Bäumer in der Stadt und im Wald

"Architektenpetersilie in der Stadt" - der Zustand der heimischen Bäume

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Halver - „Den Stadtbäumen in der Nachbarschaft immer mal einen Eimer frisches Wasser gönnen.“ Der Tipp von Thomas Bette klingt profan und dabei ein wenig hilflos.

Ein Patentrezept für die Rettung der sterbenden Fichten-Monokulturen und leidender Stadtbäume hat er auch nicht. Dabei müsste Bette es eigentlich am ehesten wissen. Er ist gelernter Waldarbeiter, hat Forstwissenschaft studiert und verdient seit fast 20 Jahren seinen Lebensunterhalt als Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung. Er begutachtet Bäume, sorgt für ihren Erhalt, und wenn es unbedingt sein muss, bringt er sie auch fachgerecht zu Fall. 

Mit Redakteur Florian Hesse sprach er über die Zukunft der Fichte, den unvermeidlichen Wandel der Baumarten in der heimischen Region und die Fehler der Stadtplaner, was innerstädtische Bäume angeht. 

Herr Bette, in welcher Situation sehen Sie die heimische Baumlandschaft? 

Die Bäume sind im Dauerstress seit dem Winter 2017/2018. Der Boden war zum Beginn dieses Zeitraums tiefgefroren, darauf ist der abtauende Schnee oberflächlich abgeflossen, sodass das Pflanzenjahr mit einem Wasserdefizit begann. Das Frühjahr darauf und der Sommer 2018 waren extrem lang und heiß. Der letzte Winter und dieses Jahr waren bisher viel zu trocken. 

Was macht das mit den Böden? 

An vielen Stellen findet sich Feuchtigkeit erst in einer Tiefe von 1,70 Metern und mehr. So tief wurzeln aber nur wenige Baumarten, und dann auch nur, um sich zu verankern, nicht um sich zu versorgen. Die Wurzeln brauchen für ihren eigenen Stoffwechsel neben Wasser zwingend auch Sauerstoff in der Bodenluft. Und den finden sie in ausreichender Menge nur in den obersten 60 Zentimetern des Bodens. 

Wie reagieren Bäume darauf? 

Sie können zu Lasten der Fotosynthese die Spaltöffnungen in den Blättern verschließen, um Wasser zu sparen – dann verhungern sie. Oder sie lassen die Spaltöffnungen offen – und verdursten. Eine ausgewachsene Buche braucht an einem Sonnentag rund 400 Liter Wasser zur Kühlung durch Verdunstung und den Prozess der Fotosynthese. 

Aber dann müssten die meisten Buchen schon tot sein? 

Einen gewissen Stress halten Bäume schon aus. Aber gerade bei den Buchen erkennen wir ihr Ende einfach nicht sofort. Die für uns Menschen sichtbaren Entwicklungsparameter für das Jahr 2021, wie Blattanzahl und -größe, werden im Inneren der Knospen jetzt gerade festgelegt. „Gebundenes Wachstum“ lautet der Fachbegriff dafür auf deutsch. Manche Buche spult also im Extremfall ein Programm ab, das im vorletzten Jahr festgelegt wurde, obwohl sie bereits letztes Jahr gestorben ist.

Wir dachten, die Buche wäre der natürliche Baum, der sich in Mitteleuropa wie von allein durchsetzt. Das hat sie auch geschafft, als sie nach der Eiszeit hierher zurückkehrte und die anderen Baumarten von den günstigen Standorten verdrängte. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden die Buchenwälder auf großer Flache übernutzt. Waldweide mit Ziegen, Schweinen und Kühen, Aschebrennerei für Glashütten und die Holzkohlegewinnung für die Erzschmelze haben unserem ursprünglichen Wald den Garaus gemacht. Aber die Buche würde ohne Eingriff des Menschen die Landschaft in weiten Teilen dominieren. Zentraleuropa ist Buchenland, solange wir zentraleuropäisches Klima behalten. 


Und weshalb dann die Fichtenkulturen? 

Die Fichte war die Notlösung, denn sie kann auch noch auf ausgelaugten Böden wachsen, wo die Ansprüche der Buche nicht mehr erfüllt werden. Und sie liefert schon in jungen Jahren das wichtige Holz für den Bau und – insbesondere nach dem Krieg – für den Bergbau. Angefangen hat das mit den Preußen im frühen 19. Jahrhundert. Dabei hat die Fichte hier nie hingehört. Das Sauerland ist keine Fichtengegend. 

Ideal wären also durchweg Laubbäume? 

Das lässt sich so nicht sagen. Deutschland ist ein holzhungriges Land und importiert große Mengen für Bau, Papier und Industrie. Hätten wir nur Laubwälder, müsste jeder Dachstuhl aus Eiche gebaut werden. Meiner Meinung nach könnte der Douglasie in Zukunft eine große Rolle als Ersatz für die Fichte zufallen. 

Was ist das Besondere an der Douglasie? 

Sie ist robuster gegen Hitze und auch gegen Wind, außerdem ist sie ertragreicher und ihr Holz umweltresistent ohne Behandlung. Zudem hat sie ökologische Vorteile, weil sie nicht so dicke Rohhumuspakete bildet wie die Fichte. Die Nadeln der Douglasie schmecken dem Regenwurm besser, und damit ist der Waldboden insgesamt aktiver. 

Macht sich das trocken-heiße Klima denn auch bei den Stadtbäumen bemerkbar? 

Ja, sicher. Und auch schon länger. Aus der Praxis habe ich den Eindruck, dass manche Stadtbäume das derzeitige Extremwetter sogar etwas besser ertragen als die Bestände außerhalb der Städte, wo Hitze und Strahlungsprobleme erst seit zwei Jahren in voller Härte ankommen. Stadtbäume mussten sich schon immer damit arrangieren. Aber wirklich vergleichbar sind die Bäume in der Stadt und im Wald nicht. 


Wo liegt der Unterschied? 

In der Stadt geht es nicht selten um Architektenpetersilie, wie ich sie nenne. Das sind Alibi-Bäumchen in winzigen Baumscheiben, die an ihrem Standort nie eine Chance hatten und nur deshalb da stehen, weil eine Begrünung für das Bauvorhaben vorgeschrieben war. G- und V-Bäume – gepflanzt und vergessen. 

Aber manche sehen doch ganz proper aus? 

Ja. Weil sie gerade stehen und nicht umfallen. Schon das ist ein Wunder. Kein Wunder ist, dass sie nicht alt werden können. Unter ihnen ist der Boden oft genau so hoch verdichtet wie unter der Straße nebenan. Der Richtwert gegen eine Verformung des Straßenunterbaus verlangt einen Druck von mindestens 45 Tonnen pro Quadratmeter. Da wächst doch keine Wurzel rein. Die nutzt lieber den Sandkanal um die Strom- und Gasleitungen im Gehweg, wenn sie einen Weg dahin findet. Denn da ist Luft im Boden, er ist leichter zu durchwachsen und da ist es sogar ein bisschen feuchter. 

Gibt es denn bauliche Alternativen? 

Ja, zum Beispiel mit Gabionen. Das sind mit Steinen und wurzelfreundlichem Substrat gefüllte Körbe aus Stahldraht, die sich neben und sogar unter den Fahrbahnen einbauen lassen, verdichtungsfest und trotzdem mit Freiraum für Wurzeln. Oder auch große T-Rohre aus dem Kanalisationsbau. Aufrecht eingebaut und mit tauglichem Substrat gefüllt, kann ein Baum das gesamte Volumen durchwurzeln, weil es vor Verdichtung geschützt ist. Ein weiterer Vorteil bei beiden Lösungen ist, dass sich Bäume unterirdisch vernetzen können. Bäume sind Gesellschaftslebewesen. Sollen sie in der Stadt alt werden können, muss man ihren Ansprüchen gerecht werden. Das fängt bei der Herstellung des Standorts an.

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