Ein Jahr Coronavirus in Halver

Corona: Erste Infizierte aus MK-Kommune spricht über Erkrankung

Olga Werthmann ist die erste Halveranerin, die nachweislich mit dem Coronavirus infiziert war.
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Olga Werthmann ist die erste Halveranerin, die nachweislich mit dem Coronavirus infiziert war.

„Erster Corona-Fall in Halver“ - hinter dieser Meldung vom 22. März 2020 steckt die Halveranerin Olga Werthmann. Sie hat mit uns über ihre Erkrankung gesprochen.

Es ist die Zeit, als Schnupfen und Husten auf den ersten Blick noch recht harmlos sind. Als Menschen noch keinen Abstand halten. Von Corona hört man erst aus China, dann aus Bayern. Plötzlich ist das Virus auch im Märkischen Kreis angekommen. Die ersten Apotheken in Halver haben keine Masken mehr, die Straßen werden leerer, Abstände größer. Am 22. März dann die Nachricht: Erster Corona-Fall in Halver.

Ein Jahr ist es nun her. Hinter der Nachricht des ersten Corona-Falls verbirgt sich Olga Werthmann. Die 39-Jährige war die erste Halveranerin, die nachweislich mit dem Coronavirus infiziert war. Die erste von mittlerweile knapp 600 Personen.

Geschmack- und Geruchssinn weg

Es begann recht harmlos, erzählt Olga Werthmann: An einem Dienstag fühlt sie sich schlapp und müde und legt sich hin. Abends wird sie mit Kopf- und Gliederschmerzen wach. Mittwochs meldet sie sich auf der Arbeit krank. Eine Erkältung, vermutet die 39-Jährige. Corona? Daran denkt sie damals nicht sofort – anders als heute, wo Corona der erste Gedanke ist. Donnerstag erhält sie den Anruf mit der Information, dass eine Arbeitskollegin positiv getestet wurde. Jetzt macht auch sie sich Gedanken. Sie wird getestet und wartet auf das Ergebnis. Am Freitag verliert sie ihren Geschmacks- und Geruchssinn. Sie geht duschen und riecht ihr Shampoo nicht mehr. Das Essen schmeckt nach nichts mehr, erzählt die Halveranerin. Der Test: positiv.

Das überrascht sie jetzt nicht mehr. Am Montag steht in der Zeitung, dass der erste Corona-Fall in Halver nachgewiesen wurde. Dass von ihr die Rede ist, weiß sie sofort. „Ein blödes Gefühl“, sagt sie. Oft wird Olga Werthmann, die erst vor Kurzem ihre Ergotherapie-Praxis in Halver eröffnete, von Außenstehenden gefragt, ob sie sich in Ischgl, dem Hotspot-Skigebiet, in dem sich 2020 viele Menschen im Urlaub infiziert haben, angesteckt hat oder gar bei einer Karnevalsfeier. Aber sie hat sich auf der Arbeit im Gesundheitswesen angesteckt.

Mann bekommt Symptome - wird jedoch negativ getestet

Auch ihr Ehemann entwickelt Symptome. Kopfschmerzen und Niedergeschlagenheit. Er wird in Lüdenscheid an der Hohen Steinert in einer Drive-in-Station getestet. Durch das spaltbreit geöffnete Autofenster bekommt er das Wattestäbchen, schiebt es sich selbst in den Rachen und fährt wieder. Sein Ergebnis: negativ. Die Kinder, elf und 14 Jahre alt, werden nicht getestet. Quarantäne steht trotzdem für alle an.

Vier gelbe Briefe liegen im Briefkasten. Die Anordnung des Gesundheitsamts, zu Hause zu bleiben. Der Postbote muss doch wissen, was bei Familie Werthmann los ist, denkt sich die Halveranerin. Eine unangenehme Situation. Während sie sich mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Quarantäne begibt, wird das Leben draußen noch weiter eingeschränkt. Deutschland ist mitten im ersten Lockdown.

In Quarantäne mit zwei Kindern

Olga Werthmann schläft viel. Zugedeckt liegt sie auf der Terrasse an der frischen Luft und ruht sich aus. Doch so frisch ist die Luft gar nicht. „Iiih“, ruft ihr Sohn ihr entgegen. Ganz in der Nähe hat der Bauer die Felder gedüngt. „Ich habe nichts mehr gerochen“, sagt sie. Sie hat Bedenken: „Bleibt das jetzt so?“ Das Bewusstsein darüber, dass das Virus im Gehirn angekommen ist, macht sie leicht unruhig. „Jetzt ist das Virus in meinem Kopf.“

Gegen die Kopfschmerzen nimmt Olga Werthmann Tabletten. Zu Hause entschleunigt Corona den Alltag und die Familie. Die Kinder bauen Burgen, in denen Olga Werthmann auch mal liegt und Geschichten vorgelesen bekommt. Rührend kümmern sich die Kinder um ihre Mutter. Und auch Verwandte und Freunde helfen, wo sie können. Sie gehen einkaufen, wenn es nötig ist oder stellen ungefragt gekochtes Essen, Obstkörbe und Popcorn auf die Fußmatte. Nur der engste Kreis weiß Bescheid. Und neben dem Postboten vermutet Olga Werthmann auch die Nachbarn, die sich doch fragen müssen, warum die Autos vor der Tür stehen, sagt Werthmann.

Teilnahme an Studie bis heute: Antikörper noch immer nachweisbar

Was in der Welt passiert, verfolgt die Familie über die Nachrichten. In Halver sind es mehr als zwei Wochen später 18 Infizierte, deutschlandweit sind es 200 000. Am Ende der Quarantäne wird sie erneut positiv getestet und muss eine weitere Woche zu Hause bleiben. Trotzdem war das Gefühl, nach der Quarantäne wieder rauszugehen, komisch. „Ich dachte, die Leute haben Angst vor uns.“ Nach der Erkrankung nimmt die Halveranerin als eine der ersten Infizierten an einer Studie an der Universitätsklinik Köln teil. Sie spendet Blutplasma, weil Ärzte vermuten, damit schwer Erkrankten helfen zu können. Dem ist letztendlich nicht so, aber die Halveranerin nimmt weiterhin an der Studie teil. Sie wird auf Antikörper getestet. Dass sie noch immer welche hat, wie ihr vor wenigen Wochen bestätigt wurde, beruhigt sie.

Auch ihr Mann lässt sich Monate nach der Infektion seiner Frau auf Antikörper testen. Es wird nachgewiesen, dass auch er das Virus gehabt haben muss. Es folgt der Nachweis bei einem der zwei Kinder. Zum einen war das ein Schock, weil die Familie vom Gegenteil ausging. Zum anderen aber ist die Familie „ein kleines bisschen entspannter“ – weil sie es schon hatten. Jetzt weiß der Körper, mit dem Virus umzugehen, sagt Werthmann. Groß ist die Hoffnung auf Normalität, die seit einem Jahr eine andere ist.

Halvers Corona-Chronik

13. März: Schulen und Kitas werden geschlossen. Die Kommunen im Märkischen Kreis setzen diesen Erlass der Landesregierung Nordrhein-Westfalen um.

15. März: Weitere Einrichtungen sollen schließen, alle Veranstaltungen werden abgesagt.

17. März: Der Ausschuss für Planung und Umwelt wird abgesagt.

18. März: Bei der Firma Escha gibt es zwei Corona-Verdachtsfälle. Einer ist negativ, bei der anderen Person steht der Test aus.

19. März: In Halver befinden sich drei Kontaktpersonen in Quarantäne. Viele Geschäfte müssen schließen.

20. März: Die Arbeitsgruppe Corona im Halveraner Rathaus bespricht sich regelmäßig. 13 Verdachtsfälle sind in Halver gemeldet.

22. März: Erster Corona-Fall (» Text links) in Halver wird vom Gesundheitsamt bestätigt.

23. März: Mehr Arbeit für das Ordnungsamt: Kontaktsperren und weitere Schließungen müssen kontrolliert werden.

26. März: Schulen sichern Notbetreuung für Schüler. Inzwischen gibt es vier Infizierte in Halver sowie vier Kontaktpersonen.

30. März: Der TuS Oberbrügge legt neuen Termin für 150-Jahr-Feier fest.

31. März: Eine Bewohnerin im Haus Waldfrieden ist infiziert. Sie ist der erste Fall in einer Senioreneinrichtung in Halver.

4. April: Halver hat 18 Infizierte und 40 Kontaktpersonen. Der erste Corona-Patient ist wieder gesund.

11. April: Kattwinkel Reisen stellt den Betrieb ein. Corona-Krise ist der Auslöser.

17. April: Der erste Todesfall in Zusammenhang mit Corona wird bekannt. Eine Halveranerin (Jg. 1940) stirbt in Zusammenhang mit dem Virus.

21. April: Geschäfte dürfen nach erstem Lockdown wieder öffnen.

22. Juli: Corona-Fälle im Seniorenzentrum Bethanien werden bekannt. Alle Bewohner und Mitarbeiter werden getestet. Zwei Bewohner sind infiziert.

11. August: An zwei Schulen und einer Kita in Halver gibt es Corona-Fälle.

14. August: Bei Kindern der Kita Wunderland wird eine Reihentestung durchgeführt. Alle Ergebnisse sind negativ.

Und so nahm Corona in Halver seinen Lauf.

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