Bitterböses zum Totlachen

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Nicht nur das Klavierspiel beherrscht er virtuos, auch das Putzen.

HALVER ▪ „Nach der Pause gehen die FDP-Wähler und die Katholiken“, sagt Hagen Rether – nicht in Halver. Alle bleiben, bis zum Schluss um genau 23.15 Uhr. Mit seinem Solo-Programm „Liebe“ fesselt er sie. Charmant, elegant gekleidet, proper und augenscheinlich ein wenig schüchtern kommt er daher, der Kabarettist aus Essen, behandelt – mit feingliedrigen Fingern – nicht nur virtuos die Klaviertastatur, sondern auch – mit Mikrofasertuch und Spray – stundenlang den „wie sieht der denn aus“-Flügel und bringt – fast beiläufig – seine fein ziselierten Plaudereien unters Volk.

Schon super, wie der „Spargeltarzan“ die Klaviertastatur bearbeitet, Grönemeiers „Männer“ zu Frauen mutieren lässt, Beatles-Songs singt oder „Sah ein Knab ein Röslein ....“ fast bis zur Unkenntlichkeit gekonnt variiert.

Wer leichte Unterhaltung erwartet, ist schon nach den ersten Sätzen enttäuscht. Und Gefühlsduselei kommt auch nicht vor. Rether nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht nicht durch die Blume, sondern Klartext. Sarkastisch und böse streift er pointiert fast alles, was das Leben ausmacht. Auch die Stadt Essen, in der er „gerne“ lebt - nicht der Häuser, sondern der Menschen wegen, auch wenn es dort mehr Politessen als Prostituierte gibt: „Das Schöne an Essen sind die Autobahnen. In zwei Minuten bist du draußen. Und wenn du wieder reinfährst, denkst du: Wenn so Essen aussieht, wie sieht dann Kotzen aus?“ Neben solcherlei Alltäglichkeiten sind es überwiegend große Themen, die er ironisch-zynisch in den Fokus nimmt, auch derart, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Es darf wieder gewählt werden. Die FDP, die „Bauchrednerpuppen der Konzerne“? - warum wählen Viecher ihre Metzger? Warum predigt der Papst Gottvertrauen und fährt Papa-Mobil, hinter Panzerglas, wie ein Bankangestellter, warum interessiert es hier nicht, dass in Afghanistan 10 Millionen Landminen liegen, Frauen weniger unter der Burka als unter Männergewalt leiden, weltweit 70 000 Frauen jährlich krepieren, weil sie illegal abtreiben müssen, 80 Prozent der Länder von Frauenhassern regiert werden, Millionen wegen Kondomverbots in armen katholischen Ländern an Aids sterben – und, und, und? Dass Merkel laut über eine Börsenumsatzsteuer nachdenkt, ist für ihn so, als würde der Papst eine Schwulenehe fordern. Und überhaupt, der Vatikan, mit seiner „Spaßreligion für alte Männer“, der habe jetzt andere Sorgen. Von Domspatzen-Klatschen sei die Rede und davon, dass Bischof Mixa zwei Kinder haben soll, „wie das Augsburger Einwohnermeldeamt gepetzt hat. Aber Gott interessiert das nicht, er hat Humor, hat auch ‚Meerschweinchen‘ gemacht.“

Der Buddhismus? „Eine tolle Angelegenheit, aber muss man gleich eine Religion daraus machen? Nett sein, einfach nur nett, das reicht doch.“ Weil Roland Koch es mit dem Dalai Lama gut kann, gehe die Angst um, dass er zum Buddhismus konvertiert – und wieder geboren wird.

Und was die CIA, die Bin Laden und Sadam Hussein ausgebildet hat , alles herausfindet: Dass 2009 ein elendes Jahr war und dieses ganz toll sein soll. Was sie aber noch herausfinden muss: „Dass Obama in Wahrheit Wallraff ist - oder haben sie beide schon zusammen auf Fotos gesehen?“ Die Spitzenpolitiker, „Populisten und Demagogen“, bekommen alle ihr Fett weg, auch die Uno, „die die Lizenz zum Töten vergibt“. Aber Gott sei dank: „Wir sind die Guten“.

Der Zuhörer muss beim verbalen Hakenschlag schon schnell mitdenken. Spricht Rether einen Satz, sind ein paar aneinander gereihte Buchstaben schon das Stichwort für den nächsten. Und alles bringt er, der sich vor Stalinismus und Öko-Diktaturen fürchtet, im leisen Plauderton über die Lippen. Die Lacher sind ihm sicher, die Nachdenker auch. Und die Einsichtigen, die nach drei Stunden besten Kabarett-Genusses dankbar nur eine Zugabe fordern – der „Liebe“ wegen. ▪ Yvonne Pfannschmidt

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