„Jung und inkompetent und immer eine Spur zu vehement“

Die Berliner Kult-Chansoniers verstanden es, ihr Publikum von Anfang an mitzureißen. - Foto: von Hagen

HALVER - Zwar gab es beim Soundcheck noch Probleme bei der Klangqualität des S, etwa beim „Sex mit der Ex“, doch die Stimmung der Halveraner Zuhörer war bereits drei Minuten vor Beginn des eigentlichen Programms mit den Berliner Kult-Chansoniers Pigor, Eichhorn und Ulf ausgezeichnet.

Da war das Warm-up mit dem Pianisten Burkhard Eichhorn, „Was ist der Unterschied zwischen Ihnen und einer Kontaktlinse?“ fast überflüssig, so dass der routinierte Musiker, der perfekt den Ton von Kerner anzuschlagen verstand, die „Po-inte“ auch gleich schuldig blieb.

Als Napoleon IV. und Prinzregent des Chanson kündigte er den Sänger des Trios, Pigor, an, dass mit dem bis auf wenige gezielte Einsätze im Hintergrund agierenden DJ Ulf komplett war. Mit viel Wortwitz, geschulten Blick für kleine und große Nervigkeiten des Alltags und mitreißenden Hip-Hop-Rhythmen sangen die drei Musiker sich und den Zuhörern den täglichen Frust von der Seele.

Ob es um das Warten an der Wursttheke ging “Ich werde nicht bedient, also bin ich nicht“, dem täglichen Verplempern mit Sozialkontakten, „die wir uns nicht mal rausgesucht hatten“ oder den neuen Jungstars der Medienbranche „jung und inkompetent und immer eine Spur zu vehement“.

Mit viel Witz eroberten die drei das Halveraner Publikum. Ein Höhepunkt des Auftritts war sicher die Vorstellungsrunde der drei Musiker, die sich augenzwinkernd und nicht ganz ernst gemeint jeweils als Vertreter einer Computer-Generation vorstellten. Pigor als Atari-Typ, Eichhorn als Vertreter des OS X 10.3-Panther-Betriebssystems und Ulf immerhin als Mac-Book-Pro-Typ mit dem OS X 10.9-Wiesel-Betriebssystem. Ihre Probleme mit Sonderzeichen in Word, „um den Namen des Steuerberaters einmal korrekt schreiben zu können“, oder mit dem Graphic-Converter fanden beim Publikum viel Anklang und ihre Nummer über die Rache für die „gebrochenen Versprechen von IT“ wurde zur Halveraner Hymne.

So kam es auch, dass sich einige von ihren Plätzen erhoben , als Pigor diejenigen bat aufzustehen, die gerade ihr Dokument nicht ausdrucken können oder die heimlich ihren Rechner anschreien. „Und wer jetzt nicht aufgestanden ist, der ist entweder ein dreckiger Angeber oder er hat keinen Computer“ lautete denn auch das Fazit von Pigor. Ein wenig lahm viel dagegen die Interview-Nummer Pigors mit Eichhorn aus, „du giltst auch privat als wortkarg“, die indes durch ausgezeichnete 45-Sekünder „auf allen Gleisen zieht es wie Hechtsuppe, warum baut ihr nicht mal einen zugfreien Bahnhof“ aufgelockert wurde.

Dass sie auch bitterbös und hintergründig sein können, zeigten die Salon-Hip-Hoper mit der „Rabenmutter“ oder dem Lied über Schwarz-Rot-Gelb und dem Land, dass sich schon bei den Nationalfarben etwas vormacht. Insgesamt ein musikalisch-kabarettistisch höchst gelungener Abend, der auch Skeptiker für die Berliner Salonvariante des Hip-Hop einzunehmen wusste. - kvh

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