Halver/Schalksmühle

Situation in Pflegeheimen: Die Sehnsucht nach Umarmungen

+
Die Covid-19-Patientin des Hauses Waldfrieden ist aufgrund einer Vorerkrankung verstorben.

Halver/Schalksmühle – Seit mehr als sechs Wochen sind die Seniorenheime aufgrund der Corona-Krise und des Betretungsverbots von der Außenwelt abgenabelt. Die Mitarbeiter der Pflegeeinrichtungen haben kreative Ideen, um mit den Bewohnern die schwierige Zeit so positiv wie es nur geht zu überstehen.

Im Seniorenpark Reeswinkel wurde eigens ein Besucherfenster eingerichtet. Zwischen dem Bewohner und seinem Besucher ist eine Folie gespannt, der Mindestabstand wird weiterhin eingehalten. „Wir mussten etwas tun, damit die Bewohner ihre Angehörigen zumindest sehen können“, erklärt Einrichtungsleiter Steffen Mischnick, der die Stimmung unter den Bewohnern weiterhin positiv wahrnimmt. 

Coronavirus im MK: Langfristige Lösung für Pflegeheime vonnöten

„Die Mehrheit kommt gut zurecht. Einige machen sogar Späße über die Abstandsregelung, jeder verarbeitet die Situation anders. Nur vereinzelte Bewohner wollen natürlich langsam wieder frei spazieren gehen oder einkaufen.“ Mischnick hat Verständnis für die derzeitigen Vorgaben an die Pflegeeinrichtungen, erhofft sich aber perspektivisch einen Ausweg. Der Demenzbereich ist derzeit von der Außenwelt abgeschnitten. Lediglich Bewohner, die im Sterben liegen, dürfen von ihren Angehörigen unter strengen Auflagen Besuch empfangen. „Bei allem Verständnis brauchen wir langfristig eine Lösung, da sonst den Bewohnern ohne die Besuche ihrer Angehörigen zu viel fehlt. Aber zurzeit ist die Situation so besser, als vieles vorzeitig zu lockern. Es ist trotzdem schwierig, wir waren immer transparent und unsere Tür war für die Angehörigen stets offen.“ 

Die Sorge vor einer infizierten Person in seiner Einrichtung treibt den Einrichtungsleiter ebenfalls um. Auch deswegen wird den Mitarbeitern vor Augen geführt, auch außerhalb des Seniorenparks den Mundschutz zu tragen. Dies machten die Mitarbeiter bereits vor der Mundschutzpflicht und waren teils verbaler Angriffe ausgesetzt. „Es gab einige dumme Kommentare. Aber ich finde es wichtig und trage sie auch selber.“ Damit die Bewohner dennoch einen möglichst normalen Alltag erleben, wurde bereits im eigenen Hof gegrillt. Eine weitere Idee ist, ein Hofkonzert mit einer Band zu veranstalten. „Zwei Leute der Band wären vor Ort und die anderen Instrumente kommen vom Band. Wir werden das angehen, denn diese Zeit muss trotz Corona für die Bewohner lebenswert bleiben.“ 

Kommunikation mit Angehörigen via Videochat

Auch die Mitarbeiter im Seniorenhaus Muhle versuchen ihr Bestmögliches, damit die Bewohner die schwierige Zeit überstehen. Von der Leitung wurden extra Tablets angeschafft, damit die Senioren via Videochat mit ihren Liebsten kommunizieren können. „Das Angebot wird sehr gut genutzt. Vergangene Woche wurde eine Bewohnerin Uroma und konnte so das kleine Baby begutachten“, freut sich Gesa Busse, die Leiterin des sozialen Dienstes. Bei Sonnenschein stehen viele Angehörige am Gartenzaun der Einrichtung, um zumindest visuellen Kontakt zu halten. Auch für den Gottesdienst, der zumeist rege besucht wird, wurde passender Ersatz gefunden. „Wir halten jetzt eine Andacht. Wir versuchen, so gut es geht einen normalen Alltag herzustellen. Aber natürlich ist es anders als sonst“, so Busse.  

Die Sehnsucht nach den Angehörigen ist auch im Seniorenzentrum Bethanien groß. „Gerade Ostern war eine wirklich schwierige Zeit“, weiß die kommissarische Einrichtungsleiterin Stefanie Thiemann. Das Modell der Videochats und Besuche am Zaun habe auch im Bethanien Einzug erhalten, ein Ersatz für Umarmungen oder Berührungen ist dies auf Dauer jedoch nicht. Thiemann hofft darauf, dass zum 3. Mai eine Lockerung erfolgt. „Es war bereits im Gespräch, dass vereinzelte Besucher über Schleusen und mit einem Mundschutz die Einrichtung betreten dürfen. Aber das ist vorerst nur eine Vermutung.“ Für die Bewohner, die nach einem Krankenhausaufenthalt wieder in die Einrichtung zurückkehren, wurde wie vorgegeben ein separater Quarantänebereich geschaffen. Dies gilt auch für Neuaufnahmen. „Bisher ist alles gut gelaufen. Wir haben keine infizierte Person.“

Covid-19-Patientin stirbt an Vorerkrankung

Bereits vor vier Wochen ist im Haus Waldfrieden eine Bewohnerin an Covid-19 erkrankt. Die Seniorin ist mittlerweile verstorben, allerdings nicht wegen Covid-19, sondern aufgrund einer Vorerkrankung, erklärt Bernd Lauermann, Geschäftsführer der ambulanten Wohngemeinschaft. Der Krankheitsfall war für Lauermann Anlass genug, um vermehrt Temperaturkontrollen durchzuführen und auch die Personen testen zu lassen, die mit der Bewohnerin im engeren Kontakt standen. 

Das Coronavirus wurde bei zwei Pflegekräften festgestellt, eine davon sei mittlerweile wieder im Dienst, der anderen Pflegekraft gehe es ebenfalls gut, wurde allerdings wiederholt positiv getestet und sei deswegen weiterhin in häuslicher Quarantäne. „Wir versuchen, den Alltag durch eine hohe Betreuungsdichte so gut es geht zu meistern. Vom Förderkreis für Seniorenheime haben wir eine Anfrage erhalten. Sie werden uns mit Büchern, Magazinen und Gesellschaftsspielen versorgen. Das ist eine tolle Hilfe“, freut sich Lauermann über die Unterstützung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare