Hilfe in der Corona-Krise

Hilfe für Familien in der Krise - eine Schulsozialarbeiterin erzählt

+
Elvira Wiegand ist Schulsozialarbeiterin an der Humboldtschule und hilft Familien.

Halver - Elvira Wiegand ist Schulsozialarbeiterin an der Halveraner Humboldtschule. Die faktisch für viele Kinder und Jugendliche schulfreie Zeit bedeutet für sie keine Corona-Ferien.

Was die Schulsozialarbeiterin in diesen Tagen beschäftigt, hat sie im Gespräch mit Redakteur Florian Hesse erzählt. 

In zahlreichen Familien tauchen durch die dauerhafte Nähe Konflikte auf. Wie können Eltern damit umgehen? 

Es ist anzunehmen, dass es für einige Familien gerade sehr schwierig ist. Das Eingesperrtsein, vielleicht noch in beengtem Wohnraum, keine Freunde treffen, sich nicht aus dem Weg gehen zu können – das stellt eine hohe Belastungsprobe dar. Kommen dann noch wirtschaftliche Probleme dazu, kann es zu schwierigen Situationen kommen, in denen Eltern sich vielleicht überlastet und überfordert fühlen. 

Insbesondere alleinerziehende Elternteile, die viele Entscheidungen allein treffen müssen und jeden Konflikt mit den Kindern allein ausfechten und auch aushalten müssen, können hier verständlicherweise an ihre Belastungsgrenze

kommen.

Was sollten Betroffene konkret tun? 

Wenn Eltern gar nicht mehr weiter wissen, rate ich dazu, Hilfe zu holen und auch zuzulassen. Das kann hier bei mir in der Schule sein oder auch bei Beratungsstellen im Umkreis von Halver. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Falls Eltern oder auch Schüler mit mir Kontakt aufnehmen, schauen wir gemeinsam, wo der Schuh drückt, und suchen gemeinsam nach Lösungen. 

Und das bedeutet für den Familienalltag was? 

Es gibt ein paar hilfreiche Tipps, die vielleicht den Alltag entzerren können. Zum Beispiel macht es absolut Sinn, dem Tag Struktur zu geben. Trotz des Feriengefühls einigermaßen früh aufzustehen und Arbeitszeiten zu vereinbaren. Nach der Arbeitszeit kommt dann das Mittagessen, eine Ruhephase und dann eine Spielphase – je nach Alter der Kinder. 

Durch das frühe Aufstehen ist gewährleistet, dass die Kinder am Abend auch müde sind und so die Eltern den Abend noch als Auszeit nutzen können. Außerdem vermeidet man einen völlig veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus, der bei Wiederaufnahme des Schulbesuches zu Schwierigkeiten führen kann. 

Und was gilt für die Eltern? 

Eltern sollten sich auch Auszeiten nehmen, sie können sich abwechseln. Besonders schwierig ist dies natürlich für Alleinerziehende. Kinder können sich altersgemäß durchaus für einen Zeitraum allein beschäftigen. Dies wird umso besser gelingen, wenn die Eltern versuchen, den Tag zu strukturieren und abwechslungsreich zu gestalten. Das muss nichts Besonderes sein. Ein Spiel, gemeinsam kochen, gemeinsam einen Film schauen, draußen spazieren gehen oder Ähnliches. 

Unter Stress wird‘s aber schwierig? 

Falls Eltern merken, dass die Nerven blank liegen und sie am liebsten aus der Haut fahren würden, ist es auf jeden Fall gut, erst einmal die Situation zu verlassen und tief durchzuatmen. Mit etwas Abstand ist es möglich, die Situation etwas entspannter zu betrachten. Kommen solche Situationen öfter vor und haben Eltern das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben, sollten Eltern sich Hilfe holen. Es ist derzeit nur verständlich, dass Eltern an ihre Grenzen kommen.

Die momentane Situation ist für alle nicht einfach. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, Lösungen zu finden und Familien zu entlasten. Eltern sollten jetzt nicht versuchen, perfekt zu sein und die Anforderungen an sich und die Kinder zu hoch schrauben. 

Welche Grundregeln sollten Eltern beachten? 

Grundregeln gibt es nicht wirklich. Jede Familie hat ihre eigene Farbe, eigene Vorlieben, eigene Rituale. Wichtig ist derzeit ein hohes Maß an Rücksichtnahme und Achtsamkeit im Umgang miteinander und das Erkennen eigener Grenzen, um sich gegebenenfalls Hilfe zu holen, bevor die Situation eskaliert. 

Wenn es zum Streit kommt, können sie den von außen schlichten? 

Krisenhafte Situationen telefonisch zu beraten ist sicher nicht meine favorisierte Möglichkeit der Intervention, aber es ist eine. Es ist möglich, telefonisch zu beraten, Bedarfe festzustellen oder als Lotse weiterzuvermitteln. Manchmal reicht vielleicht auch ein Telefonat, um den Druck herauszunehmen, Verständnis zu zeigen, Hilfen anzubieten, Tipps zu geben. Das kann natürlich nur eine vorübergehende Maßnahme sein. Telefonische Beratung ist besser als keine Beratung und Unterstützung. 

Würde mit Öffnung der Schulen auf einen Schlag alles gut? 

Ich denke, es wird der eine oder andere Grenzzaun gerade zu rücken sein. Je nachdem wie strukturiert der Alltag der Kinder und Jugendlichen derzeit ist, wird man sehen, wie problematisch ein Wiedereinstieg in das Schulleben sein wird. Die derzeitige Situation ist sehr ungünstig für Schüler, die ohnehin schon ein Problem mit Schulschwänzen hatten. 

Wenn sich Eltern oder Kinder an sie wenden, ist dann das Kind schon in den Brunnen gefallen? 

Wenn sich Eltern oder Kinder an mich wenden, können sie mit einem vertrauensvollen Gespräch rechnen, in dem wir schauen, was verändert werden kann – ohne Schuldzuweisungen. Wir suchen zusammen nach Lösungen, die zur jeweiligen Familie und deren Lebenssituationen passen. Meine Arbeit unterliegt der Schweigepflicht. 

Gibt es Vorzeichen?

Ein deutliches Alarmsignal ist es sicher, wenn Eltern das Gefühl haben, keine Kraft mehr zu haben und überfordert zu sein, oft „aus der Haut zu fahren“. Das wäre schon eine krisenhafte Situation. Es gibt auch Beratungsgründe, die weitaus weniger dramatisch sind wie Motivation zu den Hausaufgaben und Abendrituale. Gerade Alleinerziehende brauchen manchmal den Austausch oder einfach eine Rückmeldung.

An wen können sich Familien wenden? 

Familien, aber auch Kinder und Jugendliche, können sich direkt an mich oder alle anderen Beratungsstellen wenden. Wenn es zeitlich gerade nicht passt, vereinbaren wir einen Telefontermin.

Beratungsstellen für Familien

  • Elvira Wiegand ist unter folgender Rufnummer zu erreichen: Diensthandy Tel. 01 76/74 19 34 99 oder Tel. 0 23 53/6 11 99 67. Auch über das Sekretariat ist eine Kontaktaufnahme unter Tel. 0 23 53/6 11 99 60. 
  • Eine wichtige Anlaufstelle für alle Kinder und Jugendlichen ist das Krisentelefon des Märkischen Kreises: Tel. 0 23 51/9 66 58 58.

Auch alle anderen Beratungsstellen stehen zur Verfügung: 

  • Awo-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche/Schulpsychologie in Meinerzhagen 
  • Beratungsstelle Familie und Schulpsychologie der Stadt Lüdenscheid, Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr unter Tel. 0 23 51/17 15 82. Neben verabredeten Telefonterminen werden außerdem offene Telefon-sprechstunden angeboten: von Mon- tag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr und Montag bis Donnerstag 14 bis 16 Uhr. 
  • Psychologische Beratungsstelle des Diakonischenischen Werkes in Lüden- scheid: von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr sowie Montags, Mittwoch und Donnerstag von 14.30 bis 16.30 Uhr unter Tel. 0 23 51/39 08 13.

Corona im MK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare