Höhen und Tiefen in 2020

Pflegedienste werden vergessen - ein Blick aufs Corona-Jahr

Pflegedienst Corona Halver Pflege
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Pflegedienste haben es in der Corona-Krise nicht leicht. Sie fühlen sich vergessen.

Ambulante Dienste werden immer vergessen.“ Das sagt Melanie Hedtfeld, Geschäftsführerin des Pflegedienstes „In guten Händen“. Sie blickt auf ein Jahr zurück, das von Höhen und Tiefen geprägt war.

Halver – Gegen Ende des Jahres 2020 gab es noch einmal einen Tiefpunkt, der Melanie Hedtfeld aus Halver wütend macht. Eine ältere Frau wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Ihr Pflegedienst kündigte ihr die Hilfe daraufhin umgehend. Bei Melanie Hedtfeld rief die Tochter der Frau an in der Hoffnung, dass Hedtfelds Pflegedienst noch Kapazitäten frei hat, ihre Mutter aufzunehmen. Sie hatte Glück.

Hinzu kommt derzeit und in den vergangenen Monaten, dass vermehrt Patienten frühzeitig aus dem Krankenhaus entlassen werden, um dann zu Hause weiter von einem Pflegedienst behandelt zu werden. Die Krankenhäuser müssen ihre Betten freihalten. Verständlich auf der einen Seite. Auf der anderen Seite kann aber nicht alles ein Pflegedienst leisten, auch wenn grundsätzlich gilt „ambulant vor stationär“.

Als zu Beginn des Jahres 2020 für Pflegekräfte geklatscht wurde, waren im Prinzip auch die ambulanten Pflegekräfte gemeint. Angesprochen gefühlt, sagt Melanie Hedtfeld, haben sie sich allerdings eher weniger. „Immerhin gab es im Altenpflegebereich die Corona-Prämien.“ Weil es für Vollzeitkräfte 1500 Euro gab, für Teilzeitkräfte jedoch weniger, hat Melanie Hedtfeld den Bonus für Teilzeitkräfte aufgestockt.

Vielleicht sind wir nicht sichtbar genug.

Melanie Hedtfeld, Geschäftsführerin von „In guten Händen“

Woran liegt es, dass die Pflegedienste vergessen werden? „Vielleicht sind wir nicht sichtbar genug“, sagt die Geschäftsführerin. Dabei ermöglichen es Pflegedienste, dass Menschen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben, schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden können und nicht so schnell ins Pflegeheim ziehen müssen, sagt Hedtfeld. „Ich würde mir wünschen, dass dieser Wert, den viele betroffene Menschen zu schätzen wissen, auch oben bei der Politik ankommt.“

Keine konkreten Anweisungen

Viele Monate gab es keine konkreten Handlungsanweisungen für Pflegedienste – nur für Pflegeheime und Krankenhäuser. Dabei stehen die ambulanten Pflegedienste genau dazwischen. Sie behandeln fast ausschließlich Risikopatienten.

Masken und Handschuhe waren bereits kurz nach Weihnachten vergangenes Jahr schwer zu kriegen. Bei 100 Kunden, die der Pflegedienst „In guten Händen“ in unterschiedlichen Abständen von mehrmals täglich bis wöchentlich besucht, war das eine Herausforderung.

Anrufe nach Neuaufnahmen wie bei der älteren Frau gab es Anfang des Jahres wenige. Manche Kunden ließen keine Mitarbeiterin mehr rein, neue Anfragen kamen kaum. „Die Kunden hatten Angst“, sagt Melanie Hedtfeld. Das hat sich wieder stabilisiert. Aber die Lage hat sich gedreht – immer öfter sagen Pflegedienste ihren Kunden ab, weil die Mitarbeiter Angst haben, sich zu infizieren. Bei „In guten Händen“ kam das nicht vor. Und es gab einige Kunden, die positiv auf Covid-19 waren. Was jedoch eintrat, war, dass Mitarbeiter wegen ihrer Kinder in Quarantäne mussten. Alle Mitarbeiter haben Kinder – die Mehrheit derer geht noch in den Kindergarten oder zur Schule. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der Pflegedienst mit personellen Engpässen umgehen musste. „Für den Fall größeren Personalausfalls aufgrund positiver Tests haben wir einen Pandemieplan.“

Kind-Quarantäne erschwert das Arbeiten

Grundsätzlich versucht das Team immer, Leistungen zu erbringen, auch wenn Mitarbeiter krank oder in Quarantäne sind. „Allerdings war das bei drei Mitarbeitern in Kind-Quarantäne nicht mehr möglich“, sagt Hedtfeld. „Hier entscheiden wir nach Dringlichkeit.“ Kunden hatten dafür bisher Verständnis. Schriftlich hat Hedtfeld sie auf die Schwierigkeiten hingewiesen und im Vorfeld für Verspätungen oder Ausfälle um Verständnis gebeten.

Seit dem 16. Dezember 2020 gilt die neue Corona-Schutzverordnung in NRW. Die Mitarbeiter des Pflegedienstes müssen demnach an jedem dritten Tag auf das Coronavirus getestet werden. Ein Testkonzept musste Melanie Hedtfeld selbst erstellen. Tests lagen aber nicht vor. „Mit dem zusätzlichen Aufwand kommen wir an unsere zeitlichen Kapazitätsgrenzen – das ist fast nicht umzusetzen.“

Enorm hoher Verwaltungsaufwand

Dazu kommt ein enorm hoher Verwaltungsaufwand. Weil die Mitarbeiter ohnehin mit einer persönlichen Schutzausrüstung und FFP2-Masken arbeiten, war der Plan, einmal wöchentlich zu testen und zusätzlich symptom- und anlassbezogen. Täglich gibt es bei den Mitarbeitern und Kunden ein Symptommonitoring mit Temperaturmessung. „Das alles ist sicherlich sinnvoll, wird aber leider nicht vergütet.“ Jetzt will man beim Pflegedienst zweimal wöchentlich testen. Anders bekomme es das Team von „In guten Händen“ personell einfach nicht hin, sagt Melanie Hedtfeld. Ob das so abgesegnet wird, ist noch nicht abschließend geklärt.

Durch den Mehraufwand, der durch Corona entstand, hat der Pflegedienst versucht, Personal einzustellen. „Es war auffällig, dass es nur wenig Bewerbungen gab.“ Insgesamt sieben neue Teammitglieder hat die Geschäftsführerin trotzdem einstellen können. „Der Pflegeberuf ist durch das Jahr sicher nicht attraktiver geworden“, vermutet Hedtfeld. Dass Mitarbeiterinnen teilweise in Quarantäne waren, aber trotzdem arbeiten mussten, fand Hedtfeld schlimm und findet, dass das nicht der richtige Umgang mit Pflegekräften ist.

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