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Flut 2021: „Wir sind immer noch geschockt“ - Ein Jahr danach in Oberbrügge

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Von: Sarah Lorencic

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Auf 5,7 Millionen Euro belaufen sich nach jetzigem Stand die Schäden an städtischer
Das Hochwasser vom Juli 2021 hat Spuren hinterlassen auch in den Köpfen der Menschen. © Agentur

Ein Jahr ist das Hochwasser vom 14. Juli 2021 her. Auch Oberbrügge trafen die Wassermassen so heftig wie nie zuvor. Menschen wurden evakuiert, mit Schlauchbooten und Treckerschaufeln aus den Häusern gerettet. Wie sieht es nach einem Jahr aus? Wir waren in der Siedlung Loewen unterwegs und haben mit den Anwohnern gesprochen.

Halver - Es ist wieder grün geworden in den Gärten der Siedlung Loewen und entlang der Volme. Diesen Sommer wollen die Anwohner genießen, im Garten sitzen und entspannen. Im vergangenen Jahr fluteten Volme und Schlemme die Wohnsiedlung, die an der B54 liegt. Wochenlang räumten die Oberbrügger auf und waren mit den Nerven am Ende.

Auch Frank Deitenbeck brauchte seine Zeit. Er stand unter Schock und ließ Wochen ins Land ziehen, ehe er anfing, den Keller aufzuräumen und zu säubern. Am Tag des Hochwassers kommt er nachmittags gegen 16 Uhr von der Arbeit und traut seinen Augen nicht. Feuerwehrwagen stehen in der Siedlung und vor der Haustür das Wasser. Er geht in den Keller und rettet, was geht. Unter anderem antike Möbel, die er auf dem Trödelmarkt noch verkaufen will. „Alles schwamm oben“, erinnert er sich. Als er wieder aus dem Keller herauskommt, ist das Wasser weiter angestiegen und die Reifen seines Autos sind halb im Wasser. Erst will er nur woanders parken, dann fährt er damit zu seinen Eltern nach Ehringhausen und bringt sich in Sicherheit.

Siedlung Loewen, Oberbrügge, Flut 2021
Frank Deitenbeck wohnt in der Siedlung Loewen, sucht sich aber eine neue Bleibe, weil der Schimmel mittlerweile im Wohnraum ist. © Lorencic, Sarah

An dem sonnigen Tag, an dem wir ihn besuchen, tippt er an seinem Handy, während Arbeiter alles für den Glasfaserausbau im Keller herrichten. Er will ein Wohnungsgesuch aufgeben. „Ich muss hier weg.“ In der Wohnung ist mittlerweile der Schimmel angekommen. Die Feuchtigkeit aus den Kellerwänden ist hochgezogen. Im Haus gegenüber ist eine Wohnung erst vor Kurzem leer geworden.

Manchmal hat man Angst, dass es noch einmal passiert, das Wetter spielt ja überall verrückt. Ich glaube das aber nicht. Hoffentlich erlebt man so etwas nur einmal im Leben.

Frank Deitenbeck, 59 Jahre Anwohner der Siedlung Loewen

Eine junge Frau, erzählt er, musste 800 Euro Heizkosten nachzahlen. Der Nachtspeicher kostet viel, aber aufs Heizen konnte man nicht verzichten. Heizen und Lüften waren lange das einzige, was man machen konnte. Auf Trocknungsgeräte warteten die Hausgemeinschaften monatelang und zum Teil immer noch. Die Häuser gehören einer Erbengemeinschaft.

Reikowski, Oberbrügge, Flut 2021
Es war ein Bild der Hoffnung aus dem Garten von Familie Reikowski. Die Töchter schaukelten dort, wo kurz vorher alles unter Wasser stand. © Lorencic, Sarah
Reikowski, Oberbrügge
Heute sieht das Bild anders aus. © Lorencic, Sarah

Die unterschiedlichen Vermieter haben sich auch unterschiedlich verhalten. „Die haben sich nicht wirklich drum gekümmert“, sagt Frank Deitenbeck. Hilfe gab es vor allem vor Ort. Das versprochene Geld gab es unbürokratisch und schnell, die Kirche hat Spenden gesammelt, „wir sind sehr dankbar“, sagt der Anwohner für seine Nachbarschaft.

„Manchmal hat man Angst, dass es noch einmal passiert, das Wetter spielt ja überall verrückt“, sagt Frank Deitenbeck. „Ich glaube das aber nicht. Hoffentlich erlebt man so etwas nur einmal im Leben.“

Rückblick

Später Mittwochabend am 14. Juli 2021. Die Lage spitzt sich zu, die Volme hat die Volmestraße komplett eingenommen. Von den Häuschen in den Gärten sind nur noch Dachspitzen zu sehen. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr müssen am Abend reagieren. Rund 140 Personen, Anwohner der Siedlung Loewen und der Volmestraße, werden evakuiert. Denn steigt das Wasser noch weiter, würde es keine Möglichkeit mehr geben, die Häuser und die Menschen darin zu erreichen, sagt Dennis Wichert, Leiter der Halveraner Feuerwehr.

Bei rund 20 Personen war die Lage bereits zu diesem Zeitpunkt lebensbedrohlich. In der Siedlung Loewen fließen Volme und Schlemme zusammen. Die Gärten der Häuser werden eins mit den Wassermassen. Sandkästen schwimmen an den Bewohnern vorbei.

Auch auf der Volmestraße spielen sich dramatische Szenen ab. „Sie fuhren mit Baggern an die Haustüren, die Bewohner mussten in die Schaufel“, erzählt Peter Noelle-Niklas, der mit seiner Frau Angelika das Geschäft mit kleiner Bäckerei auf der Ecke Volme-/Heerstraße noch betreibt. Viel geschlafen hat in der Nacht keiner. „Vor der Tür war ein See mit reißender Strömung“, erzählt Angelika Noelle-Niklas. Ununterbrochen arbeiten die Einsatzkräfte im Schichtbetrieb und bekommen Unterstützung von zwei Löschzügen aus dem Kreis Soest. Der Pegel sinkt so schnell, wie er stieg. Sichtbar wird, was das Unwetter angerichtet hat. Auf den Straßen am Donnerstagmorgen liegen Mülltonnen, Paletten und Holzbalken.

Zurück ins Jetzt

„Wir sind alle immer noch geschockt“, sagt Frank Deitenbeck ein Jahr nach dem Hochwasser. Aber mit Blick ins Ahrtal will er gar nicht jammern und fühlt sich eher schlecht damit, so viel Hilfe bekommen zu haben. In wenigen Tagen feiert er seinen 59. Geburtstag. Seinen 60., sagt er, feiert er wohl nicht mehr in der Loewensiedlung.

Conny Schwarzer wird bleiben. Sie wohnt bereits seit rund 50 Jahren in der Siedlung. Wer hier wohnt, wohnt eigentlich gerne hier. Es ist ruhig, die B54 ist trotz des erhöhten Verkehrsaufkommens weit genug weg und am Ende der Siedlung gibt es Felder und Wälder. „Jetzt ist es wieder schön“, sagt Conny Schwarzer. Es ist viel kaputt gegangen bei dem Hochwasser. Waschmaschine, Trockner und die E-Bikes. Und der Tag selbst war schlimm, sagt die 64-Jährige. In all den Jahrzehnten, die sie hier lebt, ist so etwas nicht vorgekommen. Sie hofft, dass es sich auch nicht wiederholt.

Stefan Reikowski ist für den Fall, so gut es geht, vorbereitet. Zwei Häuser sind im Besitz der Familie an der Brücke, die über die Volme und in die Siedlung Loewen führt. Die Keller waren mit Wasser gefüllt, das Auto in der Garage war komplett im Wasser: Totalschaden. Die Wände in den Kellerräumen waren vorher mit Gipsplatten ausgebaut, jetzt hat er an den Wänden Zementputz angebracht und fliest derzeit den Boden. Im Falle einer Überschwemmung halten die Materialien dem Wasser stand und können einfach gereinigt werden. Geld von der Versicherung gab es nur wenig. „Einen Bruchteil“ der Schadenskosten, sagt Stefan Reikowski. Gegen das Hochwasser waren sie nicht versichert, wohl aber für den Fall, dass ein Flugzeug in ihr Haus fliegt. „Ich hab mich schon verarscht gefühlt.“ Die Versicherung hat die Familie gewechselt.

Der Garten der vierköpfigen Familie, die mit Mutter und Schwager im selben Haus lebt, wurde überflutet. Die Volme spülte einen Heuballen an, zehn weitere liegen noch immer im Waldstück an der Siedlung. Der Ballen aus dem Garten wurde abgeholt, aus dem restlichen Unrat, der angespült wurde, hat die Familie einen kleinen Hügel im Garten gebaut und 30 Tonnen Sand aufgeschüttet. Ein kleiner Volmestrand im Garten ist nach einem Jahr entstanden. Ein Paradies für die Töchter, die wieder im Garten ohne Gummistiefel schaukeln können. „So ist’s schöner“, sagen die beiden.

Fluthilfe für die Stadt

6,8 Millionen Euro Fluthilfe hat die Stadt Halver erhalten. Eingesetzt werden soll das Geld vom Land vor allem zur Wiederherstellung der kommunalen Infrastruktur. Straßen und Brücken müssen instand gesetzt werden, aber auch Böschungen. Mit Stand von heute sind 20 Prozent der Schäden repariert.

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