Lost Place (Teil 7 unserer Serie)

Corona-Runde: Ehemaliges Munitionsdepot in Schwenke

Munitionsdepot Schwenke, Halver, Corona-Runde
+
Massive Bunkertüren aus Stahl, dicke Betonwände: Obwohl in großen Teilen schon zurückgebaut, erinnert am ehemaligen Munitionsdepot der Bundeswehr in der Halverschen Mark noch vieles an den Kalten Krieg.

Kontaktbeschränkungen, Verbot von Sport im Verein oder im Fitnessstudio – die Corona-Krise trifft uns alle. Aber: Keine Bewegung ist auch keine Lösung. Schon eine halbe Stunde Spazieren gehen oder Joggen an der frischen Luft tun gut. Hier finden Sie kleine, gut erreichbare Rundwege in und um Halver, die wir unter die Füße genommen haben. Heute geht‘s zum ehemaligen Munitionsdepot in Schwenke.

Halver – Es ist eine Corona-Runde der Gegensätze. Strahlender Sonnenschein, das Thermometer zeigt Temperaturen über Null, das unbehaarte Haupt bleibt mützenlos an diesem Vormittag. Und dennoch weht ein kalter Hauch von Beklemmung durch die Wälder rund um den Halveraner Ortsteil Schwenke.

Corona-Runde „Rund um das alte Munitionsdepot“ Start/Ziel: Sportplatz Friedrichshöhe (roter Punkt) Länge: 7,8 Kilometer Höhenmeter: 155 Meter Wege: überwiegend sehr gut ausgebaute Waldwege, zu Beginn und am Ende asphaltierte Straße

Mein Lauf führt im weitesten Sinne rund um das ehemalige Munitionsdepot in der Halverschen Mark – eine Hinterlassenschaft aus den Zeiten des Kalten Krieges und ein vergessener Ort (Lost Place).

Die Anfahrt

Nichts einfacher als das. Der Sportplatz an der Friedrichshöhe ist der ideale Ausgangspunkt für die Runde – wenn dort nicht gerade gekickt wird. Dann sind Parkplätze Mangelware. Heute nicht. Ich bin alleine. Jenen Teil der geschätzten Leserschaft, der jetzt auf die nächste nette Begebenheit mit den beiden Broholmer-Hündinnen des Hauses Meyrich, Themis und Gaia von der Baldenau, wartet, muss ich enttäuschen. Da kann noch so viel gewedelt werden, Herrchen verlässt in Joggingmontur alleine das Haus. Die junge Themis nimmt das dermaßen mit, dass sie anschließend das Futter verweigert. Ich werde mir etwas einfallen lassen für sie. Wie auch für Tobi Misterek.

Der Sportliche Leiter des TuS Ennepe, ein Ur-Schwenker, hat mir die heutige Runde empfohlen und skizziert. Vorab: Ein sehr kluger Ratschlag, der meinerseits in Bier aufgewogen wird, sobald in NRW im Allgemeinen und in der FK-Söhnchen-Arena im Besonderen Corona Aus- und der Fußball wieder Einzug gehalten hat.

Die Streckenführung

Jetzt aber los. Von der Friedrichshöhe geht es ein Stück weit bergab in Richtung Bärendahl. Vor der Hofschaft halte ich mich links, an der nächsten Gabelung wiederum links. Der Blick schweift in die Weite. Zunächst zum Hakenberg.

Blick auf die Hofschaft Hakenberg.

Aus der Ferne sind Statuen des Designers Uwe Pfannschmidt zu sehen, Ehemann meiner langjährigen Kollegin Yvonne Pfannschmidt, die mir Ende der 1980er-Jahre die Grundlagen des Lokaljournalismus und der Fotografie beibrachte. Ich winke aus der Ferne und verschwinde im Wald.

Die ehemalige Zeche Anna-Ida Glück

Wenige Meter später Halt am ersten Lost Place der Runde. Ein Stollen der ehemaligen Zeche Anna-Ida Glück zeugt vom Erzbergbau rund um Halver, der mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Die Felder Anna Glück und Ida Glück werden am 26. März 1902 an Prof. Dr. Winterfeld verliehen – so berichtet es Oliver Glasmacher auf seiner spannenden Internetseite www.alterbergbau.de. 1904 wird der Betrieb durch den Hörder Hütten- und Bergwerksverein aufgenommen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte kommt es immer wieder zu Konflikten, weil der ortsansässige Bauer Pulvermacher die Arbeiten wohl erfolgreich behindert. Mit dem Tod des Professors im Jahr 1937 enden die Arbeiten.

Und heute? – Bis vor wenigen Jahren war der Stollen nur durch ein Gitter gesichert, ist inzwischen aber zubetoniert. Oberirdische Relikte aus der Bergbauzeit sind für den Laien kaum noch zu erkennen. Dennoch: reizvoll, diese Ausflüge in die Vergangenheit.

Beton statt Gitter: Der Eingang zum Stollen Ida Glück ist inzwischen komplett dicht.

Ein kurzes Stück begleitet nun der Hartmeckebach meinen Weg. Ich mag diese kleinen Gewässer, die gemütlich vor sich hingurgeln. Ohnehin ist es unglaublich friedlich hier unten. Kein Mensch unterwegs, die nächste Straße und Autolärm weit weg. Nach wenigen 100 Metern geht es links ab über den Bachlauf, der wenig später in die Ennepe mündet. Ich laufe weiter, bergauf inzwischen wieder, bis mein vergleichsweise schmaler Pfad auf einen bestens ausgebauten Waldweg trifft. Hier halte ich mich scharf links – und das Vorgeplänkel der Runde hat wenig später ein Ende.

Das ehemalige Munitionsdepot

Es fühlt sich an wie auf einer Waldweg-Autobahn. Besser ausgebaut war noch keine Wegstrecke der bisherigen sechs Corona-Runden. Von jetzt auf gleich steht er da rechterhand. Mitten im Wald. Ein grüner Maschendrahtzaun, oben zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Da ist es also, das ehemalige Munitionsdepot der Bundeswehr. Eine Zeit lang führt der Weg parallel zum Zaun. Die alles beherrschende Frage lautet: Warum? – Wer kommt auf die Idee, mitten im Sauerländer Nirgendwo, fernab jeder Kaserne ein Munitionsdepot anzulegen?

Stolze 22 Hektar ist das Gelände groß, das im Sommer 1985 von der Bundeswehr in Betrieb genommen wurde. Scharf bewacht von Objektschützern und unbeliebt in der Bevölkerung der umliegenden Dorfschaften, die mitten im Kalten Krieg so überhaupt keine Lust verspüren, nahe einer durchaus sensiblen militärischen Einrichtung zu leben. Doch manchmal legt die Geschichte den Turbo ein. Annäherung zwischen Ost und West, die Wende im Jahr 1990. Die Bundeswehr strukturiert sich um, und nur zehn Jahre später wird das Munitionsdepot nicht mehr benötigt. Indes: Ein Gelände mit derartiger Infrastruktur lässt sich nicht einfach einebnen. Zwar werden die Zufahrtsstraßen zurückgebaut, der Asphalt wiederverwendet, doch das Gros der Anlage steht noch.

Zeitzeugen berichten über Auflösung des Depots

Wie das große Haupttor, das wenig später in den Blick kommt. Massiv. Ebenfalls schwer gesichert. Zeitzeugen berichten, dass kurz vor der Schließung endlose Lkw-Kolonnen aus dem Depot gerollt sind. Auf der Ladefläche – nicht schwer zu erraten – Munition jeder Art. Auskünfte dazu gibt es von offizieller Seite nicht. Das Depot taucht in Landkarten nicht auf, obwohl sich Bunkereingang an Bunkereingang reiht auf dem Gelände. Erst Gebäudereste, die vermutlich technisches Gerät wie Stromgeneratoren beherbergten. Zwinger für die Hunde des Wachpersonals standen hier früher. Und dann die (fest verschlossenen) Bunkertüren. Stahl in Dimensionen, die beklemmend sind. Die Eingänge wurden ins erhöhte Gelände hineingebaut, sodass die Vermutung naheliegt, dass ein großer Teil des Areals unterbunkert ist.

Massive Bunkertüren aus Stahl, dicke Betonwände: Obwohl in großen Teilen schon zurückgebaut, erinnert am ehemaligen Munitionsdepot der Bundeswehr in der Halverschen Mark noch vieles an den Kalten Krieg.

Das erinnert mich an meine Bundeswehrzeit im Jahr 1989. Ja, liebe Kinder und Jugendliche, es gab mal so etwas wie Wehrpflicht in diesem Land. 15 Monate diente der Obergefreite Meyrich damals beim Wachbataillon des Bundesverteidigungsministeriums (BMV). Wenn nicht gerade im protokollarischen Ehrendienst bei Staatsempfängen stramm gestanden wurde – oft stundenlang bis zur Ohnmacht oder zum Brechreiz –, bewachte meine Einheit das Ministerium an der Bonner Hardthöhe. Warum dieser Gedankensprung? – In den Kellerräumen des BMVg gibt es eine Bunkeranlage, die tatsächlich bis in die Eifel führt. Ja, Eifel. Das sind von Bonn aus schon noch ein paar atomschlagsichere Meter. Gespenstisch war das schon damals zu sehen. Einen Hauch von Beklemmung lösen Bunkeranlagen bei mir deshalb heute noch aus. Auch hier in Halver. Auch bei herrlichstem Sonnenschein zu einer politisch gänzlich anderen Zeit als damals.

Zurück zum Ziel

Ich gebe es gerne zu: Dieser Ausflug in die Vergangenheit hallt ein wenig nach auf dem Weg zurück nach Schwenke. Vom zweiten Tor des Munitionsdepots – die sogenannte Notzufahrt entstand erst Anfang der 1990er-Jahre – zweigt bald ein Waldweg scharf rechts ab. In einem großen Bogen geht es nun zurück in Richtung Auto. Das Depot liegt immer noch rechterhand, aber zunächst nicht mehr in Sichtweite. Die Wegqualität ist weiter überragend, ein Stück führt die Strecke jetzt über den sogenannten Talsperrenweg des Sauerländischen Gebirgsvereins. Der mit X3 gekennzeichnete Hauptwanderweg des SGV ist 149 Kilometer lang, führt von Bad Laasphe nach Hagen und berührt auf seinem Weg – nomen est omen – insgesamt neun Talsperren.

Axel Meyrich.

Kurz geht es parallel zum Depotzaun noch einmal über inzwischen bekanntes Terrain, am Haupttor biege ich diesmal allerdings scharf links ab. In kurzer Folge kommen nun mehrere Gabelungen bzw. Kreuzungen. Ich halte mich tendenziell meist rechts, was aber keine große Rolle spielt. Alle Wege führen nach Rom und in diesem Wald zumindest derer viele nach Schwenke. Ein letzter Anstieg, der Höhenweg liegt in Sichtweite. Mein Schlussspurt ist nur ein lockerer Trab, wenige Meter noch und da ist sie wieder, die FK-Söhnchen-Arena.

Das Fazit

Die Flasche Wasser aus dem Auto nehme ich fürs Stretching mit zum Schwenker Dorfplatz, gelegen gleich hinter dem Fußballfeld. Herrliche Fernsicht. Ruhe. Ein schönes Umfeld. Zeit zum Nachdenken. Acht Kilometer liegen hinter mir. Eine Klasse- Runde, die ein Stück weit auch ein Ausflug in die Vergangenheit war und diesmal nur einen Schluss zulässt: Früher war nicht alles besser. Ganz bestimmt nicht.

Corona-Runden in Halver und Umgebung - unsere Serie:

Der Läufer- und Wandertreff an der Büchermühle ist ein charmanter Alleskönner. (Teil 1)
Die Flugplatz-Route befindet sich am Rande der „Wilden Ennepe“. (Teil 2)
Der Trimm-Dich-Pfad an der Herpine lädt zu Fitnessübungen ein. (Teil3)
Die Leyer-Sonnenschein-Runde sorgt für Nostalgie. (Teil 4)
Die verkürzte Oberbrügger Crosslauf-Strecke. (Teil 5)
Von Rotthausen bis zur Glör. (Teil 6)
Das ehemalige Munitionsdepot in Schwenke. (Teil 7)
Der Volmeschatz-Weg rund um den Bollberg. (Teil 8)
Kleine, aber feine Tour an der Heesfelder Mühle. (Teil 9)
Weitere Teile folgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare