Die Hoffnung fällt mit den Fichten

Chemie-Tipis im Wald: Die letzte Hoffnung im Kampf gegen den Käfer

BASF Trinets liegen im Wald von Halver
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Untauglich für die Wälder im Sauerland? Bei starkem Wind oder einer Berührung kippen die Fallen schnell um. Viele der Fallen liegen deshalb in Halvers Wäldern herum, sind demoliert oder völlig zerstört. Die Meinungen gehen gleichwohl auseinander.

Im Kampf gegen den Borkenkäfer haben manchen Waldbauern auch auf Chemie gesetzt. Die Meinungen gehen auseinander. Aber jetzt liegen die Fallen im Wald. Ein Umweltproblem?

„Achtung Forstschutz!”, steht auf dem kleinen Warnhinweisschild an einer Art Mini-Tipi in einem Waldstück in Halver. Und: „Das in den Fasern eingebettete Pflanzenschutzmittel sollte nicht mit der Haut in Berührung kommen.” Das Mini-Tipi ist eine vom Chemiekonzern BASF entwickelte Falle – ein schnell aufgebautes Leichtgewicht auf drei Aluminiumfüßen stehend, von einem Netz umspannt. Ein modernes Pflanzenschutzsystem. Pheromone und Insektizide gegen den Borkenkäfer. BASF nennt es das “Attract and Kill-System”. Anziehen und töten.

In der Mitte der zeltähnlichen Gebilde pendelt ein kleiner Plastikbehälter mit Pheromonen, die den Borkenkäfer anziehen. Fliegt der Schädling gegen das Netz, tötet eine Chemikalie den Käfer. Er fällt auf den Boden, ist tot. BASF Trinet heißen diese modernen Waffen gegen den mittlerweile wohl gefürchtetsten Waldschädling in Deutschland, der gerade einmal zwischen einem und zwölf Millimeter groß wird. Und doch in der gigantischen Masse, mit bis zu 100 000 Käfer pro Baum, die Fichtenwäl- der im Sauerland bevölkert. Untersuchungen haben ergeben, dass sich aktive Käfer-Paare auf bis zu 30 000 Exemplare vermehren.

Was bringen die Tipis?

Die Mini-Tipi-Falle ist eine zarte Konstruktion für die raue Umgebung des Waldes. Sieht so Tauglichkeit für die Natur aus? Forstoberinspektor Ulrich Ackfeld sagt klar: „Die taugen nichts.” Und vermutet: „Da wollte BASF wohl schnelles Geld machen”, fügt er hinzu.

Bei starkem Wind oder einer Berührung kippen die Fallen schnell um. Viele der Fallen liegen deshalb in Halvers Wäldern herum, sind demoliert oder völlig zerstört. Auch die Wirkung der Fallen ist zweifelhaft. Oft fliegen Käfer gegen das Netz und es passiert nichts. Wenn das Attract- and-Kill-System funktioniert, werden täglich circa 10 bis 15 Käfer pro Netzseite getötet.

Halvers Waldbesitzer schaffen sich die Trinet privat an. Aus Verzweiflung, weil sie im Kampf gegen den Borkenkäfer nicht mehr weiter wissen. Weil der Kampf gegen das Insekt so gut wie verloren ist. Circa 80 Euro kostet eines dieser Tipis. Wobei die Falle nach sechs Monaten ihre Wirkung verloren hat, dann müssen Pheromone und Chemie im Netz erneuert werden. Ulrich Ackfeld kennt Waldbesitzer, die sich nur das Netz bestellt und es an Zaunlatten befestigt haben. Diese Konstruktionen sind robuster. Für Fangsysteme mit Insektiziden werden keine Kosten durch die Forstbehörde erstattet. Außerdem sind Wasserschutzzonen einzuhalten.

„Achtung Forstschutz!”, steht auf dem kleinen Warnhinweisschild an einer Art Mini-Tipi in einem Waldstück in Halver. Und: „Das in den Fasern eingebettete Pflanzenschutzmittel sollte nicht mit der Haut in Berührung kommen.”

Eine Alternative, die gefördert wird und ohne Chemikalien funktioniert, ist die sogenannte Schlitzfalle. Von Pheromonen angelockt, fliegen die Käfer in einen rechteckigen Fang-Behälter, fallen in eine Schublade, in der sie verenden. Der Nachteil: Die Behälter müssen häufig geleert werden, ansonsten werden die Käfer durch Aasgeruch abgeschreckt. Der Vorteil: Schlitzfallen können auch zum Monitoring der Borkenkäfer-Populationen eingesetzt werden. Und andere gefangene Arten werden nicht direkt getötet. Für die Verwendung der BASF-Fallen ist ein Sachkundenachweis mit Prüfung erforderlich, weil mit Chemikalien gearbeitet wird, die bei Berührung für den Menschen gefährlich sind. Schwere Haut- und Augenreizungen können die Folge sein. Auch für andere Lebewesen besteht Gefahr.

Die Chemikalie ist sehr giftig für Fische, Fischnährtiere und Algen. Und auch friedliche Insekten geraten in Mitleidenschaft: „Dieses Insektizid wirkt nicht spezifisch allein gegen die zu bekämpfenden Schadorganismen. Die Anwendung kann daher auch Populationen anderer Arthropoden schädigen”, so steht es bei den Gefahrenhinweisen des Herstellers. Arthropoden sind artverwandte Insekten. Um so wichtiger ist ein sachkundiger Aufbau und Umgang. Halvers Forstoberinspektor weiß von mehreren Waldbesitzern, die diese Art von Fallen einsetzen. „Nur zwei haben die Prüfung und Sachkundenachweis gemacht.”

Nach sechs Monaten keine Wirkung mehr

Auch wenn die Chemikalien und Pheromone nach sechs Monaten ihre Wirkung verloren haben, ist es kein Grund, die Fallen nicht zu entsorgen. Ulrich Ackfeld findet: „Im Wald haben die unbrauchbar gewordenen Fallen nichts mehr zu suchen.”

Entweder entsorgt man diese oder erneuert das Pflanzenschutzsystem aus Insektiziden und Pheromonen. Sind die zeltähnlichen Fallen denn wirklich so walduntauglich? Der Halveraner Jörn Hevendehl, hiesiger Waldbesitzer und Forstamtsleiter in Lüdenscheid, sieht das etwas anders. „Wenn man die Fallen richtig aufbaut, dann sind die schon in Ordnung.” Wichtig ist es, dass die Aluminium-Beine mit Haken im Boden verankert werden, dann fallen die Trinet auch nicht bei Wind und Berührung um. Momentan, bei den kühlen Temperaturen, arbeiten die Fallen wirklich gut, sagt Hevendehl.

Temperaturen entscheiden auch, wie stark der Anflug der Borkenkäfer wird. Ab 16,5 Grad Celsius schwärmen sie aus. Und wenn es zu warm ist, wie in den vergangenen Jahren, richten auch die Fallen nichts mehr aus – der Borkenkäferbefall ist dann zu extrem. So wie 2019 und 2020. Auch in diesem Jahr rechnet Jörn Hevendehl wieder mit einem heftigen Anflug des Schädlings.

Klimawandel hautnah

„Wir erleben den Klimawandel hautnah”, sagt Hevendehl. Sollten die Klimaziele nicht erreicht werden, dann werde es den Hochwald, so wie wir ihn hier im Sauerland kennen, irgendwann nicht mehr geben. „Dann wird es nur noch überwiegend Buschvegetation geben”, blickt der Halveraner pessimistisch in die Zukunft. Für viele Waldbesitzer sind die modernen BASF-Fallen der letzte Strohhalm, die letzte Hoffnung im Kampf gegen den winzigen Feind.

Katastrophal war der Befall im vergangenen Jahr. Dann hilft nur noch, um eine schlimmere Plage zu verhindern, betroffene Bäume rasch zu fällen und so schnell wie möglich aus dem Wald zu transportieren. 150 000 Festmeter Holz mussten allein seit Mai 2020 rund um Halver gefällt werden. „Wir haben hier mittlerweile die vierte Generation der Borkenkäfer. Die dritte Generation war schon eine Katastrophe”, sagt Ulrich Ackfeld. Ein Blick in die Zukunft, ins Ungewisse. Mini-Tipis als Lösung? Versucht haben wollen die Waldbesitzer alles.

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