1800 Männer und Frauen arbeiteten von 1940 bis 1945 in Halver unter Zwang

Bewegender Vortrag über ukrainische Zwangsarbeiter

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Autor Werner Sinnwell beleuchtete das Leben ukrainischer Zwangsarbeiter, die im Zweiten Weltkrieg in Halver lebten.

Oberbrügge - Rund 1800 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, überwiegend aus der Sowjetunion und Polen, waren in Halver gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Fabriken und auf Bauernhöfen beschäftigt. In der Zeit zwischen 1940 und 1945 lassen sich 18 Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager in Halver nachweisen. Nicht wenige dieser Menschen wurden misshandelt, ins KZ deportiert oder sogar ermordet.

Im Auftrag des Märkischen Werkes Halver – einer jener Halveraner Betriebe, die Zwangsarbeiter beschäftigteten – begab sich Werner Sinnwell ab dem Jahr 2000 gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer des Märkischen Werkes, Dieter Hoffmann, mehrfach in die Ukraine, um dort nach ehemaligen Zwangsarbeitern aus Halver zu suchen. Über diese sehr ereignisreichen Reisen – zwanzig Menschen spürten die beiden auf – berichtete Sinnwell am Mittwoch im Rahmen der Bildungspartnerschaft der Grundschule Oberbrügge mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bürgerhaus in Oberbrügge.

Erstaunlicherweise seien ihnen von den Menschen keinerlei Vorwürfe oder Anklagen entgegengebracht worden, erklärte der Referent. „Vielmehr standen die Freude darüber, dass wir uns an ihre Schicksale erinnerten, sowie eine unglaubliche Gastfreundschaft im Vordergrund“, sagte Sinnwell. Auf der einen Seite gebe es zwar sehr viele Beispiele, dass die menschenverachtenden Bestimmungen der Nazis auch in Halver zum Teil schonungslos ausgeführt worden seien – Zwangsarbeiter wurden wegen Nichtigkeiten ins Konzentrationslager deportiert oder gar direkt vor Ort ermordet – andererseits erinnerten sich die Menschen aus der Ukraine aber auch an Mitmenschlichkeit, die ihnen von den Halveranern entgegengebracht wurde.

„So nahmen zum Beispiel Bauern gemeinsam mit den Zwangsarbeitern ihr Essen ein oder halfen ihnen in den unterschiedlichsten Situationen, was natürlich unter Strafe stand“, erklärte Sinnwell. Deutsche Arbeiter des Märkischen Werkes waren den Zwangsarbeitern oft wohl gesonnen und steckten ihnen Brote zu. Auch Freundschaften zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern seien entstanden.

In seinem im Jahr 2002 erschienenen Buch „Wir dachten alle, keiner erinnert sich an uns – Spurensuche in der Ukraine“ hatte Sinnwell über die berührenden Begegnungen mit den einstigen Zwangsarbeitern berichtet und Einzelschicksale von Menschen dokumentiert, die als Jugendliche hierher verschleppt worden waren. Umfangreiches Fotomaterial, das Sinnwell von den Menschen zur Verfügung gestellt bekam, verarbeitete er in seinem Buch und zeigte es während des Vortrages.

Mit dabei waren unter anderem Propagandafotos der Nazis, die vor allem die Mädchen in gestellt ungezwungener Umgebung zeigten und zu Postkarten für die Familien zuhause umfunktioniert wurden. Die Texte, die die Zwangsarbeiterinnen auf diese Karten schrieben, wurden zensiert und Formulierungen, die die menschenunwürdigen Verhältnisse auch nur andeuteten, hart bestraft.

Sogar Hochzeiten unter den Zwangsarbeitern fanden in den Lagern in Halver statt – auch hiervon stellten die Menschen in der Ukraine ihren Besuchern aus Deutschland zahlreiche Fotografien zur Verfügung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das Martyrium für viele der Zwangsarbeiter noch lange nicht vorbei: In ihrer Heimat wurden sie als Kollaborateure diffamiert und zum Teil erneut zur Zwangsarbeit in Russland gezwungen.

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