich mache auf.“ Am Ende eines Hausflurs wohnt die Halveranerin. Vor ihrer Tür steht ein Korb. „Sie öffnet mir die Tür meistens nicht“, sagt Mulham verständnisvoll. Er räumt dann den Einkauf in ihren Korb um und geht wieder. Aber heute öffnet sie die Tür. „Ich danke dir“, sagt sie. „Ich habe aber nicht alles bekommen, was Sie wollten“, entschuldigt er sich. Dass es am Ende Produkte andere Marken waren, sieht sie nicht eng. „Er macht das toll“, sagt Monika Kuhenne. 

Übergabe an der Tür: Ein Korb steht auf der Fußmatte bereit.

Seit dem 9. März war sie nicht mehr vor der Tür. Das Risiko sei einfach zu groß. „Aber ich muss ja nicht mehr raus. Ich habe ja Mulham“, sagt sie. „Was will ich mehr?“ Mulham nimmt seine leere Einkaufstasche und einen Umschlag mit. Darin ist Geld, sagt er. Für den nächsten Einkauf. Auf einem 50-Euro-Schein klebt ein pinker Klebezettel mit dem Hinweis „Zum Einkaufen“. Auf einem 5-Euro-Schein klebt der Hinweis „Zum Tanken“. „Nein“, sagt er und ärgert sich. „Ich will kein Geld. So was macht mich manchmal wütend.“ Aber wirklich wütend ist er nicht. Er kann es schwer verstehen, aber hat gelernt, dass die Deutschen gerne etwas geben, wenn sie etwas bekommen. „Es fällt ihnen schwer, Hilfe anzunehmen.“ Aber seine nette Art wurde auch schon ausgenutzt, erzählt er. 

Er wurde oft ausgenutzt

Er hat einige Zeit in einem Schnellrestaurant gearbeitet. Nachtschichten waren die Regel, weil sie kein anderer machen wollte. Aber er hat gekündigt. „Die Leute streiten sich für einen Hamburger, der einen Euro kostet“, sagt er und schüttelt den Kopf. Da helfe er lieber Menschen mit echten Problemen. Er selbst ist sehr bescheiden. „Ich hätte gerne eine Katze.“ In Syrien hatte er viele, sagt er. Auch in seiner Heimat ist Corona Thema. „Aber die Medien schreiben nicht darüber.“ Mit seiner Familie redet er aus Angst vor der Regierung nicht über das Virus. „Es geht ihnen gut.“ Kontakt über Video und Telefon ist für ihn nichts Neues, sondern Normalität. Aber er freut sich wieder auf die Zeit, in der er seine Freunde sehen darf, die er hier in Deutschland fand.

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