Klimawandel

Brunnen trocken: Anwohner müssen Eimer tragen

Blick in den Brunnen in Halver Lausberge: Zu wenig Wasser für die Familie
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Blick in den Brunnen in Halver Lausberge: Zu wenig Wasser, um die Pumpe anzuschalten. Zieht diese Luft, geht sie kaputt.

 In der vergangenen Woche hat Familie Winkler in Lausberge ein einziges Mal die Klospülung betätigt. Einmal zu viel. Seitdem traut sich die fünfköpfige Familie nicht mehr. 

 Neben der Toilette steht ein Eimer. Eine Gießkanne steht neben der Spüle. Aus dem Hahn kommt kein Wasser mehr. Der Brunnen, der das Haus normalerweise versorgt, hat nicht mehr genügend Wasser. Und das ist nicht das erste Mal. Die Überlegung, einen Wasseranschluss in die Ortschaft Lausberge zu bekommen, wird lauter. Denn die Anwohner sind sicher, dass es nicht mehr besser wird. Sondern eher schlechter. Aber ist das überhaupt möglich?

Jennifer Winkler wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern seit sechs Jahren in Lausberge. Seit drei Jahren nehmen die Probleme mit dem Wasser zu. Beide Häuser in der Ortschaft, die 1089 erstmals urkundlich erwähnt wurde, haben einen eigenen Brunnen. Tief sind beide nicht. Für Hausnummer 1 geht das Loch rund 7 Meter tief in die Erde, der Brunnen von Hausnummer 2 ist 2,5 Meter tief, liegt aber direkt an einem Teich, der von einer Quelle gespeist wird. Aber auch der Teich, der der Feuerwehr im Brandfall Wasser liefern soll, ist nicht mehr so voll, wie er einmal war.

Jennifer Winkler hat einen Brunnen und macht sich Gedanken um die Wasserversorgung in Halver Lausberge.

Brunnen, die heute gebohrt werden, sind an die 100 Meter tief. Je tiefer, desto höher die Wahrscheinlichkeit, eine Wasserader zu treffen, in der Theorie. Aber auch das ist keine Garantie mehr, wie das Beispiel von Thomas Wiethege zeigt. Vor zehn Jahren hat der Landwirt zwei Tiefbrunnen bohren lassen, einen 120 Meter tief. Genügend Wasser für sich und die Kühe in seinem Betrieb hatte er trotzdem nicht. Er wurde ans Wassernetz angeschlossen, um im Notfall eine Reserve zu haben. Einen fünfstelligen Betrag musste er zu 100 Prozent selber tragen. Die Bohrungen für die Tiefbrunnen zuvor kamen noch hinzu. Ohne den Wasseranschluss käme er heute nicht mehr aus. An heißen Tagen trinkt eine Kuh bis zu 120 Liter Wasser. „Das Wasser wird immer weniger“, sagt der Landwirt aus Birkenbaum. Die Ortschaft liegt mit 400 Meter über Normalnull noch einmal 40 Meter höher als Lausberge.

Ist das ein Einzelfall?

Jennifer Winkler fragt sich, ob das alles Einzelfälle sind. Aber mit Blick auf die Vergangenheit in Lausberge steht für sie und ihren Nachbarn Frank Engstfeld fest, dass es eine Entwicklung ist, die nicht mehr zu stoppen ist. Frank Engstfeld hat 30 Kühe. Was es bedeutet, wenn die Tiere nicht ausreichend Wasser zur Verfügung haben, musste er vor zwei Jahren feststellen. Bei Bauarbeiten wurde die Wasserleitung beschädigt, und das Wasser versickerte im Boden. Wenn Tiere Durst haben, drehen sie durch, sagt der Landwirt. Mit Blick in die Zukunft bedarf es einer Lösung. Angefragt hatte Engstfeld bereits. Unter 25 000 Euro bekommt er keinen tieferen Brunnen. Ans Wassernetz anschließen wäre nicht billiger. Ob es überhaupt gemacht werden würde, bleibt unklar. Denn ob sich die Kosten für einen Brunnen lohnen, weiß er nicht. Dass kein Wasser im Brunnen ist, wundert ihn mit Blick auf die dürren Jahre nicht. Auch die Ernteerträge reichen nicht mehr für sein Vieh. Über den Winter wird er nicht alle kriegen, sagt Engstfeld, und wird deshalb einige verkaufen müssen.

Jennifer Winkler wurde der Vorschlag gemacht, von einem Hydranten in Anschlag Wasser zu nutzen. Dafür müssten eine Wasseruhr und ein Schlauch her, der 300 Meter mindestens lang ist. „Und dann habe ich einen Schlauch in der Wohnung?“, fragt sie. Das helfe ihr bei der Klospülung wenig. Den Brunnen mit dem Wasser zu speisen, wird nicht funktionieren. Das Wasser bliebe nicht im Brunnen.

Am Waldrand, rund 100 Meter von der Ortschaft Lausberge entfernt, steht der Brunnen für Haus Nummer 1. Sieben Meter tief kann man bis auf den Grund sehen. Wasser hat er nur noch wenig. Familie Winkler sucht jetzt nach Lösungen.

Jennifer Winkler arbeitet als Bedienung im Kulturbahnhof und lobt ihren Arbeitgeber. Dieser lässt sie momentan nicht nur ihre Wäsche im Restaurant waschen, sondern auch ihre Haare; selbst einen 1000 Liter-Kanister durfte sie sich für zuhause befüllen. Von dem zapft die Familie seit einigen Tagen Eimer für Eimer Wasser, zum spülen, putzen und Toilette abziehen.

Wie soll es weiter gehen? In einem Interview 2018 sagte der Geschäftsführer der Stadtwerke Halver, Markus Tempelmann, dass die Außenbezirke wohl nicht ans öffentliche Wassernetz angeschlossen werden. Zum einen, weil es zu teuer wäre, zum anderen geht es dabei aber auch um Keim-Risiken. In einer Wasserleitung, die nicht kontinuierlich genutzt wird, in der das Wasser also steht, können sich Keime bilden, die dann ins öffentliche Netz gelangen. Dass Landwirt Thomas Wiethege einen Wasseranschluss bekommen hat, lag auch daran, dass der stetige Verbrauch durch die Tiere gewährleistet ist.

Dass die Situation sich in Lausberge auch in Zukunft nicht maßgeblich verändern wird, ist Bürgermeister Michael Brosch bewusst. „Aber es ist nicht so, dass wir jedes Gehöft ans Wasser anschließen müssen.“ In der Pflicht für eine ausreichende Wasserversorgung sind die Hauseigentümer. Dass es in Lausberge Probleme mit dem Wasser gibt, wurde ihm bereits vor drei Jahren zugetragen. Die erste Möglichkeit wäre ein tieferer Brunnen. „Ich verstehe, dass das teuer ist“, sagt Brosch und meint, es sei schwierig, eine Lösung zu finden – vor allem kurzfristig. Aber das Problem sei nicht neu.

Markus Tempelmann soll jetzt prüfen, was ein Wasseranschluss kosten würde und ob er grundsätzlich möglich wäre. Aber auch diese Kosten sind dann von den Hauseigentümern zu tragen, zumindest anteilmäßig. „Bei den Klimaveränderungen wird das Thema nicht kleiner“, sagt Brosch und merkt an, dass Lausberge nicht der erste Außenbezirk ist, in dem Brunnen nicht mehr genügend Wasser führen. „Ein gewisser Prozentsatz läuft immer wieder trocken.“ Gerade in den Bezirken, wo Landwirtschaft betrieben wird und neben Anwohnern auch noch Tiere das Wasser nutzen.

Bei den Klimaveränderungen wird das Thema nicht kleiner.

Bürgermeister Michael Brosch

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