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Aus dem Krieg in die Schule: Mädchen aus der Ukraine findet Freunde in Halver

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Von: Sarah Lorencic

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Das elfjährige Mädchen (in der Bildmitte) flüchtete mit ihrer Familie vor dem Krieg aus der Ukraine nach Halver. Seit zwei Wochen nimmt sie am Unterricht teil. Mit ihren neuen Mitschülerinnen und Mitschülern verständigt sie sich auf Englisch.	Foto: Sarah Lorencic
Das elfjährige Mädchen (in der Bildmitte) flüchtete mit ihrer Familie vor dem Krieg aus der Ukraine nach Halver. Seit zwei Wochen nimmt sie am Unterricht teil. Mit ihren neuen Mitschülerinnen und Mitschülern verständigt sie sich auf Englisch. © Lorencic, Sarah

Englischunterricht in einer 5. Klasse der Humboldtschule. Alle Stühle sind besetzt, die meisten Schüler tragen weiter ihre Maske. In der kurzen Pause vor Unterrichtbeginn wird gelüftet. Ein Schulalltag so normal, wie er unter Corona-Bedingungen sein kann. Unter den Kindern sitzt auch ein elfjähriges Mädchen aus der Ukraine.

Halver – Vor rund einem Monat kam sie mit ihrer Familie in Halver bei Verwandten an. Ursprünglich kommt sie aus Syrien und musste Anfang März zum zweiten Mal wegen eines Krieges ihre Heimat verlassen (wir berichteten). Seit zwei Wochen geht sie in Halver zur Schule – und kommt immer mehr an.

Das Thema im Unterricht ist: „Let’s celebrate“. Was gibt es momentan zu feiern? Den Schülerinnen und Schülern fällt vieles ein. Weihnachten, Geburtstage, Zuckerfest. Die Liste ist lang. Am Montagmorgen geht es in den 45 Minuten speziell um Geburtstage, um „birthdays“. Die Kinder suchen nach Vokabeln auf die Frage hin, was man an diesem Tag isst und macht. Dass man Geschenke bekommt, antworten die Schülerinnen und Schüler sofort. Und: „Everybody eats cake“, stellt Lehrerin Silvana Kampschulte nach einigen Meldungen fest. Und auch: „The whole family comes.“ Wann das ukrainische Mädchen ihre ganze Familie wiedersehen wird, ist unklar. Einige sind noch in der Ukraine, andere in Syrien.

Englisch spricht das Mädchen „richtig gut“, erzählt ihre Lehrerin. In dieser Sprache kommunzieren fast alle mit ihr, auch die Schüler. Sie nutzen die Fremdsprache, um die Neue in der 5b zu integrieren. Eine Mitschülerin spricht fließend russisch und redet mit dem neuen Mädchen auf diesem Wege. Sie will ihr helfen, erzählt sie. Nur über den Krieg redet sie mit ihr nicht mehr, nachdem sie im Unterricht mal darauf angesprochen wurde und „doll weinte“. Sie bereitet ihr stattdessen einen schönen Tag in der Schule, fängt sie am Spind ab, nimmt sie mit auf den Hof, hält die Butterbrotdose, wenn sie zur Toilette muss. „We are friends“, sagt die Ukrainerin und lächelt sichtlich hinter der Maske, die voller Schmetterlinge ist. Eine weitere neue Freundin sitzt direkt neben ihr: Ein syrischen Mädchen, das erst vor kurzem geflohen ist. Die Heimat verbindet sie – und die Flucht. Meist sind die beiden still.

Vorbildlich legt das ukrainische Mädchen ihren Stift neben ihren Block, als sie fertig mit der Schreibaufgabe ist, während ein Tisch weiter die Füllerkappe in den Haaren eines Jungen verschwindet. „Was hast du in den Haaren?“, will die Lehrerin wissen. Mit nur wenig Haarverlust wird die blaue Kappe schnell herausgerissen. Wie sie dahin kommt? Kein Kommentar. Die Mitschüler können sich ein Lachen nicht verkneifen. Die Lehrerin auch nicht ganz. Die die Kinder sind Kinder, die man hin und wieder daran erinnern muss, sich hinzusetzen. Die einen passen auf, die hinterste Reihe macht mal Quatsch, wenn keiner guckt. Einfach Schule. Fernab von Krieg.

In der Ukraine besuchte die Elfjährige das Gymnasium. In Halver wurde die Regelung getroffen, dass die Humboldtschule die Klassen 5 bis 7 abdeckt und das Anne-Frank-Gymnasium die Klassen 8 bis 10. Unabhängig davon, von welchen Schulen die Kinder und Jugendlichen kommen, erklärt Schulleiter Reiner Klausing. Zunächst gehe es um eine gerechte Verteilung, um die sich Schulsozialarbeiterin Elvira Wiegand kümmert. Gegen Willkommensklassen, in denen die Geflüchteten unter sich blieben, haben sich die Verantwortlichen entschieden, so Klausing. Integration, sagt er, funktioniert, in dem man sie auch lebt. Und dazu gehört, die Schüler in die Klassen zu integrieren. Und es funktioniert, wie auch die Ukrainerin sagt. Sie fühlt sich wohl und ist Teil des Klassenverbands. Sie meldet sich häufig und nimmt am Unterrichtsgeschehen teil.

Im Englischbuch unterhalten sich Olivia und Luke über ihre Geburtstagsfeiern. Während der eine im Sommer draußen feiern und grillen kann, geht das Winter-Geburtstagskind dafür ins Kino. Und was machen die Schüler lieber? Kino oder Filmabend zu Hause? Für das ukrainische Mädchen ist die Antwort klar: zu Hause. Popcorn, erzählt sie, macht sie mit ihrer Familie dann immer selbst. Erinnerungen an Unbeschwertheit.

„I am happy“, sagt das elfjährige Mädchen zurückhaltend auf dem Pausenhof der Humboldtschule nach Unterrichtsschluss. In den Händen hält sie ihre Frühstücksdose, darin Brote und Apfelstückchen. Sie ist glücklich, denn sie ist in Sicherheit und hat schon einige neue Freunde an der Schule finden können. Aber sie weint sehr viel. Nachrichten aus der Heimat erträgt sie nicht, erzählt sie. „When I see it, I cry.“

Die jüngsten Ereignisse aus der Stadt Butscha, einem Vorort von Kiew, machen fassungslos. Es war der Vater des syrischen Mädchens, der kurz nach Kriegsbeginn entschied, dass die Familie fliehen muss. Er wusste, es hört nicht auf, erzählte er im Gespräch mit dem AA vor drei Wochen. Aber wie schlimm es werden würde, hat diese Familie nicht geahnt.

Derzeit sind zwölf Kinder aus der Ukraine Schulen in Halver zugeteilt. Sieben sind an Grundschulen, fünf an weiterführenden Schulen. Wie Regebogenschulleiter Daniel Riegel mitteilt, verläuft die Integration sehr unterschiedlich und fordert Lehrer heraus. Ein Viertklässler habe sich sehr auf die Schule gefreut. Andere, gerade jüngere, tun sich schwer. „Wir müssen ganz viel auffangen“, sagt er. „Je nachdem, was sie erlebt haben.“

Was gibt es noch zu feiern? Das ukrainische Mädchen wird bald zwölf, erzählt sie im Foyer. Kuchen gibt es dann. Und ihre Eltern, Geschwister und auch die Großmutter sind in Halver und feiern mit ihr. Geschenke braucht sie nicht. Sie hat so viel bekommen, sagt sie. Neue Kleidung und vieles mehr. Und die Wohnung, in der sie jetzt mit ihrer Familie lebt? Sie schwankt mit der flachen Hand hin und her und lächelt, will sich aber nicht beschweren.

Was gibt es zu feiern? Die Frage beantwortet auch Reiner Klausing. „Es gibt immer etwas zu feiern“, sagt er und appelliert, nicht in tiefe Depressionen zu fallen, sondern die Feste zu feiern, wie sie fallen und sie als Kontrapunkte zu den vielen schlechten Nachrichten zu nutzen. Darüber hinaus sei ihm in diesen Wochen einmal mehr bewusst geworden, dass Freiheit, Frieden und auch Demokratie nicht selbstverständlich sind. Und die muss man jeden Tag aufs Neue feiern.

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