Corona in MK

Ausgangssperre: Eine Nacht in Halver unterwegs

Kaufland in Halver am Abend
+
In den Supermärkten spielt sich das Leben ab. Aber nur bis 21 Uhr. Dann schließen auch sie.

Es ist der vierte Tag der Ausgangssperre. Wir sind bis 1 Uhr nachts in der Stadt unterwegs und begleiten das Halveraner Ordnungsamt auf seiner Tour.

Halver – Es ist kurz vor 21 Uhr. Gleich beginnt die Ausgangssperre. Die Uhr tickt. Autos fahren rasch noch durch die Tempo-30-Zonen. Das für diesen Tag letzten Minuten des öffentlichen Lebens konzentrieren sich auf das Fachmarktzentrum. Sechs Fahrzeuge parken weiträumig verteilt. Um 20.57 Uhr kommen zwei Personen und gehen zu den Einkaufswagen. Eine Mitarbeiterin, die hinter der Schiebetür wartet, eilt herbei und teilt mit: „Ich darf keinen mehr reinlassen jetzt.“ Die Supermärkte schließen in der Stadt alle um 21 Uhr. Kaufland verkürzt seine üblichen Öffnungszeiten damit um eine halbe, Rewe um eine ganze Stunde. Die letzte Kundin packt den Einkauf, den sie in einer Pappkiste trägt, in ihr Auto und fährt.

„Merkel sieht auf Deutschland noch schwere Wochen zukommen“, sagt die Stimme im Radio. Eine Klinik aus Köln lässt vermelden, dass es „so viele Corona-Intensivpatienten wie nie“ gibt. Um 21.06 geht das Licht im Kaufland aus. Zwei Mitarbeiter verlassen das Gebäude, sie tragen Maske. Man verabschiedet sich, steigt in die Autos. Um 21.15 Uhr kommen drei weitere Mitarbeiter aus einem Seiteneingang. Mein Auto ist das letzte auf dem großen Parkplatz. Die Werbetafel an der Überdachung für die Einkaufswagen leuchtet grell. Sie wiederholt sich ständig. Alle Geschäfte sehen gleich aus.

„In Halver geht die Sonne auf“. Bis dahin bleiben die Straßen leer.

Zu Fuß durch die Stadt: Gassigänger unterwegs

Fußmarsch durch die Bahnhofstraße Richtung ZOB. An der Mittelstraße läuft Tim Neumann mit Hündin Elli. „Ich lasse sie nur kurz Pipi machen und gehe sofort wieder nach Hause“, erklärt er sich, obwohl er das natürlich gar nicht muss. Ich bin die von der Zeitung. Nicht von einer Behörde. Für ein Foto stellen sich die beiden unter eine Laterne.

Ein Kombi fährt vor. Auf der Motorhaube steht „Ordnungsamt“. Lutz Eicker sitzt am Steuer, Anja Trosien auf dem Beifahrersitz. Sie kommen aus Oberbrügge und beginnen jetzt ihre Tour durchs Stadtzentrum. Im Sommer, sagt Lutz Eicker, werden auch die Außenbezirke abgefahren. Aber zu dieser Jahreszeit ist dort keiner.

14-Jähriger will Döner um 22 Uhr kaufen

Wir fahren zur Karlshöhe. Franz-Dobrikat-Sportplatz. Ein beliebter Treffpunkt, aber heute ist niemand hier. Zurück ins Zentrum. Am Fachmarktzentrum vorbei, von der Bahnhofstraße auf die Frankfurter Straße. Bei Döner 2000 brennt noch Licht. Eine Person läuft zielgerichtet in den Laden, „bestimmt der Lieferant“. Dann der Richtungswechsel. Eicker hält an. Ein Junge erklärt, er wolle nur einen Döner holen, habe aber seine Maske vergessen, muss nochmal zurück. „Du darfst gar nicht draußen sein“, sagt Lutz Eicker und will wissen, wie alt er ist. Wo er wohnt. Wie er heißt. Der Junge ist 14 und wird nach Hause geschickt. „Bestell deiner Mutter einen Gruß.“
„Spaß macht der Job momentan nicht“, sagt Lutz Eicker. „Es ist ein reiner Kontrolljob geworden. Nur Kontrolle ist nicht schön.“

An diesem Tag hat Lutz Eicker den Schaustellern, die eigentlich auf die Halveraner Kirmes gekommen wären, die offizielle Absage geschickt. Überraschen wird sie es nicht. An die Großveranstaltung im Herzen der Stadt hat keiner mehr geglaubt. Aber es versetzt ihm einen Stich. Die Kirmes, um die sich Lutz Eicker seit vielen Jahren zusammen mit Larissa Arnold kümmert, fällt zum zweiten Mal aus. So wie (fast) alles. „Ich kann die Jugendlichen verstehen, hättest du dich einsperren lassen, Sarah?“

Ordnungsamt will gesehen werden

Aber es geht ihm nicht ums Bestrafen – auch nicht um Geld. In erster Linie will das Ordnungsamt gesehen werden. „Wir wollen es den Jugendlichen erklären. Natürlich redet man manchmal auch gegen eine Betonwand.“ Geldbußen werden oft gegen dieselben Personen verhängt. Solche, die die Mitarbeiter jede Woche mindestens einmal treffen. Solche, die schon zwei oder drei oder doppelte Bußgelder zahlen mussten. „Bezahlt wird immer.“

Dass am Freitag die Ausgangssperre beschlossen wurde, hatte man nicht erwartet. Wohl auch nicht, dass diese Nacht die letzte ihrer Art sein sollte, wie es das Verwaltungsgericht entschied. Doch es geht vorerst trotzdem weiter, weil der Kreis gegen das Urteil Beschwerde einlegt.

Villa Wippermann: Das Regionalmuseum leuchtet in der Nacht für sich allein.

Wir sind mittlerweile am Schulzentrum. „Hier am ZOB siehst du immer alle sprinten, wenn wir um die Ecke kommen“, sagt Eicker. Heute ist es ruhig. Auch die Bushäuschen sind leer. Wir fahren mit dem Auto auf die Schulhöfe und drehen langsam, um mit den Scheinwerfern jede Ecke abzuleuchten. Entlang der alten Realschule fährt Eicker bis durch zur Regenbogenschule und fährt wieder rückwärts aus der Sackgasse. Keiner da.

Es geht zum Baumarkt Lieder, dann zur Firma Werner Turck. Der Parkplatz des Unternehmens ist voll wie am Tage, hell erleuchtete Fenster am Kirchlöher Weg. Man sieht Menschen in weißen Kitteln und mit Masken. Draußen niemand. Weiter geht’s zur Schwarzenbach, nach Oege, zum Hundeplatz. „Alles ruhig“, sagt Anja Trosien.

Wir fahren zum Märkischen Werk und steigen das erste Mal aus. Der Weg führt mit Taschenlampe zu den Teichen, durch einen kleinen Tunnel, in dem gerne gefeiert wird, und der zu weiteren Gewässern führt. Der Weg ist zu Beginn beleuchtet und asphaltiert, bis er matschig wird. Man hört Bachzuläufe, aber keine Menschen. Im Tunnel: nichts. „Gruselig“, findet es Anja Trosien um diese Zeit hier. „Ich kann nicht verstehen, wie die Mädchen hier immer mit hingehen können.“ Erst kürzlich wurde hier aufgeräumt. Wohl deshalb liegt nur wenig Müll im Tunnel, dafür ein Einkaufswagen. Menschenleere.

Ein Mann kommt von der Arbeit

Die Tour geht weiter Richtung ehemalige Skateranlage. In die Katrineholmstraße biegt Lutz Eicker jedoch nicht ab. „Die Anlage ist zu.“ Er fährt am Jugendzentrum entlang. Gegenüber das Wettbüro, das trotz Pandemie geöffnet sein darf. Eine Person ist erlaubt. Rein, schnell wetten, wieder raus. Die Scheiben sind abgeklebt, nur am Rand sieht man Licht durch einen millimeterbreiten Schlitz.
Auf dem Fußweg entlang des Bächterhofs läuft ein Mann mit Rucksack. Der Kombi hält neben ihm, das Fenster geht runter: „Nabend.“ Der Mann kommt von der Arbeit und ist auf dem Weg nach Hause. „Na, dann. Schönen Feierabend“, wünschen die beiden Ordnungshüter. Das Fenster schließt. „Wir müssen glauben, was man uns sagt.“ So lautet die Anweisung.

Im Tunnel am Märkischen Werk: Nichts los.

Ausweisen muss man sich nicht. Spazieren gehen ist erlaubt. Joggen auch. Mit dem Hund gehen sowieso. Was eigentlich nicht? „Nur ein Haushalt, nicht zwei.“ Immer weniger Fenster leuchten. Die meisten schlafen wohl schon. Am Bahnweg ist alles dunkel. Vor den Häusern 4 und 8 liegt viel Müll. „Aber der Container ist endlich weg“, sagt Lutz Eicker. Um die Reste, die dort noch liegen, will man sich noch kümmern. Ein trauriges Bild, finden die beiden. Sie fahren ihre Tour erneut ab, dann geht‘s abschließend nach Oberbrügge. Es ist 23 Uhr, die Schicht der Ordnungshüter endet. Ab jetzt übernimmt die Polizei.

Weiter zu Fuß durch die Stadt. Durch die Parks. Über den Spielplatz. Entlang des Rathauses. Eine fast volle Flasche Bier steht mitten auf dem Weg, daneben eine halb gerauchte Zigarette. Sonst sind die Straßen leer. Das Lauteste ist das Piepen des Auslösers der Kamera. Licht leuchtet in den Häusern. Flackern von Fernsehern zieht den Blick von den dunklen Straßen weg. Die Halveraner sind zu Hause. Am Rathaus leuchtet der Schriftzug am Anbau. Nur im Kellergeschoss flimmert ein Bildschirmschoner. Ein Blick durch die Gitterstäbe am Fenster: große Dosen Weingummi. Aufeinandergestapelt. Am DRK-Gebäude flackert das Licht. Die Fassade der Villa Wippermann leuchtet und wirft Schatten. Es ist nichts los.

Polizei kontrolliert

Nochmal zum Tunnel, zu den Teichen. Vielleicht ist erst später jemand da? Aber es ist still. Im Märkischen Werk machen Arbeiter Feierabend, ab und an läuft jemand übers Gelände. Die Pfauen kreischen leise. Der Schornstein qualmt. Auch hier: Stille.
Die Polizei kommt. Ohne Scheinwerfer steht der Streifenwagen plötzlich neben mir. Nur mit Blaulicht. Ich zeige meinen Presseausweis, erkläre, was ich tue draußen um diese Zeit. „Ach, so.“ Es ist 1 Uhr. Die Schicht der Beamten dauert noch fünf Stunden. Bisher, sagen sie, haben auch sie niemanden gesehen und keine Verstöße festgestellt.
Wäre um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter und ohne Pandemie mehr los gewesen? Heute jedenfalls ist Halver zu Hause geblieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare