Pizza bis zur Haustür

Corona in Halver: Ein Abend mit dem Lieferdienst des City-Ofens

City-Ofen Halver Lieferdienst Corona
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Erhan Singil (3.v.l.) und sein Team vom City-Ofen: Lebensgefährtin Anja Blümer, Tochter Aylin Blümer, Nico Bänsch und Fahrer Jeremy Lange (von links).

Die Corona-Pandemie hat auch Halvers Gastronomie hart getroffen. Restaurants sind geschlossen, dürfen allenfalls noch Lieferdienst oder Abholung anbieten. Auf diese Nische hat sich seit Langem der City-Ofen von Erhan Singil konzentriert.

Halver Einst im Herzen der Stadt gegenüber des Alten Marktes mit einem klassischen Imbissbetrieb ansässig, wird seit dem Jahr 2004 von der Neuen Mühle 3 aus das gesamte Stadtgebiet inklusive der Außenbezirke beliefert. Wir haben das Team des City-Ofens einen Abend lang begleitet.

17 Uhr, Frühlingswetter, die Arbeit in der Redaktion ist getan. Zeit für ein Feierabend-Bier auf der Terrasse? – Nein. Stattdessen geht die kurze Fahrt über den Bächterhof und die Mühlenstraße zur Neuen Mühle. Dort hat Erhan Singil (Markenzeichen: Pepita-Hut wie einst Eishockey-Bundestrainer Xaver Unsinn) seine geschäftliche und inzwischen auch private Heimat gefunden. Der bekannte Halveraner Gastronom, der im „Infinity“ in Oberbrügge einst Nachtschwärmer mit Pizza versorgte, später dann im Gebäude der heutigen Gaststätte „Zur Neustadt“ einen Imbiss betrieb, bis die Wohnungsgesellschaft Halver-Schalksmühle eine Konzeptänderung für ihre Immobilie wollte und den Vertrag kündigte, hat hier seinen Lieferdienst etabliert.

Nur wenn wir gut vorbereitet sind, können die Bestellungen zügig abgearbeitet werden.

Erhan Singil, Inhaber des City-Ofens

Die Tür zum Küchenraum steht offen. Ein Schild weist Abholer auf das Abstandsgebot hin. Corona-Regeln allerorten. Offiziell öffnet der City-Ofen um 17.30 Uhr. Der Chef und sein Team sind aber schon da. Die dreistündige Mittagsschicht (10.30 bis 13.30 Uhr) ist beendet, doch bevor das Telefon zu klingeln beginnt, müssen Vorbereitungen getroffen werden. „Das ist extrem wichtig“, sagt Erhan Singil. „Nur wenn wir gut vorbereitet sind, können die Bestellungen zügig abgearbeitet werden.“

Das Gebäude, in dem der City-Ofen ansässig ist, hat eine wechselvolle Geschichte. Die Bäckereien Vehlewald und Braun waren einst hier ansässig, noch früher hat Günter Hardenbicker in einem anderen Gebäudeteil geschlachtet. Das ist lange her.

Seit 2004 ist Erhan Singil hier ansässig. Als Schritt ins Ungewisse beschreibt der heute 51-Jährige den Umzug des City-Ofens aus der Stadtmitte in den Außenbezirk. „Viele Leute haben mich damals gefragt: Was willst du denn dort am Arsch der Welt?“, schaut Singil zurück. „Es war eine schwere Zeit. Die WHS wollte ein neues Konzept in der Neustadt fahren. Wir mussten raus. Unsere Kinder waren klein, da ist es schwierig, wenn du nicht weißt, wie du deine Familie ernähren sollst.“

Ein bisschen Show muss sein: Erhan Singil hat bei seiner Pizzaioli-Ausbildung in Italien auch die Akrobatik mit dem Teig gelernt.

Singil und seine langjährige Lebensgefährtin Anja Blümer (50), beide übrigens seit rund 30 Jahren Vegetarier, ändern mit dem Umzug das Geschäftsmodell. Ein reiner Lieferdienst mit Abholmöglichkeit tritt an die Stelle der mächtigen Imbisskarte. Pizza, Pasta, Salat. Konzentration auf das Wesentliche. Pasta gibt es inzwischen nicht mehr. „Was wir machen, wollen wir gut machen“, begründet Singil den Schritt.

Pizza ist sein Ding

Pizza aber ist sein Ding. In Italien hat sich Singil, selbst gebürtiger Türke, aber seit seinem zweiten Lebensjahr in Halver zu Hause, zum „Pizzaioli“ ausbilden lassen. Ein Fachmann fürs Pizzabacken. Das Lager an der Neuen Mühle ist voll mit Mehl der Sorte „Tipo 00“. Das italienische Spezialmehl eignet sich aufgrund seines Klebereiweißwertes besonders für Pizzateig. „Der Teig ist das A und O“, sagt Singil. Geduld bei der Herstellung sei wichtig. Die Jahreszeit. Die Temperatur. Die Teigmasse lagert in einem großen Kunststoffeimer, portionierte Rohlinge auf einem Blech. 280 Gramm Teig gibt es für die große Pizza. Die Spezialität des Hauses, die auch von der Kirmes bekannten Pizzableche, bekommen entsprechend mehr.

Spezialität des Hauses: Nach Wunsch des Kunden individuell belegte Pizza-Bleche.

Es ist 17.20 Uhr. Das Telefon klingelt. Erste Bestellung des Abends, obwohl offiziell noch gar nicht geöffnet ist. „Das passt schon“, sagt Erhan Singil. Und los geht’s. Zügig, aber dennoch akribisch wird die Pizza belegt. Ein Salat dazu. Fertig. Fahrer Jeremy Lange verpackt die Lieferung in eine Isolierbox und düst los.

Parallel dazu werden die Vorbestellungen bearbeitet. „Die sind uns natürlich am liebsten“, sagt Singil, „das kann man planen.“ Aylin Blümer kümmert sich um ein großes, vorbestelltes Blech. Fast alles, was die Küche hergibt, landet auf dem Teig. Das sieht richtig gut aus. Die 19-jährige Tochter des Hauses hat im vergangenen Jahr am AFG ihr Abitur abgelegt und hilft ihren Eltern, bis klar ist, in welche Richtung es beruflich gehen soll.

Das Mittagsgeschäft ist schwächer geworden. 

Erhan Singil

Erhan Singil ist – nicht nur an diesem Tag – so etwas wie der Supervisor des fünfköpfigen Teams, zu dem neben Anja und Aylin Blümer noch Nico Bänsch (32) und Jeremy Lange (22) gehören. Küche bzw. Backstube sind straff durchorganisiert. Jedes Teammitglied hat seinen Posten, kann aber problemlos überall aushelfen. „Ich mache am liebsten den Ofen“, schmunzelt Erhan Singil. Knappe 370 Grad zeigt das Profi-Gerät jetzt an. „Im Sommer ist das hier eine Sauna“, sagt Anja Blümer. Wenn viel zu tun ist – meist an Sonntagen – wird die Temperatur auf 400 Grad erhöht.

Vier bis sechs Minuten Backzeit

Vier bis sechs Minuten Backzeit benötigt eine Pizza, wobei der Bräunungsgrad des Bodens penibel kontrolliert wird. Die Stromkosten, das liegt nahe, sind ein großer Kostenfaktor des Betriebes. Ofen, Kühlschränke, Hochleistungsspülmaschine – rund 40.000 Kilowattstunden gehen im Jahr durch. Das ist mehr als zehnmal so viel wie in einem Einfamilienhaus benötigt wird.

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete, wenn es hektisch wird: Nico Bänsch bei der Produktion. Der 32-Jährige kümmert sich um Pizza und Salate.

Kosten, die wieder reingeholt werden müssen. Doch wie kommt der City-Ofen durch die Corona-Krise? – Erhan Singil erzählt, während er Pizzabrötchen aus dem Ofen holt. „Das Mittagsgeschäft ist schwächer geworden. Wir merken, dass in vielen Firmen Kurzarbeit gefahren wird oder die Mitarbeiter im Homeoffice sind.“ Der Abend gleicht das aber in etwa aus, auch wenn Großbestellungen aufgrund der Kontaktbeschränkungen abgenommen haben. Ein ganz harter Schlag ins Kontor ist die Absage der Kirmes. „Das sind zwar arbeitstechnisch gesehen vier harte Tage. Aber wir können durch die Kirmes ein Polster für schwierige Zeiten bilden.“ Im vergangenen Jahr fiel die Großveranstaltung aus, für diesen Sommer steht sie auf der Kippe.

Die ersten Abholungen stehen an

Inzwischen stehen die ersten Abholungen an. Erhan Singils Team nennt versetzte Zeiten, damit sich möglichst wenige Kunden begegnen. Die kleine Dejla kommt mit ihrer Mutter. Beide sind Stammkunden, wohnen in der Nähe. Für die kurze Wartezeit gibt es ein warmes Pizzabrötchen für die Vierjährige. Dann ist die kleine Pizza Margherita fertig. Drei Euro. Ein freundliches „Auf Wiedersehen“ und weiter geht’s.

Es ist ein durchschnittlicher Abend. Bestellungen trudeln ein, aber es wird nicht chaotisch. Das war vor etlichen Jahren einmal anders. Stromausfall in der kompletten Mühlenstraße. Nichts ging im City-Ofen. Kein Ofen. Kein Telefon. Und ausgerechnet an diesem Tag stand ein Partyservice für eine große Geburtstagsfeier auf dem Bestellzettel. „Super ärgerlich. Aber wir konnten nichts dafür“, blicken Erhan Singil und Anja Blümer auf das vielleicht größte Malheur der Unternehmensgeschichte zurück. Doch das sind absolute Ausnahmen. In der Regel greift ein Rädchen ins andere und zeigen die Kunden Verständnis, wenn es in der „Rushhour“ einmal etwas länger dauert.

Jeremy Lange bereitet die Boxen für die Lieferung vor.

Jeremy Lange kann das bestätigen. Der 22-Jährige aus Anschlag bringt seit knapp einem Jahr Pizza und Salate direkt an die Haustür der Kunden. „Eigentlich sind fast alle freundlich“, sagt Lange, „nur ganz selten regt sich jemand auf, falls etwas fehlt oder es etwas gedauert hat. Die meisten haben aber Verständnis.“ Zumal im Normalfall alles glatt läuft. Auch an diesem Abend. Es geht zur Südstraße. „Der Name des Kunden sagt mir was“, braucht Jeremy Lange kein Navigationsgerät. Mühlenstraße, Bächterhof, Frankfurter Straße, Südstraße. Parkplatz direkt vor dem Haus.

Trinkgeld für den Pizza-Kurier

Zwei Minuten später ist Jeremy Lange wieder da. 2,50 Euro Trinkgeld gab’s. „Ich freue mich über jeden Euro“, sagt der Pizza-Kurier. „Das meiste waren bisher sieben oder acht Euro.“ Im weiteren Verlauf des Abends fährt Lange noch siebenmal raus. Mehrere größere Bestellungen sind dabei. „Ich bin zufrieden“, sagt Erhan Singil über den Abend, der um kurz vor 21 Uhr auf die Zielgerade einbiegt. Einen Salat „City Ofen“ für den journalistischen Begleiter des Abends muss Nico Bänsch noch zubereiten. Ohne Thunfisch. Ohne Schinken. Ohne Zwiebeln. Nerven sie eigentlich, diese Kunden, die zig Änderungswünsche haben? – „Nein“, sagt Erhan Singil, „warum sollte das nerven? Das, was wir machen, machen wir doch gerne.“

Und dann ist Feierabend im City-Ofen. Saubermachen. Aufräumen. Blick zurück auf einen Tag, der unterm Strich kein schlechter war. Nur eine allerletzte Frage ist jetzt noch offen. Warum der Hut, ohne den man Erhan Singil in Halver eigentlich gar nicht mehr kennt? – Der Gastronom muss schmunzeln. „Das ist entstanden, als wir damals im Freibad Herpine den Kiosk betrieben haben. Der Schwimmmeister dort heißt ja Rainer Hutt. Irgendwann habe ich mir deshalb aus Spaß einen Hut aufgesetzt. Dabei ist es dann geblieben.“ Kurzer ungläubiger Blick. Nicht wirklich, Erhan? „Doch.“ In Ordnung. Aber dann bleibt als Schlagzeile dieser Reportage eigentlich nur irgendetwas mit „Pizza-Hut(t)“.

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