Kommunalwahl 2020

Bürgermeisterwahl in Halver: Michael Brosch (SPD) im Interview

Michael Brosch Halver Bürgermeister Kommunalwahl 2020
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Michael Brosch möchte Bürgermeister von Halver bleiben.

Halver – Über die Perspektiven für Halver und den Wahlkampf sprach der amtierende Bürgermeister Michael Brosch mit Redakteur Florian Hesse.

Herr Brosch, gehen Sie eigentlich automatisch von einem kräftigen Amtsbonus gegenüber ihrem Mitbewerber aus?
Nein. Ich gehe davon aus, dass die Halveraner sich ein Bild davon machen konnten, was sie bekommen, wenn sie mich wählen. Meine Zielsetzung war es auch nie und wird es auch nie sein, dass Ideen ausschließlich von mir umgesetzt werden. Wenn wir in Halver Dinge nach vorne bringen, ist es egal, von wem die Idee kommt. Da spielt die Parteizugehörigkeit keine Rolle und auch nicht die Stelle im Rathaus – ob das der Kämmerer ist oder die Leiter der Fachbereiche wie Thomas Gehring oder Michael Schmidt.
Also kein Amtsbonus?
Wichtiger ist doch, dass es in den letzten fünf Jahren zu einer Entwicklung gekommen ist. Diese Entwicklung sehe ich und schätze die grundsätzlich positiv ein. Das ist für die Bürger auch erkennbar. Sollten sie es anders sehen, dann, das sage ich ganz ehrlich, gehöre ich hier auch nicht hin. Der Bürgermeister ist Teil einer Mannschaft und arbeitet zusammen mit dem Rat. Er muss nicht alles selbst erfinden.
Wie nehmen Sie persönlich das Klima im Bürgermeister-Wahlkampf wahr?
Mich erreichen Reaktionen auf den unterschiedlichsten Kanälen. Persönlich habe ich daraus den Eindruck, dass meine Art des Wahlkampfs auf eine positive Resonanz stößt. Ich wünsche mir eine Auseinandersetzung auf Sachebene und werde auch niemanden persönlich angreifen...
...in einem „Faktencheck“ ihres Mitbewerbers Markus Tempelmann wird aber ihr Name 31-mal genannt. Umgekehrt kommt der Kämmerer bei Ihnen kaum vor?
Ach ja, ich bin eigentlich ein sehr ausgeglichener Mensch und fühle mich in meinem Stil gut beraten. Damit kann ich morgens auch gut in den Spiegel gucken. Und was meine persönliche Resilienz angeht, bin ich noch nicht an einem komplizierten Punkt. Aber wenn Sie diesen Flyer schon ansprechen, da rede ich auch von alternativen Fakten, die da dargestellt werden.
„Alternative Fakten“ vom Mitbewerber? Ein bisschen konkreter wäre schön...
Nur ein Beispiel: Dass es keine Ersatzlösung für die geschlossene Kita St. Georg gab, ist schlicht falsch. Stadt Halver und das Kreisjugendamt haben sich um eine Lösung gekümmert. 800 000 Euro stecken in der jetzigen Kita Wunderland. Sentiris als Träger gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Die Aussage, die Kita sei Sentiris oder Kristian Hamm zu verdanken, stimmt nicht.
Stichwort Corona: Haben Sie das Gefühl, mit anfangs täglichen Info-Postings als Krisenmanager Punkte beim Wähler gesammelt zu haben?
Das habe ich nie wahltaktisch verstanden. Wir hatten die vielleicht größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und eine Riesenverunsicherung. Wir mussten zeitweise Ortsrecht setzen. Gemeistert haben wir das in den kritischsten Zeiten mit einer guten Mannschaft hier aus dem Rathaus. Aber klar ist auch: Einer muss da den Hut aufhaben.
Angesichts der politischen Situation in Halver – vier Parteien gegen den Amtsinhaber: Was erwarten Sie für die Zeit nach der Wahl, falls sie Bürgermeister bleiben?
Ich mache mir da eigentlich keine Sorgen. Es hat die letzten fünf Jahre geklappt, die Stadt voranzubringen. Gucken Sie doch mal auf die Beschlusslagen: Das Meiste lief doch am Ende einstimmig oder zumindest mit breiten Mehrheiten. Natürlich gehört die inhaltliche Diskussion zur Demokratie. Und da verweise ich auch noch einmal auf den Anfang dieses Gesprächs: Es ist doch am Ende egal, von wem die Vorschläge kommen, wenn sie denn gut sind. Das gilt für die Kindervilla, wo ich anfänglich Sorge um den Pflegedienst hatte. Aber es ist doch gut, dass es sie gibt – genauso den neuen Spielplatz oder die Ideen für das Wippermann-Gelände. Entwicklungen für sich persönlich zu reklamieren, entspricht nicht meinem Rollenverständnis. Das würde ich sogar für anmaßend halten.
Die Anbindung ans Radwegenetz ist ein wichtiges Thema für Michael Brosch.
Auch hier würden wir gerne ein Beispiel hören?
Gerne: die positive Entwicklung des Bahngeländes. Da haben ganz viele Menschen aus Verwaltung und Politik mitgewirkt. Und zwar nicht erst seit gestern. Da war noch der frühere Bürgermeister Kammenhuber im Amt, als das angestoßen und dann weiterentwickelt wurde.
Haben sie eigentlich eine Prioritätenliste für eine weitere Amtszeit?
Das kann man in dieser Form gar nicht sagen. Es gibt viele Dinge, die anstehen, die parallel vorangetrieben werden müssen. Die meisten Themen sind nicht einmal strittig. Wir werden sie inhaltlich diskutieren müssen in der konkreten Ausgestaltung, das gehört dazu. Aber ich glaube nicht, dass jemand gegen mehr Barrierefreiheit in Halver aufstehen dürfte. Die brauchen wir schon aufgrund der demografischen Entwicklung – ob im Lern- und Begegnungszentrum, im AFG und in weiteren städtischen Gebäuden. Ein anderes Stichwort sind Radwege...
...es gibt doch schon einen Schutzstreifen für Fahrradfahrer in Halver...
(lacht) Da gibt es riesig Nachholbedarf. Die erste Stufe packen wir gerade an mit der Anbindung nach Radevormwald. Wir wollen – auch das sehe ich als politischen Konsens – mit letztlich fünf Trassen die Anbindung an die benachbarten Radwegenetze herstellen. Das alles muss integriert werden in ein Mobilitätskonzept für den ländlichen Raum, an dem im Rahmen der Regionale 2025 gerade in Soest gearbeitet wird. Und diese Mobilität wird letztlich wichtig auch im Zusammenhang mit der ärztlichen Versorgung in der Region. Wir werden eine fachärztliche Rundum-Versorgung auch mit einem Medizinischen Versorgungszentrum in Halver nicht darstellen können. Trotzdem müssen die Menschen irgendwie zum Doktor kommen.
Friede, Freude, Eierkuchen also: aber alles nur Konsens?
Nein, natürlich nicht. Bei der Schaffung von Wohnraum ist es zu kurz gedacht, sich ausschließlich um eine Zielgruppe zu kümmern, die 170 bis 190 Euro pro Quadratmeter Bauland ausgeben kann, das noch nie einen Spaten gesehen hat, und darauf für 300 00 bis 500 000 Euro ein Eigenheim zu bauen. Wir brauchen für kleinere Einkommen bezahlbare Mietwohnungen über geförderten Wohnungsbau. Und da gibt es auch konkrete Gespräche.
Weitere Themen?
Natürlich das Wippermann-Gelände. Auch da werden wir uns auf die städtebauliche Nutzung verständigen müssen. Bietet es unter Umständen Platz für preiswertes Wohnen für junge Menschen? Welche Förderzugänge findet man für die Digitalisierungsprojekte des AFG? Eine andere Entwicklung sehe ich mit Sorge...
...welche Sorge treibt Sie um?
Der Borkenkäferbefall stellt uns vor große Herausforderungen. Wir sind als Stadt größter Waldeigentümer in Halver. Für viele Menschen bricht gerade die Altersvorsorge weg. Und wir müssen dringend überlegen, wie wir mit den Holzmengen umgehen. Neben Sonne und Windkraft bedeutet Holz regenerative Energie. Wenn unser Contracting-Vertrag ausläuft, ist es Zeit, über die Nahversorgung mit Wärme über Hackschnitzel nachzudenken. Das Schulzentrum und dessen Umfeld würde sich dafür anbieten. Natürlich kostet das Geld, aber da müssen wir uns fragen, ob uns Klimaschutz diese Investition nicht wert sein sollte. Und nicht zuletzt wäre für mich auch das neue Feuerwehrgerätehaus in Anschlag in Holzbauweise vorstellbar.
Wenn’s schon um Geld geht: Stünde ein Bürgermeister Brosch für anhaltend niedrige Hebeätze bei der Gewerbe- und bei der Grundsteuer?
Es wäre scheinheilig, hier eine Garantie für die Zukunft zu geben. Richtig ist, dass Halver im Kreisvergleich am besten unter den Kommunen dasteht. Aber ein Versprechen würde jeden, der es abgibt, früher oder später einholen. Da reden wir einzig über den Zeitpunkt. Wer sich über Dreckecken im öffentlichen Raum erregt, muss wissen, dass es dagegen Personal braucht. Das kostet Geld. Im Grunde geht es um ein vernünftiges Verhältnis zwischen Abgaben und kommunalen Leistungen. Wenn das stimmt, haben die Menschen auch Verständnis, glaube ich. Und was die Gewerbesteuer angeht, müssen wir für die Unternehmen ein funktionierendes Umfeld bereitstellen. Und diese Steuer fällt letztlich auch erst auf deren Gewinn an. Wer zurzeit nichts verdient, ist davon nicht berührt.
Jetzt haben wir über einen möglichen Wahlsieg geredet. Und was, wenn nicht?
Per Gesetz könnte ich nach einer Niederlage in Pension gehen. Ein Rückkehrrecht für Kommunal- und Landesbeamte gibt es nicht. Aber Pension würde für mich nicht Couch heißen. Doch diese Überlegungen stelle ich gar nicht an. Ich habe keinen Plan B!v

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