Pointe reihte sich an Pointe

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Wenn man mehr über seinen Vater erfährt, als einem lieb ist, kann man schon mal die Augen verdrehen.

Halver - Aus der Finanzkrise zog Kabarettist Claus von Wagner, einem breiten (Fernseh-) Publikum aus der „heute show“ und der „Anstalt“ bekannt, am Freitagabend in der Aula des Anne-Frank-Gymnasiums schmerzliche Lehren.

Versehentlich im Tresorraum der Hausbank eingeschlossen, von der Welt und jeglicher Luftzufuhr abgeschnitten, drohte der Münchner an unliebsamen Erkenntnissen über den eigenen (verstorbenen) Vater und dessen dubiose Machenschaften zu ersticken.

Zur Ehrenrettung seines Erzeugers gab er am Ende zu: „Mein Vater lebt noch und ist auch kein A…“. Zur erfundenen Geschichte vom Sohn, der über seinen Vater – einen einflussreichen Wirtschaftsprüfer – eine Rede halten soll und dabei skrupellosen Geschäftspraktiken auf die Schliche kommt, passte die fiktive Variante allerdings deutlich besser.

Auf der Bühne verwandelt sich von Wagner mit Mimik und Gestik in den recherchierenden Claus Neumann.

Teilweise weite Anfahrten bis aus Dortmund, Venlo und anderswo nahmen Kabarettliebhaber am Freitag in Kauf, um sich von dem frechen Charmeur die „Theorie der feinen Menschen“ und das Wesen der Finanzwelt erklären zu lassen.

Beim Einstand im Zuschauerraum noch Claus von Wagner, der humorvoll an seinen Erlebnissen als bekanntes Fernsehgesicht teilhaben ließ, verwandelte er sich auf der Bühne in den recherchierenden Claus Neumann, der mehr über den eigenen Vater herausfand als ihm lieb war.

Kein klassisches Nummernprogramm, sondern ein bissig-amüsantes Ein-Mann-Theater – hervorragend gespielt – kredenzte der studierte Kommunikationswissenschaftler und Historiker seinem sich prächtig amüsierenden Publikum, das frenetisch Beifall spendete.

Vernehmbar schloss sich der Tresorraum, in dem der „Junior“ 13 lange Stunden ausharren musste, bis sich die Tür wieder öffnete. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt: ein Retro-Telefon mit Schnur, Wählscheibe und dem Wachmann mit tunesischen Wurzeln am anderen Ende der Leitung.

Schauspielerisch war die episch aufbereitete Analyse der Finanz- und Wirtschaftswelt, die Pointe an Pointe reihte, top. Die Rolle des protegierten Juniors, der über seinen Vater nur unwesentlich mehr als den Namen wusste, stand dem Münchner bestens zu Gesicht.

Inhaltlich zeugten seine intelligenten, blitzgescheiten Texte, die auch mit der großen Politik harsch ins Gericht gingen, von viel Hintergrundwissen und einer scharfen Beobachtungsgabe.

Sichtlich sauer war von Wagner dabei auf die SPD. Der Grund? Sie nahm/nimmt ihm alle Satire-Arbeit ab. Einleuchtend wunderte sich der Münchner über die Welt am Abgrund, über die Wirtschaft und Politik seit Jahren dank Finanzkrise sprechen.

Der Vergleich Flugzeug passte: Normaler Flug ohne besondere Vorkommnisse und aus dem Cockpit der anhaltende Schrei: „Wir stürzen ab!“. Die 1. Klasse hatte „Mutti“ Merkel, Stewardess mit Physikstudium, vorsichtshalber in Sicherheit gebracht.

Weder den Lachsröllchen auf Charity-Events noch dem Griff in die Sammelbox eines Bettlers, um mit dem gerade erst gespendeten 50-Euro-Schein den eigenen Einkauf zu bezahlen, konnte Finanzexperte von Wagner widerstehen. Saftige Klatschen zielten auf morbide Lebensversicherungsfonds der Deutschen Bank, Ratingagenturen und Finanzderivate, Flüchtlingspolitik in Flip-Flops und vieles mehr.

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