Situation ausländischer Pflegekräfte

Coronavirus in Halver: Diese Pflegekraft aus Polen bleibt trotzdem hier

Antrag bis Widerspruch: Was Sie über Pflegegrade wissen müssen
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Antrag bis Widerspruch: Was Sie über Pflegegrade wissen müssen

Halver /Oberbrügge- Das Coronavirus macht auch vielen ausländischen Pflegekräften Angst. So sehr, dass manche plötzlich abreisen, weil sie denken, sie kommen nicht mehr über die Grenze. Aber wer kümmert sich dann um die Pflegefälle? Eine Betreuerin in Oberbrügge bleibt. Und hat dafür gute Gründe.

Es ist laut im Hintergrund während des Telefonats. „Halina kocht“, sagt Marianne Berghaus. „Gerade mixt sie etwas für unser Mittagessen.“ Halina ist die Pflegekraft der Oberbrüggerin. Den ganzen Tag und die ganze Nacht, eben 24 Stunden, kümmert sich Halina um sie. Darüber ist Marianne Berghaus sehr glücklich, sagt sie. Seit fünf Jahren nimmt sie diesen Dienst, den ihr die Märkische Seniorenhilfe vermittelt hatte, in Anspruch.

Halina Cisek kommt aus Polen. Sie ist eine von mehr als 300 000 Betreuungskräften in deutschen Haushalten, die aus dem Ausland kommen. Menschen wie sie ermöglichen es den meist älteren Menschen, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können. Alle sechs bis acht Wochen wechselt die Betreuungskraft. Für Marianne Berghaus ist diese Art der Betreuung ein Segen. Sie sitzt seit 21 Jahren im Rollstuhl. „Wegen eines Gen-Defekts“, sagt sie. Ihre Großmutter und ihre Mutter hatten dieselbe Krankheit. Heute kann sie nicht mehr alleine istehen und wenn sie auf Toilette muss, braucht sie auch Hilfe.

Halina Cisek und Marianne Berghaus bleiben zu Hause. Aber vor allem bleibt die polnische Pflegekraft so lange es geht in Deutschland. Sie will ihre "Frau Marianne" nicht alleine lassen.

Halina Cisek ist zum ersten Mal in Oberbrügge bei ihrer „Frau Marianne“. Zuvor hatte die 71-Jährige zwei andere Pflegekräfte, die im Wechsel zu ihr kamen. In der aktuellen Corona-Krise machen sich viele Pflegekräfte Sorgen. Auch Halina hat Angst, sagt sie. „Wie jeder, glaube ich.“ Aber sie bleibt hier in Halver; bei Marianne. „Wir verstehen uns so gut“, sagt sie. „Ich möchte bleiben – und helfen.“

Einen Spaziergang machen die beiden aktuell nicht mehr

Oft sitzen sie zusammen im Garten. Mit dem Rollstuhl fahren die beiden nicht mehr spazieren. Auch einkaufen war sonst Halinas Aufgabe. Aber es ist zu gefährlich, sagt sie. Sie kümmert sich um Marianne Berghaus und nimmt so viel Rücksicht wie nur möglich.

Nachbarn gehen für sie einkaufen, Halina kocht

Deshalb geht jetzt auch nicht mehr sie selbst, sondern eine Nachbarin einkaufen. „Ich habe so eine nette Nachbarin“, sagt die 71-Jährige. Sie und Halina schreiben zusammen eine Einkaufsliste – und dann stehen die Einkaufstaschen „einfach vor der Tür“ – „das ist ganz toll.“ Eigentlich wollte Halina Cisek nur vier Wochen in Deutschland bleiben. Doch sie hat ihren Vertrag verlängert bis nach Ostern. Jeder Plan in Deutschland, scheint nur noch bis zum 19. April zu gehen; auch ihrer.

Trotz Coronavirus in Halver: "Ich will bleiben"

In diesen Zeiten möchte die Betreuerin lieber bleiben, als die Rückreise nach Polen anzutreten. In der Heimat würde sie zu allererst zwei Wochen in Quarantäne kommen, sagt Beata Hulist-Gergis. Sie ist Referentin bei Carifair, einem Projekt der Caritas, das ausländische Haushalts- und Betreuungskräfte vermittelt. Die meisten Pflegekräfte bleiben hier, sagt Hulist-Gergis. Auch über Ostern, was viele sehr traurig mache.

Grenzen in Polen dicht - Formulare helfen bei Überschreitung

Sonst gehören Ostern und Weihnachten zu den Zeiträumen, in denen die Betreuerinnen Urlaub machen. Stattdessen sind sie nun auch mit der Krise konfrontiert und bekamen Broschüren in ihrer jeweiligen Sprache von den Vermittlungsagenturen. Polen hat die Grenzen am 15. März geschlossen. Deshalb haben die Pflegekräfte ein Formular des Arbeitgebers bekommen, welches das Überschreiten der Grenze erlaubt. Aber einfach wieder nach Hause? Das wird wohl nicht mehr ohne Weiteres gehen.

Einige Pflegekräfte wollen zurück, aber viele bleiben hier

Bei den bereits betreuten Personen sieht die Referentin kein großes Problem. „Aber Menschen, die aktuell eine Pflegekraft suchen, können wir momentan nicht behilflich sein.“ Einige Betreuerinnen hätten daraufhin aus Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen, ihre Taschen gepackt. Kurz zuvor hätten andere Pflegekräfte in Polen noch einen Bus bekommen, und seien dann an der deutschen Grenze von der Familie abgeholt worden. „Jetzt ist die Lage wieder stabil“, sagt Beata Hulist-Gergis. Sie hofft, dass es erst einmal so bleibt.

Entspannte Lage bei der Märkischen Seniorenhilfe

„Entspannt“ ist die Lage auch bei der Märkischen Seniorenhilfe. Wer will, kann zurück in die Heimat, heißt es von der Leiterin Katrin Malcher. Auch könnten noch neue Betreuerinnen kommen. "Das ist ganz unproblematisch." Die Pflegekräfte bekommen sowohl ein Gesundheits-, als auch ein Arbeitszeugnis. Malcher betont auch, dass sie in Polen "tolle Kooperationspartner" habe, auf die sie sich verlassen kann. Seit zehn Jahren ist sie bereits in dem Bereich tätig. Sie vermittelt von Lüdenscheid aus Pflegekräfte nicht nur nach Halver, wie zu Marianne Berghaus, sondern deutschlandweit. Bis April seien alle Menschen, die Pflege brauchen, betreut, sagt Malcher. Manche würden noch wechseln. Aber auch das sei möglich. Es entstehe keine Pflegelücke.

Bei Marianne Berghaus und Halina Cisek gibt es bald Mittagessen. Wie oft sie noch zusammen am Tisch sitzen, wissen sie heute noch nicht. Aber so lange es geht, bleibt Halina. „Damit Frau Marianne nicht alleine ist.“ Auch wenn sie selbst gerne ihre Familie wiedersehen möchte.

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