Integration

Integrative Erfolgsgeschichte - Flüchtling findet in Halveraner Malerbetrieb berufliches Glück

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Ortstermin Baustelle: Der Azubi Ziyodullo Atobekov bei Innenarbeiten.

Halver - Reinhard Göddert kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf dem Küchentisch liegen Zeugnisse. „Sehr gut, sehr gut, sehr gut und noch mal sehr gut.“ Es sind die Noten von Ziyodullo Atobekov, Auszubildender im alt eingesessenen Halveraner Malerbetrieb Göddert.

„Wir nennen ihn einfach Ziyo“, sagt der 72-Jährige. Reinhard Göddert ist Maler- und Stuckateurmeister. Den Familienbetrieb Göddert gibt es seit 1947. Sohn Oliver führt den Handwerksbetrieb inzwischen in dritter Generation weiter. Reinhard Göddert ist trotz seines Alters noch immer aktiv, arbeitet nach wie vor. Jahrelang haben Vater und Sohn im Betrieb keinen Auszubildenden mehr. Vor allem, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Vor zwei Jahren kommt dann Walter Weyland, der für die Flüchtlingshilfe eine Unterkunft am Bahnweg betreut, auf den Maler zu und fragt, ob er nicht einem Flüchtling eine berufliche Chance geben könne. Nach längerem Hin und Her absolviert Ziyo ein Praktikum bei Oliver Göddert. 

Ein eingespieltes Team: Oliver Göddert (li.) und sein Azubi Ziyodullo Atobekov.

Schon nach dem ersten Tag berichtet der 35-jährige Sohn seinem Vater voller Begeisterung: „Er sieht die Arbeit“, erinnert sich Reinhard Göddert. Davon will sich der Senior natürlich selbst ein Bild machen – und geht im Ergebnis seiner Beurteilung sogar noch einen Schritt weiter: „Er sieht die Arbeit nicht nur – er sucht sie.“ Kurz darauf wird der Ausbildungsvertrag unterschrieben und die integrative Erfolgsgeschichte nimmt ihren Lauf. Auch der zuständige Ausbilder am BKT in Lüdenscheid ist von Ziyo überzeugt. So ein Auszubildender sei die absolute Ausnahme, heißt es. 

Fortan lernt Reinhard Göddert mit dem Flüchtling. Abends, am Wochenende und an Feiertagen. Nicht nur das Handwerk des Malers, sondern vor allem Deutsch. Die ersten Noten sind aufgrund der Sprachkenntnisse nicht so gut wie die, die Ziyo inzwischen mit nach Hause bringt. Doch mit jedem Tag stellen sich Fortschritte ein. Große Fortschritte. Wenige Tage nach dem Gespräch mit Reinhard Göddert ein weiterer Termin. Diesmal in Breckerfeld. Oliver Göddert und sein Azubi sind auf einer Baustelle mit Innenarbeiten beschäftigt. Während Ziyo auf der Leiter mit dem Spachtel Tapetenreste bearbeitet, erzählen Chef und Lehrling von ihren Erfahrungen. 

„99,9 Prozent des Feedbacks ist positiv“, berichtet Oliver Göddert. Aber es gibt auch jene 0,1 Prozent, die sich einbrennen im Gedächtnis. „Schaffen Sie mir diesen Ausländer von der Baustelle, hieß es mal“, erinnert sich Göddert an eine Begebenheit. „Das sind die Kunden, die ich aussortiere“, wird aus dem freundlichen, zuvorkommenden Malermeister, der zudem Sachverständiger für Schimmelschutz und Wohnklima ist, ein Mensch, der keinen Spaß mehr versteht. „Die Herkunft eines Mitarbeiters ist mir völlig egal“, sagt Oliver Göddert. 

Chef weist den Weg, den der Azubis alleine gehen muss

Ziyo lächelt zurückhaltend, wenn sein Chef erzählt und antwortet auf Fragen – Reinhard Göddert hat nicht übertrieben – in fließendem Deutsch. Ursprünglich stammt der 24-Jährige aus Tadschikistan, spricht Arabisch, Russisch, Englisch und jetzt eben auch Deutsch. Unterstützt haben die Gödderts Ziyo Atobekov nicht nur bei der Ausbildung. Seine erste Unterkunft war im Bahnweg. Mit allen Nachteilen, die eine Sammelunterkunft mit sich bringt. Mittlerweile wohnt er alleine in einer Wohnung. „Seitdem ist er morgens wesentlich ausgeschlafener“, schmunzelt Oliver Göddert und sein Lehrling ergänzt: „Am Bahnweg hatte man keine Ruhe zum Lernen. Ständig hat jemand geklopft.“ Auch sein eigenes Auto fährt Ziyo inzwischen. „Helfen“ will Reinhard Göddert das alles jedoch nicht nennen. „Ich weise den Weg in eine Richtung“, sagt er. Gehen müsse Ziyo alleine. 

Privat sei der 24-Jährige ein echter Künstler. Er zeichnet auf Papier. Reinhard Göddert erzählt, er habe sein Hobby einst zum Beruf gemacht und hofft, dass es seinem Auszubildenden ähnlich geht. Doch es bleibt ein Schatten der Ungewissheit. Momentan ist Ziyo nur geduldet. Im sechsmonatigen Turnus verlängert die Ausländerbehörde die Duldung. Aber: Weil Tadschikistan nicht als Krisengebiet gilt, kann noch immer eine Abschiebung drohen. „Ja, die Gefahr besteht“, sagt Oliver Göddert, wenngleich er „es überhaupt nicht verstehen würde, wenn das wirklich so kommen sollte.“ 

Halveraner Familienbetrieb möchte Ziyo Atobekov gerne übernehmen

Denn für Oliver und Reinhard Göddert ist klar, dass Ziyo dauerhaft im Unternehmen bleiben soll. „Selbstverständlich werde ich ihn übernehmen nach der Ausbildung“, legt sich Oliver Göddert bereits jetzt fest. Reinhard Göddert geht noch einen Schritt weiter. „Jeder meiner Lehrlinge hat seinen Meister gemacht.“ Bei Ziyo Atobekov habe er keine Bedenken, dass auch er es schaffen wird. Doch das ist Zukunftsmusik. Eine Arbeitserlaubnis und die Abschlussprüfung sind die nächsten Etappen. „Wir wollen ihn nicht verlieren“, sagt Reinhard Göddert. Und Ziyo Atobekov? – Er will nicht weg. Um nichts in der Welt.

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