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Katholischer Pfarrer im MK spricht über Homosexualität

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Von: Sarah Lorencic

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Pfarrer Claus Optenhöfel von der Gemeinde Christus König Halver
Pfarrer Claus Optenhöfel von der Gemeinde Christus König © Hesse

Homosexualität und die Katholische Kirche - passt das zusammen? Eine Pfarrei öffnet sich und beteilgt sich an der landesweiten Aktion #liebegewinnt. Ein Interview mit klaren Statements zur Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren von einem Pfarrer.

Halver – Die Katholische Kirche traut homosexuelle Paare nicht und auch eine Segnung lehnte sie erst vergangenes Jahr erneut schriftlich auf Anfrage ab. Eine Segnung sei weder zulässig noch entspräche sie Gottes Plan. So begründet es zumindest der Vatikan und sieht darin keine Diskriminierung Homosexueller. Pfarrer Claus Optenhöfel sieht das jedoch alles anders und hat sich mit Redakteurin Sarah Lorencic über Homosexualität und die Aktion #liebegewinnt unterhalten, die im letzten Jahr aufgrund der Ablehnung homosexueller Partnerschaften inner- und außerhalb der Kirche entstand und jetzt auch in Halver stattfindet.

Die Serie: Frühlingsgefühle

Es ist Frühling geworden. Mit dem Jahreszeitenwechsel, aber auch mit den ersten spürbaren Lockerungen nach der zweijährigen Corona-Pandemie wünschen sich viele einmal mehr auch die passenden Frühlingsgefühle. Aber wie kommt man dahin? In der Serie „Frühlingsgefühle“ werfen wir einen Blick darauf, wie der Kreis flirtet und haben dazu eine Dating-App getestet. Wir geben Tipps für erste Dates in der Stadt und zeigen Orte, an denen sie stattfinden können. Wir thematisieren die unterschiedlichen Arten von Liebe, zeigen Menschen, die lange ihr Leben miteinander teilen und erklären, wie man das schaffen kann. Im zweiten Teil geht es um Liebe, die man kaufen kann. Darüber haben wir mit einem Callboy gesprochen.

Teil 1: Zwei, die sich lieben sind ein Team: Liebe gegen gesellschaftliche Vorurteile
Teil 2: Das Geschäft mit der Liebe: Callboy gibt intime Einblicke
Teil 3: Homosexualität: Was sagt die katholische Kirche zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften?
Teil 4. Katholischer Pfarrer im MK spricht über Homosexualität

Herr Optenhöfel, bitte erklären Sie zunächst, was Segnen eigentlich bedeutet.

Segnen heißt erstmal, jemandem zuzusprechen und etwas Gutes zu wünschen. Ein Segen im christlichen Verständnis ist ein Zuspruch Gottes. Man wünscht damit jemandem, dass Gott an seiner Seite ist, ihn beschützt und innerlich stärkt.

Wenn Sie also Paare segnen, auch homosexuelle, dann sagen Sie ihnen, Gott ist an eurer Seite und liebt euch so, wie ihr seid?

Genau.

Die Pfarrei Christus König macht dieses Jahr bei der Aktion #liebegewinnt mit. Im vergangenen Jahr nicht. Woran hat das gelegen?

Im letzten Jahr wurde das erst Thema. Wir haben das zwar wahrgenommen, aber das war es dann auch. Ich glaube, es hat durch das letzte Jahr und durch das, was deutschlandweit seitdem passiert ist und durch den Synodalen Weg (» INFOKASTEN), der derzeit in der Katholischen Kirche läuft, an Aufmerksamkeit gewonnen. Der Frage, „was ist eigentlich mit Menschen von denen wir traditionell gesagt haben, das ist eine Beziehung, die wir nicht in Ordnung finden?“, wurde nachgegangen.

Dazu wurde klar benannt: Wir sagen den Segen zu. Unsere Aufgabe ist es nicht, auszusortieren oder Gut und Böse zu definieren, sondern ganz klar, die Menschen zu stärken, in dem, wie sie leben. Und dass das in Halver in diesem Jahr Thema ist, hat damit zu tun, dass das Thema grundsätzlich stärker geworden ist.

Machen viele Gemeinden im Umkreis mit?

Ich weiß es gar nicht genau. Es gibt einige Orte, wo der Tag sehr groß gefeiert wird. Dass es aber eine Pfarrei so wie wir macht, habe ich nicht wahrgenommen

Aber Sie machen mit. Weil Sie ein Zeichen setzen wollen?

Ich merke, dass ich mich mit dem Thema „Zeichen setzen“ schwer tue. Ich habe im letzten Jahr über das Thema Homosexualität gepredigt. Und mir war es fast peinlich, dass ich darüber predigen muss, weil bestimmte Selbstverständlichkeiten... müssen die wirklich benannt werden? Also, wenn sich Kirche vor Jahrzehnten gegen Homosexuelle ausgesprochen hat und gesagt hat, das ist Sünde, war das etwas, was in der Gesellschaft vermehrt auch so gesehen wurde. Heute sind wir weiter, auch wissenschaftlich viel weiter. Vom Verständnis des Menschen als auch vom Verständnis der Bibel, die sich eben nicht so klar gegen Homosexualität ausspricht, wie es früher gesehen wurde.

Und an beiden Stellen ist doch eigentlich klar, dass unterschiedliche Formen von Partnerschaft und Liebe Bestandteil menschlichen Lebens sind und man nicht sagen kann, es gibt nur das Eine und alles andere ist falsch oder wider die Natur. Und das ist eigentlich wissenschaftlich, theologisch, fachlich völlig klar. Dass man noch groß ein Thema daraus machen muss, finde ich fast peinlich, wie gesagt. Das zeigt aber manchmal, welches Verständnis von Kirche da ist. Das ist das Kritische zum Zeichen setzen.

Positiv daran ist, nochmal zu sagen: „Natürlich! Menschen, die einander wirklich lieben, miteinander in Partnerschaft leben, sich umeinander bemühen und in Treue zusammen sind, denen kommt der Segen Gottes zu, und eure Liebe soll euch Gutes bringen.“

Wie kamen Sie auf das Thema für Ihre Predigt und worum ging es?

Immer kurz vor Pfingsten ist „Liebe“ Thema in unseren Gottesdiensten, weil Jesu Botschaft war: „Liebt einander.“ Das sagte er seinen Jüngern vor seinem Tod, es gehört zu seinen letzten Worten. Und wenn ich das ernst nehme, dann gilt erstmal das „Liebt einander“ und das ist viel wichtiger als die Frage, welche Formen passen zu Menschen. Der Auftrag ist zu lieben. Das kann schief gehen, in jeder Beziehung. Es kann sein, dass ich nach Jahren sage, ich habe mich in einen Menschen verliebt und das war ein Fehler. Aber trotzdem heißt das nicht, es war falsch, das zu tun. Wenn ich jemanden liebe, dann muss ich das tun. Was ich als gut erkannt habe, das muss ich auch tun. Und dieses Erkennen, diese Entscheidung kann.

Wie wurde auf Ihre Predigt reagiert?

Intern habe ich Gegenwind bekommen. Es war die Predigt, auf die ich die meisten Reaktionen bekommen habe. Von „Aber der Papst ist doch dagegen“ bis „Das ist nicht mehr meine Kirche, hier komme ich nicht mehr hin“. Wir müssen wahrnehmen, dass wir uns als katholische Kirche öffnen, aber dass es nach wie vor Menschen gibt, die das anders sehen. Mein Bestreben ist diese Öffnung. Sodass Menschen, Paare, die den Segen erbitten, den Segen auch bekommen. Es wird am Ende um Einheit gehen, auch wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt.

Sie machen bei der Aktion mit, obwohl der Vatikan dagegen ist. Dürfen Sie das eigentlich?

Ich habe mich das auch mal gefragt. Was dürfen wir, was dürfen wir nicht? Aber ich wiederhole mich: Was ich gut finde, muss ich tun – auch wenn ich es nicht darf.

In unserem Bistum Essen haben wir bereits vor einigen Jahren als das Thema „Ehe für alle“ aufkam sehr deutlich und klar miteinander geredet. Es gibt natürlich auch Mitbrüder und Pfarrer, die sagen, dass sie damit Probleme haben. Niemand von uns kann verpflichtet werden, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Aber wer es nicht tut, soll den Paaren sagen, wo sie hingehen können und deren Anliegen nicht wegen seiner eigenen Haltung blockieren. Diese Offenheit müssen wir auch in der Kirche haben, obwohl wir viele Jahre anders gelehrt haben. Ich habe Verständnis dafür, wenn sich Menschen mit der Entwicklung schwer tun. Aber man muss offen mit ihr umgehen.

Kennen Sie in Ihrer Gemeinde homosexuelle Menschen?

Ich weiß von einzelnen Personen, dass sie homosexuell sind, aber ich erlebe hier nicht, dass das groß thematisiert wird. Ich glaube, dass es in einem kleinen Ort wie Halver deutlich schwieriger ist als in einer Großstadt, damit offen umzugehen.

Muss sich die Kirche weiter öffnen?

Ich bin kein Experte für Weltkirche, aber wir haben zwei Optionen. Entweder sind wir eine Kirche mitten in der Welt und mit den Menschen. Bemühen uns also, eine Kirche der Menschen zu sein, die auch ab und zu sagt, was der bessere Weg ist, die aber die Anliegen der Menschen wertschätzt und an deren Seite ist. Oder wir sagen, wir wissen, wofür wir stehen und werden eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, die aber innerhalb der Welt eine absolute Minderheit ist. Beim einen Weg besteht die Gefahr, dass man die eigenen Schwerpunkte verlieren kann, beim anderen besteht die Gefahr, dass man zur Sekte wird. Ich denke, es ist sinnvoll, bei und mit den Menschen zu sein. Das Leben der Menschen gibt den Weg der Entwicklung vor.

Klingt nach einem Ja. Als Protest muss man die Teilnahme an der Aktion aber nicht verstehen?

Wenn sie jemand als Protest wahrnimmt, kann ich das gut nachvollziehen. Gemeint ist es aber eher als Einladung. An die, die sich bisher außen vor gefühlt haben, und als Impuls an die, für die es bisher nie ein Thema war, sich darauf einzulassen. Ein Protest will abgrenzen, aber das Ziel ist das Zusammenführen. Im Anschluss an den Gottesdienst am 15. Mai soll es auch einen Sektempfang geben, bei dem man im besten Falle ins Gespräch kommt.

In einem Schreiben zur Homosexualität und einer Segnung solcher Paare heißt es seitens des Vatikans, es sei nicht Gottes Plan. Was ist denn der Plan Gottes?

Gottes Plan ist unergründlich. Wir müssen nicht meinen, dass wir Gottes Plan konkret kennen. Ich kann ihm immer nur auf der Spur sein. Ich sollte meine eigenen Empfindungen wahrnehmen und auf sie hören. Erleben, entdecken und im Gespräch mit anderen herausfinden, was mir gut tut. Die Frage, was Gottes Plan ist, stellt sich in jeder Lebenslage. Ich kann nur meine Wege gehen und das, was ich als gut erkenne, tun.

Glauben Sie, die Kirche wird sich verändern?

Ich glaube mindestens in dem, was wir hier tun, ist sie schon dabei. Ob sich die Kirche als Ganzes wandelt, ist schwer zu sagen. Innerhalb Deutschlands reden die Bischöfe sehr unterschiedlich. Wir sind eine total differenzierte und vielfältige Welt. Es wird innerhalb der Kirche progressive Weiterentwicklungen geben, die gut sind. Es wird aber auch in der Kirche immer wieder die geben, die zurückschreiten und Erneuerungen nicht für katholisch oder christlich halten.

So oft fiel der Begriff Liebe. Wie würden Sie Liebe beschreiben?

Als tiefe Empfindung, als Zugehörigkeit. Als eine innere Bindung und ein Gefühl, aufeinander bezogen und aneinander gebunden und füreinander da zu sein. Und sie äußert sich auf viele Weisen. Der Grundansatz für mich ist, dass wir alle Kinder Gottes sind und zusammengehören. Wir sind alle Menschen. Ohne Liebe kann ein Mensch nicht leben, das ist ja erwiesen.

Und am Ende – so heißt die Aktion – gewinnt die Liebe?

Genau.

Danke für das Gespräch, Herr Optenhöfel

Wohin führt der Synodale Weg?

Nach der Veröffentlichung der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ und den damit verbundenen Erschütterungen ist deutlich geworden: Die Kirche in Deutschland braucht einen Weg der Umkehr und Erneuerung. Aus diesem Anlass haben die deutschen Bischöfe im März 2019 einen Synodalen Weg beschlossen, der der gemeinsamen Suche nach Antworten auf die gegenwärtige Situation dient und nach Schritten zur Stärkung des christlichen Zeugnisses fragt. Der Synodale Weg wird von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) getragen. Gemeinsam soll verlorenes Vertrauen zurückgewonnen werden. Der Synodale Weg hat 1. Dezember 2019 begonnen und ist auf zwei Jahre angelegt. Sein oberstes Organ ist die Synodalversammlung. Sie setzt sich aus den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und aus dem ZdK gewählten Mitgliedern sowie Vertreterinnen und Vertretern weiterer Personen- und Berufsgruppen zusammen, die in ihrem Wirken am kirchlichen Sendungsauftrag teilhaben. Die Synodalversammlung tagt zweimal jährlich. Die thematische Arbeit des Synodalen Weges wird in insgesamt vier Synodalforen vorbereitet:

- Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag
- Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft
- Priesterliche Existenz heute
- Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche

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