Angeklagter gesteht den Überfall auf Modegeschäft

- Symbolbild

Halver - Mit einem Teilgeständnis des Angeklagten und dem beeindruckenden Auftritt zweier Zeuginnen begann am Dienstag im Landgericht Hagen der Prozess gegen einen 39-jährigen Mann aus Halver, der am Silvestertag 2013 ein Modegeschäft an der Bahnhofstraße überfiel.

Von Thomas Krumm

„Es war genau 12 Uhr. Ich habe den Ausverkaufsständer reingetragen, da kam er“, sagte die 79-jährige Inhaberin des Geschäftes, die von dem Täter schwer misshandelt wurde. Offenbar hatte er Angst, dass das Geschehen von der Bahnhofsstraße aus zu beobachten sein könnte: „Er hat mich gepackt und mich mit den Knien in den Laden reingetreten.“

Auf dem Boden liegend wies sie ihre 60-jährige Mitarbeiterin an, dem Räuber alles vorhandene Geld auszuhändigen – 160 Euro. Immer wieder soll der maskierte Mann mit vorgehaltener Waffe gedroht haben „Geld her! Ich knall dich ab.“ Davon wollte er selber im Gerichtssaal aber nichts mehr wissen. In Panik bekam die Verkäuferin die Kasse zunächst nicht auf. Als der Täter nach der Blitzaktion geflüchtet war, kümmerte sich die 60-Jährige zunächst um die 79-Jährige: „Meine Chefin lag schneeweiß vor mir.“ Dann sackten beide Opfer gefühlsmäßig zusammen: „Es war eine innere Zerrissenheit, als wenn einem die Beine weggingen.“

Die Folgen waren schmerzhaft und langwierig: Die 79-Jährige erlitt Blutergüsse im Bereich des Nackens, der Schulter und der Rippen sowie Bauchprellungen. Zehn Tage lang nahm sie Schmerzmittel. Sechs Wochen dauerte es, bis die schweren Blutergüsse abgeheilt waren. „Es war furchtbar. Der Schock bleibt ewig – davon bin ich überzeugt“, fasste die Inhaberin ihre Erlebnisse zusammen.

„Die ersten Wochen waren schlimm.“ Angst, Unruhezustände und Schlafstörungen suchten beide Frauen heim. Doch beide standen schon kurz nach dem Überfall wieder im Geschäft. „Ich habe keine Zeit, um zum Psychiater zu laufen. Ich lehne das ab“, zeigte sich die 79-Jährige kämpferisch. Letztlich müsse man so ein Erlebnis doch mit sich selber abmachen. Nur eine kleine Einschränkung gab es: „Ich habe ein bisschen kürzer getreten.“

Weil die Inhaberin mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag, lieferte vor allem ihre Mitarbeiterin eine recht präzise Beschreibung des Täters – inklusive seiner Kleidung. „Wenn Sie 40 Jahre lang diesen Job machen, merken Sie sich so etwas“, erklärte sie im Gerichtssaal.

Der Täter gab diesen Überfall zu, ließ einige Details aus und wollte sich zu zwei Überfällen auf Tankstellen in Halver und Schalksmühle am 25. und 27. Dezember nicht äußern: „Ich habe nur einmal in meinem Leben Scheiße gebaut.“ Als Grund für den Überfall nannte er Ängste, dass er über Neujahr möglicherweise nicht genug Geld für Drogen haben würde. Im Frühjahr 2013 habe er seine Frau und seine Arbeitsstelle verloren, erklärte er den Rückfall in eine frühere Drogen- und Alkoholabhängigkeit.

Wegen der Einfuhr und des Handels mit Betäubungsmitteln hatte er vor einigen Jahren schon eine Haftstrafe verbüßt. Anschließend habe er alles getan, um das Versäumte nachzuholen: „Ich habe nicht gearbeitet, ich habe malocht“, erklärte der Angeklagte – „260 bis 280 Stunden im Monat, um das Haus abzubezahlen“. Auch diese gewaltige Anstrengung tat der Ehe offenbar nicht gut. Die Tat am 31. Dezember erklärte der Angeklagte als Ergebnis einer spontanen Eingebung: Für seinen Sohn habe er kurz zuvor eine Spielzeugpistole gekauft, und der Socken, den er sich über den Kopf zog, sei ebenfalls als Geschenk gedacht gewesen. „Der Angeklagte war über sich selbst erschrocken, als ich ihm vorlas, was er gemacht hatte“, sagte seine Anwältin Julia Kusztelak über den drogen- und alkoholbedingt vergesslichen Räuber.

Der Prozess wird am 18. Juni ab 9 Uhr fortgesetzt.

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